Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige LS Lederservice Sie suchen einen Spezialisten aus Rhein-Main? Neu-Isenburg 29°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Kolumne: Die Woche im Römer: Wozu Wahlkampf gut ist

Von Dem Wahren, Schönen, Guten, steht auf dem Dachfries der Alten Oper. Heute beginnt die heiße Phase des Bundestagswahlkampfes.
Thomas remlein Foto: Salome Roessler Thomas remlein

Dem Wahren, Schönen, Guten, steht auf dem Dachfries der Alten Oper. Heute beginnt die heiße Phase des Bundestagswahlkampfes. Die Frankfurter Kreisverbände packen das Werbematerial aus, das ihnen die Berliner Parteizentralen geschickt haben.

Im Wahlkampf geht es nicht um Wahrheit. Eher verhält es sich ähnlich wie an der Börse: Dort wird Zukunft gehandelt. Der Kurs der Unternehmen hängt davon ab, welche Entwicklung die Anleger der Firma zutrauen. Das Wahlergebnis einer Partei hängt davon ab, welche Kompetenz ihr die Bürger bei der Gestaltung der Zukunft unterstellen. Deshalb ist Wahlkampf, der Wettstreit der Meinungen um die künftige Entwicklung des Landes, etwas Gutes und Schönes. Die Parteien breiten ihre Konzepte aus, der Wähler entscheidet.

Die Lust der Deutschen an der Debatte scheint dennoch begrenzt. Mit Wahlkampf verbinden viele eine Belästigung durch langweilige Fernsehspots, öde Gesichter auf Plakaten und unerwünschte Anmache durch Politiker auf der Gass’. „Ach komm, geh’ fort“, ist ein häufig gehörter Kommentar des Frankfurters, wenn er an Infoständen von Parteiaktivisten angesprochen wird.

Dabei bietet das doch eine herrliche Gelegenheit, einmal seine Meinung zu sagen, auch wenn es nichts nutzt. Aber es ist doch schön, mal seinem Herzen mit Worten Luft gemacht zu haben und zu drohen, dieses Mal eine Protestpartei zu wählen.

Die Wirtschaft brummt, die Staatskassen sind voll wie nie – doch wo bleiben die Steuererleichterungen? Was für eine schöne Gelegenheit für großartige Wahlversprechen! Aber deutsche Parteien sind da leider völlig phantasielos. Die Steuerpläne von CDU und SPD sind fürchterlich kompliziert. Keiner weiß, ob er in seiner Gehaltsklasse mehr Netto vom Brutto bekommen wird. Und schon gar nicht, wie viel. Eine großartige, erdrutschartige Wählerwanderungen auslösende Geschichte muss ganz anders erzählt werden.

Kann der Bürger nicht erwarten, dass sich die Parteien wenigstens bei ihren Wahlversprechen anstrengen? Ernst nimmt er diese sowieso nicht. Aber gibt es nicht ein Recht auf gute Science-Fiction-Unterhaltung? Die Beschwörung einer gerechten Gesellschaft, in der alle Menschen in Villen wohnen und emissionsfreie Ferraris fahren – das klingt doch nach einem akzeptablen Programm!

Schließlich weiß der mündige Bürger aus leidvoller Erfahrung, dass Wahlversprechen nichts wert sind. Von der großen in Aussicht gestellten Steuerreform des FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle (†) im Wahlkampf 2009 ist nur eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Hoteliers übrig geblieben.

Auch Polit-Profis finden es daher höchst befremdlich, an ihren Versprechen gemessen zu werden. Schon 2005 empörte sich der Altmeister der kurzen Sätze, Franz Müntefering (SPD), so heftig, dass er einen Nebensatz einflechten musste: „Dass wir oft an Wahlkampfaussagen gemessen werden, ist nicht gerecht.“

Erfahrene Ehepaare und Verpartnerte wollen ebenfalls nicht an ihre Werbeaussagen erinnert werden. Denn auch sie wurden mit blumigen Verheißungen in den Stand einer festen Bindung gelockt. Deshalb antworten alt gewordene Paare auf die Frage des Reporters anlässlich des Goldenen Ehejubiläums, wann sie sich kennengelernt haben: „Nach der Hochzeit.“ Und auch der Bürger lernt die Politik seiner Partei erst nach der Wahl kennen. Hingehen sollte er aber trotzdem. Und sei es nur, um sich zu rächen.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse