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Kult-Geschäft: Aus nach 70 Jahren: Götz Dersch macht seinen Spielwarenladen dicht

Sein ganzes Leben hat Götz Dersch in seinem Spielwarengeschäft verbracht. Jetzt, sechs Jahre vor der Rente, kann er sich den Laden nicht mehr leisten. Er ist sauer - doch wenn ein Kind den Laden betritt, verwandelt er sich.
Götz Dersch muss sein Spielwarengeschäft aufgeben. Solange noch Ware da ist, hat er geöffnet – doch spätestens Ende März ist Schluss. Foto: Holger Menzel (Holger Menzel) Götz Dersch muss sein Spielwarengeschäft aufgeben. Solange noch Ware da ist, hat er geöffnet – doch spätestens Ende März ist Schluss.
Nordend. 

„Ooooh, was haben wir denn da?“, sagt Götz Dersch. Seit Stunden gräbt sich ein alter Stammkunde durch die Reste von Derschs Leben. Nun hält er ihm ein Eisenbahn-Starter-Set von 1998 hin, noch komplett. „Dass ich das noch habe, habe ich nicht gewusst. Das stellen wir aus“, sagt Dersch, und beginnt, das Schaufenster umzubauen. Doch so richtig will der Kunde das Set mit Eisenbahn, Gleisen und Häuser-Grundausstattung nicht loslassen. „Was willst du dafür?“. Dersch guckt abschätzig auf den verstaubten Karton. 60 Euro – die Hälfte dessen, was es normal kostet.

„Ich will noch so viel wie möglich loswerden“, sagt der 59-Jährige, bevor er spätestens am 31. März die Tür für immer zusperrt. Eisenbahnen, Zubehör, Flugzeug-Bausätze, Puzzle, Miniaturmöbel und Stofftiere liegen kreuz und quer, nach und nach holt er alles zum Abverkauf aus dem Lager in den Verkaufsraum.

Andere Preise für Online

Schon als Kind hat er im Geschäft mitgeholfen, das seine Eltern 1948 als Leihbücherei eröffnet haben. In den 60er-Jahren, als Fernsehen und Radio Leihbücher unrentabel machten, nahmen sie Spielzeug dazu, 1974 zogen sie an den heutigen Standort gegenüber. 2010 übernahm Götz Dersch das Geschäft von seinem Vater.

„Totalausverkauf“ steht auf dem Schild im Schaufenster. Bild-Zoom Foto: Holger Menzel (Holger Menzel)
„Totalausverkauf“ steht auf dem Schild im Schaufenster.

„Früher haben wir viel Lego und Playmobil verkauft“, sagt Dersch. Dass er das schon lange nicht mehr tut, ist eines der Probleme, die schlussendlich zur Schließung geführt haben: Irgendwann machten die Hersteller zur Bedingung, dass man bestimmte Vitrinen anschafft. Teure Vitrinen. Dersch sah das nicht ein. „Überall anders werden die Werbemittel gleich mitgeliefert.“ Seit einigen Jahren hat er zudem damit zu kämpfen, dass die Online-Händler deutlich bessere Konditionen bekommen als er. Also setzte er verstärkt auf Modelleisenbahnen. „Einmal haben wir eine Märklin Maxi-Packung verlost“, erinnert er sich. „Da kam eine Sechsjährige reingetanzt und sang: Ich gewinne, ich gewinne. Wir haben sie für verrückt erklärt.“ Doch sie gewann tatsächlich. „Wir mussten die Eltern anrufen, weil die Packung größer war als sie selbst.“

Mittlerweile ist Derschs Durchschnittskunde zwischen 40 und 50: Die Älteren, die als Kind noch mit Eisenbahnen gespielt haben, sterben, die Jüngeren spielen Computerspiele. Von den zwölf Spielwarengeschäften, die es in Frankfurt vor einigen Jahrzehnten gab, sind heute noch zwei übrig. „Die Vertreter nennen Frankfurt schon ,Das schwarze Loch’“, sagt Dersch. Auch er legt jeden Monat drauf. Seit eineinhalb Jahren. „Ich hab’ das hier als Kind schon gemacht, da macht man eben einfach weiter.“

Doch dann kam dieser Tag im Oktober, an dem die Einkaufsgenossenschaft Vedes ihm ein Angebot vorlegte: einen Kooperationsvertrag mit Ebay. Konkret sollen die Kunden im Internet bestellen und die Ware bei ihm abholen können – natürlich inklusive Beratung. Dersch: „Die verkaufen unser Wissen fürs nichts, machen sich damit selbst kaputt und merken es nicht einmal. Ich dachte: Wenn die so doof sind, dann reicht’s mir jetzt auch.“ Und wenn er ehrlich ist, könne er sich das Geschäft auch einfach nicht weiter leisten. „Ein Kindergarten wollte für mich sammeln. Aber so viel können die gar nicht sammeln, dass es reicht.“

Dersch ist nicht auf den Mund gefallen. Wenn einer mit einem Waggon aus dem Internet kommt und ein Problem hat, will er dafür bezahlt werden, dass er die Reklamation abwickelt. Und wenn jetzt ein Kunde darüber jammert, dass er nicht weiß, wo er künftig seine Loks reparieren lassen soll, antwortet er schon mal: „Im Internet.“ Dersch, das merkt man, ist wütend.

Spiele ausverkauft

Bis ein kleines Mädchen an der Hand der Mutter den Laden betritt. Ob es noch Gesellschaftsspiele gebe, fragt die Mutter. „Viel zu spät dran“, antwortet Dersch. Dann beugt er sich zum Kind hinab und zeigt auf das Regal mit den Kuscheltieren. „Ist eines dabei, das dir gefällt?“, fragt er mit weicher Stimme. Das Mädchen zeigt auf ein Schaf mit rosa Anzug. „Das darfst du mitnehmen.“ Das Kind lacht und schnappt sich das Kuscheltier. „Tschüüüß“, ruft es, dann schließt sich die Tür hinter den beiden. Dersch wird wieder ernst. „Ich weiß nicht, was ich jetzt mache“, sagt er. „Rente geht nicht, ich will nicht daheim hocken.“ Und seine Ersparnisse seien nun ja auch weg. So weit will er aber eigentlich noch nicht in die Zukunft schauen. „Ich muss erstmal das hier aus dem Kreuz bekommen.“

Der Stammkunde legt neben das Starter-Set von 1998 noch ein Traktor-Memory samt Mini-Traktor, einen Miniatur-Schrebergarten und etwa 20 Meter Bahngleise: „Jetzt kann ich damit noch nichts anfangen, aber so günstig komme ich nie wieder dran.“ 120 Euro bezahlt er für diese Reste von Derschs Leben – etwa die Hälfte dessen, was das normalerweise kosten würden.

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