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Nach Bericht über islamisches Zentrum: Bergen-Enkheim: Die Moschee und der Hass im Netz

Von Die mutmaßlichen Pläne für ein islamisches Zentrum mit Moschee in Bergen-Enkheim erhitzen die Gemüter. Die Nutzerkommentare auf der Facebook-Seite dieser Zeitung waren mitunter so hasserfüllt und unsachlich, dass die Online-Redaktion sie entfernt hat. Wir haben einige der aufgestellten Behauptungen einem Faktencheck unterzogen.
Auf diesem Gelände an der Bessemerstraße (Bergen-Enkheim) will ein islamischer Verein offenbar ein Bildungszentrum mit Moschee bauen. Foto: Leonhard Hamerski Auf diesem Gelände an der Bessemerstraße (Bergen-Enkheim) will ein islamischer Verein offenbar ein Bildungszentrum mit Moschee bauen.
Bergen-Enkheim. 

Der Verein „Islamische Informations- und Serviceleistungen“ (IIS) hat an der Bessemerstraße (Bergen-Enkheim) ein Grundstück gekauft. Was der Vereinsvorstand darauf plant, will er, wie berichtet, spätestens am Tag der offenen Moschee öffentlich machen. Derzeit spricht alles dafür, dass sich der IIS, der derzeit eine Geschäftsstelle mit Laden und Moschee an der Mainzer Landstraße (Gallus) unterhält, räumlich vergrößern will. Im Internet nennt er als Ziel den Neubau eines islamischen Informations- und Bildungszentrums mit Moschee. Benötigt würden etwa ein großer Gebetsraum, mehrere Seminarräume und ein großer Infoladen, außerdem Platz für Wohnungen, einen Lebensmittelladen und einen Kindergarten.

Das Projekt hat viele Bergen-Enkheimer schon vor Bekanntmachung der Details in Aufregung versetzt. Erstens sieht das Hessische Landesamt für Verfassungsschutz Bezüge des IIS zur islamistischen Muslimbruderschaft, zweitens bezeichnete ein Sprecher des Frankfurter Integrationsdezernats den Verein als „konservativ, autoritär und polarisierend“. Mehrere Facebook-Nutzer nahmen unseren Bericht über den Grundstückskauf durch den IIS und die mutmaßlichen Baupläne des Vereins zum Anlass, um ihrem Hass auf den gesamten Islam in Kommentaren Ausdruck zu verleihen. Von Differenzierung und Sachlichkeit war mitunter keine Spur mehr, wegen Entgleisungen inhaltlicher und stilistischer Art sah sich die Online-Redaktion zur Entfernung zahlreicher Beiträge gezwungen.

Fragwürdige Folgerungen

Für einen Kommentator ist schon jetzt völlig klar, dass das geplante Zentrum eine „Brutstätte islam(ist)ischen Terrors“ wird und dass der Verfassungsschutz eine „wie auch immer geartete Nähe zu terroristischen Verbindungen attestiert“. Tatsächlich ist vom Wort „Terror“ weder in unserem Bericht noch im zitierten Statement des LfV die Rede. Die Behörde hatte auf Nachfrage mitgeteilt, dass der IIS „Bezüge zum Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland e.V.“ (RIGD) aufweise. Dieser stehe ideologisch und organisatorisch der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD) nahe. Diese wiederum sei die mitgliederstärkste Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft in Deutschland und repräsentiere deren ägyptischen Zweig.

Verfassungsschützer stufen die Muslimbruderschaft als verfassungsfeindlich ein, weil deren Aktivitäten auf die Errichtung eines weltumspannenden Gottesstaates auf Grundlage von Koran und Sunna abzielen. Als Terrororganisation wurde die Muslimbruderschaft bislang nur in Ägypten eingestuft, und zwar im Zusammenhang mit der Absetzung des ägyptischen Präsidenten Mursi 2013 durch die Armee. Mursi war hochrangiger Funktionär der Muslimbruderschaft gewesen.

Außer fragwürdigen Folgerungen finden sich in den Facebook-Kommentaren auch falsche Behauptungen: So schreibt ein Nutzer, dass mit der Todesstrafe zu rechnen habe, wer in der Türkei zum Beispiel den Bau christlicher Kirchen und Schweinefleisch für Kinder in der Schule fordere: „Mal gespannt, wie tolerant deine Türken dann sind“, heißt es in dem Kommentar konkret. Und: „Die steinigen dich.“

Tatsächlich führt die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte elf muslimische Länder auf, aus denen in den vergangenen Jahren Steinigungsurteile bekannt wurden. Zu diesen gehören Afghanistan, Nigeria und Iran, aber nicht die Türkei. Vor Jahren sorgte am Bosporus der Fall eines Mannes für Aufsehen, der zur Strafe eine Frau gesteinigt hatte. Er wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Ein Kommentar, in denen alle Muslime als „rotzfrech“, „fordernd“ und „integrationsunwillig“ bezeichnet werden, erreichte uns ebenfalls. Solche pauschalen Behauptungen erweisen sich schon angesichts der vielen gut integrierten Muslime in Deutschland als falsch – vom fast schon sprichwörtlichen „Gemüsehändler an der Ecke“, der sich vielerorts großer Beliebtheit erfreut, bis hin zu Spitzenpolitikern wie Cem Özdemir, dem Bundesvorsitzenden der Grünen. Dass es auch Beispiele misslungener Integration gibt, zeigen die zahlreichen Fälle straffällig gewordener Ausländer. Manche Menschen in Deutschland – so gibt eine muslimische Kommentatorin zu bedenken – glaubten aber, „alle Muslime über einen Kamm scheren zu müssen“.

Christen in Marokko

Zu dem Vorwurf, dass christliche Kirchen in muslimisch geprägten Ländern niemals geduldet würden, schreibt ein offenbar marokkanischer Facebook-Nutzer: „In meinem Land gibt es ganz viele Kirchen. Die werden nicht bemalt oder angegriffen. Du bist herzlich willkommen im schönen Marokko.“ Das Hilfswerk „Kirche in Not“ schreibt in seinem Jahresbericht Marokko, dass ausländische Christen in dem nordafrikanischen Land Religionsfreiheit haben. Eine Konversion von Marokkanern zum Christentum stehe jedoch unter Strafe. „Kirche in Not“ berichtet von mehreren Christen, die in den vergangenen Jahren ausgewiesen wurden. Dass Christen in islamistischen Regimen wie demjenigen des sogenannten Islamischen Staat (IS) mit dem Tod bedroht werden, spricht „Kirche in Not“ aber auch offen an.

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