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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Freiheit in der Jogginghose: Was uns die zwanglose Sonntagskleidung über unsere Gesellschaft verrät.

Der Sonntagsstaat

Wenn ich alte Fotos meiner Familie anschaue, so aus den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, sind die Männer und Frauen immer sehr formell gekleidet, nämlich im Sonntagsstaat. Das signalisierte zweierlei: Die besondere Bedeutung des Sonntages zum einen und zum anderen, dass man sich das leisten konnte und damit nicht zu den Armen und Tagelöhnern gehörte, sondern sich ein Stück bescheidenen Wohlstand erarbeitet hatte; der durfte, nein: musste dann auch gezeigt werden.

Lief man in der Woche mit Blaumann oder Schürze rum, mit groben Schuhen und vielleicht auch einem Kopftuch, konnte man am Sonntag deutlich machen: Hier war man wer, hier konnte man sein Erscheinungsbild würdevoll gestalten. Auf den Fotografien blicken mich die Vorfahren dann auch an, mit stolzem Blick, etwas steif und förmlich, aber sich durchaus ihrer gesellschaftlichen Stellung bewusst.

Was werden unsere Nachkommen dann irgendwann einmal über uns sagen? Der Sonntagsstaat besteht heute häufig aus bunten Freizeitklamotten. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich kritisiere das nicht. Jeder mag sich so kleiden wie er sich wohl fühlt. Mich interessiert die Frage: Was hat zu diesem Umschwung geführt? Anders formuliert: Warum laufen wir heute unter der Woche gut gekleidet herum, am Wochenende aber in Klamotten, die häufig nur eingeschränkt gesellschaftstauglich sind?

Karl Lagerfeld soll einmal gesagt haben, wer eine Jogginghose trage habe sein Leben nicht im Griff. Nun ist Karl Lagerfeld eine Stilikone, und das ist sicherlich ziemlich anstrengend, und es fällt schon schwer, sich Lagerfeld mit einem Sweatshirt, geschweige denn einer Jogginghose vorzustellen. Keiner erwartet, dass man, zu Hause auf dem Sofa sitzend, Anzug und Krawatte trägt. Da ist Jogginghose schon ok, auch natürlich beim Joggen selbst, für diejenigen, die es nicht lassen können.

Der Sonntag hat ein wenig seine Funktion geändert. Ging man früher an einem Sonntag zunächst in die Kirche und anschließend vielleicht noch zu einem Spaziergang aus dem Haus, wurde sehr stark die gesellschaftliche Seite betont. Man war wer, trotz der manchmal vielleicht schmutzigen Arbeit. Diese Form der gesellschaftlichen Anerkennung braucht es heute nicht mehr. Das ist vielleicht auch ein Zeichen einer stärker nivellierten Wohlstandsgesellschaft, in der es nicht die krassen Einkommens- und Statusunterschiede gab wie noch vor einhundert Jahren. Trotz der manchmal heftig geführten Debatten über Armut und Reichtum in Deutschland heute: Vor einhundert Jahren waren die sozialen Schranken noch sichtbarer, fühlbarer. Und damit auch das Bedürfnis nach Anerkennung, das eben weniger über die Arbeit gewonnen wurde, sondern über die Darstellung bürgerlicher Wohlanständigkeit bis in die Kleidung hinein, eben jenen Sonntagsstaat.

Solche Erwägungen sind uns heute weitgehend fremd. Man präsentiert sich an einem Sonntag nicht mehr, sondern gibt sich betont privat. Der Sonntag ist der freie Tag, an dem man sich den Zwängen des Arbeitslebens entwindet. Da heute der schmutzige Blaumann eher selten geworden und die formale Bürokleidung überwiegt, wird die Sonntagskleidung formlos. Was früher der Sonntagsstaat war, ist heute häufig der Kleidungsalltag im Büro – bei Männern jedenfalls: Anzug und Krawatte. Sonntags ist man dann „nur Mensch“, lässig, leger, ohne den Abstand betonenden Anzug oder die Krawatte.

Ein wenig spiegelt sich also der Wandel zu einer Dienstleistungsgesellschaft in unserem heutigen Sonntagsstaat, aber auch die Einebnung gesellschaftlicher Klassenunterschiede, wie sie noch vor einhundert Jahren sehr präsent waren. Und dann kann ich mich, trotz Karl Lagerfeld, auch ein wenig mit der Jogginghose anfreunden.

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