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Historische Anatomie: 360-Grad-Bilder: So wird das Leben nach dem Tod konserviert

Wer seinen Körper nach dem Tod der Wissenschaft vermacht, erreicht zumindest für Teile seines Selbst ein Stück Ewigkeit. Kommen Sie mit in die historische Anatomiesammlung an der Frankfurter Uniklinik. Aber Vorsicht! Ein paar Bilder können besonders empfindsame Menschen verstören.
Bilder > Foto: Kuenzel/ror

 

Ja, die historische Sammlung der Dr. Senckenbergischen Anatomie sieht so aus, wie Sie es sich vorstellen. Schmale Holzregale drängen sich in einem verwinkelten Raum. Sie nehmen einander das Licht, das durch die Fenster fällt. Die Luft ist ein bisschen muffig und es riecht nach Chemie.

Für die Ewigkeit präpariert

Und in den Regalen? Da stehen Glasgefäße: kleine, große, schmale, dicke. Und in den Gefäßen ruhen Hände, Herzen, Lungen und Gehirne. Seit Jahrzehnten liegen Köpfe, Hüften, Nieren und Gedärme dort sorgsam präpariert in Formaldehydlösung, kurz: Formalin. Das ist ein chemisches Mittel, das die Verwesung von biologischem Gewebe stoppt.

Bild-Zoom Foto: kuenzel

 

Die „Präparate“, wie die Wissenschaftler sie nennen, dienen einem einzigen Zweck: Sie sollen den künftigen Generationen an Medizinern dabei helfen, die Strukturen des menschlichen Körpers zu verstehen. Gleichzeitig erzählen einige Präparate von historischen Entwicklungen in der Wissenschaft Anatomie.

Föten als Anschauungsobjekte

Denn noch vor 50 Jahren wurden Totgeburten und schwer fehlgebildete Föten dank Formalin für die Ewigkeit präpariert. Auch sie ruhen in den Regalen, werden sorgfältig gepflegt und stehen unter der Aufsicht ausgebildeter Fachleute. Aber sie sind nur Erbe und nicht Gegenstand aktueller Forschung. 

Bild-Zoom Foto: kuenzel

 

Die Anatomie ist ein essenzieller Teil der Ausbildung eines jeden Mediziners. Hände, Köpfe und Organe erzählen von der biologischen Struktur des Lebens. Sie dienen aber nicht nur der Lehre, sie können auch helfen, Krankheiten zu verstehen und tragen damit letztendlich dazu bei, sie zu heilen. 

Die Wissenschaftler arbeiten viele Hundert Stunden daran, die feinen Nervenverästelungen am Kopf freizulegen, die Muskelstränge anschaulich zu machen. Sie haben Ehrfurcht vor dieser Arbeit. Vor allem aufgrund der langen Tradition.

Keine Einheit mehr von Körper und Seele

Schon vor Jahrhunderten versuchten Wissenschaftler den menschlichen Körper zu verstehen, in dem sie ihn aufschnitten oder konservierten. Trotzdem bleiben die Präparate tote Materie. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie sind wertvolle Zeugen, gehören aber nicht mehr zu einer Person. Sie haben keine menschliche Identität mehr, sondern sie sind eine Nummer.

Der Anatom weiß weder Namen noch andere Identitätsmerkmale. „Der Mensch ist die Einheit von Leib und Seele“, sagt der promovierte Biologe und Anatom Helmut Wicht. „Hier ist die Einheit aufgehoben.“ Nun dienen sie in ihrer Eigenschaft als Materie dem Zweck des Lernens und Verstehens. 

Bild-Zoom Foto: Kuenzel

„Die Natur ist konservativ“, sagt Professor Thomas Deller, Leiter der Dr. Senckenbergischen Anatomie. Die biologischen Strukturen von Mensch und Säugetier ähneln sich in vielen Punkten. Der Blick auf Rinderherz oder Tierembryo könne viel über die menschliche Entwicklung sagen. Während die Wissenschaftler heute das Gehirn und die Entstehung des Tag-Nacht-Rhythmus erforschen, waren vor 50 Jahren die vergleichende Anatomie und die Entwicklungsbiologie Schwerpunkte des Instituts am Universitätsklinikum.

Nicht überlebensfähig

Deshalb gibt es noch die historische Sammlung von menschlichen Föten, die bereits während der Schwangerschaft gestorben sind. Keines dieser menschlichen Wesen hätte mit solchen Fehlbildungen überleben können, sagt Deller. Heute wird mit Totgeburten anders umgegangen. Die Klinik hat ein eigenes Feld für sie auf dem Friedhof.

Folsäure kann vorbeugen

Viele von ihnen haben den sogenannten Neuralrohrdefekt. Das ist eine Fehlentwicklung, die schon früh in der Schwangerschaft beginnt. Bei dieser Fehlbildung entwickeln sich die wesentlichen Teile des Gehirns und die Schädelknochen nicht. Die Nervenverästelungen, die eigentlich im Kopf sein sollten, verlieren sich in einem wilden Wust ungeschützt auf dem Rücken des Kindes. „Dank der Forschung wissen wir, wie die Zahl solch schrecklicher Fehlbildungen verringert werden kann“, sagt Professor Deller. 

Bild-Zoom Foto: Kuenzel

Frauen mit Kinderwunsch sollen als Nahrungsergänzung Folsäure zu sich nehmen. Internationale Studien haben in den 90er Jahren gezeigt, dass mit der Einnahme von Folsäure vor der Schwangerschaft ein Neuralrohrdefekt verhindert werden kann. Seitdem wird sie in westlichen Ländern wie den USA, den Niederlanden und Deutschland Frauen mit Kinderwunsch empfohlen. Das Ergebnis überzeugt: Die Häufigkeit dieser Fehlbildung ist um 50 Prozent zurückgegangen. 

 

Bild-Zoom Foto: Kuenzel

Der Anblick dieser Föten ist nicht einfach. Deshalb haben wir beschlossen, sie nicht zu zeigen. In Absprache mit der Frankfurter Anatomie zeigen wir stattdessen eine sogenannte Zyklopie bei einem Schweine-Embryo. Das ist eine seltene Gesichtsschädelfehlbildung, bei der die Augenanlagen mit der knöchernen Augenhöhle verschmelzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch mit Zyklopie geboren wird, ist sehr gering: Sie liegt bei 1:1000000.

Der Krieg hat alles zerstört

Im Krieg wurde die Dr. Senckenbergische Anatomische Sammlung vollständig zerstört. Auch die Präparate. Damals sind die Wissenschaftler durch die Trümmer geklettert, haben einzelne der verschütteten Anschauungsobjekte gerettet, sie vom Staub befreit und sie ein weiteres Mal auf die Ewigkeit vorbereitet. So besitzt die Sammlung auch ein paar Präparate von 1914. Das meiste stammt allerdings aus der Nachkriegszeit.

Die Natur ist nicht perfekt

Noch heute ist die Anatomie ein Ort des Begreifens. Fehlbildungen, so eine wichtige Erkenntnis, sind keineswegs eine seltene Ausnahme. Auch wenn wir es gerne so hätten: Die Natur ist nicht perfekt. Aber mit den meisten Fehlern kann man leben. Zum Beispiel mit einer dreizehnten Rippe oder mit anders geformten Nieren. Dass wir das wissen, haben wir diesem alten Teil der medizinischen Forschung zu verdanken. Die Sammlung soll nun didaktisch aufbereitet werden, damit noch viele Generationen an ihr lernen können. Ob man als Anatom seinem Körper der Wissenschaft vermacht? „Ja das habe ich vor“, sagt Helmut Wicht. Das Formular läge auf seinem Schreibtisch – allerdings noch unausgefüllt. 

 

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