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Alzheimer: Die rätselhafte Entdeckung eines Frankfurter Irrenarztes

Ende 1901 untersucht der Arzt Alois Alzheimer in der Frankfurter Irrenanstalt eine 51-jährige Frau, die an einer rätselhaften „Krankheit des Vergessens“ leidet. Seine Forschungen führen ihn auf die Spur einer der weitverbreitetsten Erkrankungen überhaupt.
Frankfurt. 

Carl D. weiß genau, wann die Krankheit seiner Frau begonnen hat: am 18. März 1901.

Damals, so erinnert sich der Eisenbahnkanzlist von der Mörfelder Landstraße ein gutes halbes Jahr später, habe seine Frau die Vorstellung entwickelt, er habe eine Beziehung mit der Nachbarin. Von diesem Tag an sei sie argwöhnisch und feindselig gewesen. Ganz gleich, wie oft Carl D. seiner Frau beteuert, dass ihr Verdacht unbegründet ist - sie lässt einfach nicht von ihrer Vorstellung ab.

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Carl D. kann sich nicht erklären, was mit seiner Frau geschieht. Sie wird vergesslich, ist ständig nervös und leicht reizbar. Im Frühsommer unterlaufen ihr erstmals grobe Fehler beim Kochen. Ein paar Wochen später muss sie es ganz einstellen. Sie verlegt Gegenstände, wird launisch und vergesslich. Auguste D. verliert sich.

Ende November 1901 beschließt Carl D., ärztliche Hilfe zu suchen, und bringt Auguste in die Städtische Anstalt für Irre und Epileptische in Frankfurt. Auf dem Überweisungsschein des Hausarztes ist von Gedächtnisschwäche, Verfolgungswahn, Schlaflosigkeit und Unruhe die Rede.

Alois Alzheimer, der Oberarzt der Anstalt, untersucht die Patientin persönlich. Alzheimer hat sich in der Vergangenheit intensiv mit dementen Menschen beschäftigt. Aber keiner war so jung wie die gerade mal 51-jährige Auguste D.    

Alzheimer protokolliert sein erstes Gespräch mit der Patientin:

„Wie heißen Sie?“
„Auguste.“
„Familienname?“
„Auguste.“
„Wie heißt Ihr Mann?“
„Ich glaube, Auguste.“
„Ihr Mann ..?“
„Ach so, mein Mann …“
„Sind Sie verheiratet?“
„Zu Auguste.“
„Frau D.?“
„Ja, zu Auguste D.“
„Wie lange sind Sie schon hier?“
„Drei Wochen.“

Die 51-Jährige verfügt nur über bruchstückhafte Erinnerungen, verwechselt Menschen, Orte und Tätigkeiten, existiert nur noch in einer sich ständig verändernden, beängstigenden Gegenwart.

Dem Arzt wird schnell klar, dass D.s Fall ein besonderer ist. Denn dafür, dass Auguste D. Symptome des sogenannten „Altersblödsinns“ zeigt, ist sie eigentlich viel zu jung. Alzheimer erkennt, dass sich hier ein Krankheitsbild offenbart, das bislang kaum bekannt ist. Er beschließt, die Entwicklung der Patientin präzise zu dokumentieren.

Auguste D. Foto: Wikicommons Bild-Zoom Foto: Konrad Maurer (Konrad_Maurer)
Auguste D. Foto: Wikicommons

Eine rätselhafte Erkrankung

In den folgenden Wochen und Monaten verbringt der Mediziner viel Zeit mit Auguste D. Ihr Zustand verschlechtert sich zunehmend. Sie ist verwirrt, oft ratlos und ängstlich. Immer wieder läuft sie in den Aufenthaltsräumen der Irrenanstalt herum und fasst anderen Patienten ins Gesicht. Darauf angesprochen, erklärt sie, sie müsse „Ordnung machen“.

Hin und wieder wird sie auch gewalttätig – ohne selbst zu wissen, warum. Bei anderen Gelegenheiten trägt sie ihr Bettzeug wie eine Tunika; wenige Stunden später schreit sie unartikuliert wie ein Kind. Dann wieder verfällt sie in tiefe Depressionen und weint: „Ich kann mich an nichts mehr erinnern.“

Alois Alzheimer kennt diese Symptome. Er hat sie erforscht und ausführlich beschrieben, 1898, in der Monatsschrift für Psychiatrie. Allerdings: bei wesentlich älteren Patienten. Die Menschen, deren Krankheitsbilder er damals in seinem Aufsatz „Dementia senilis und die auf atheromatöser Gefäßerkrankung basierenden Gehirnerkrankungen“ beschrieb, waren weit über 70 Jahre alt.

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Ist es möglich, dass die Frau aus der Mörfelder Landstraße an derselben Krankheit leidet wie die Alten? Wenn ja – bedeutet das, dass diese rätselhafte Krankheit des Vergessens keine ausschließliche Alterskrankheit ist?

Eines Tages setzt der Arzt sich im Speisesaal zu Auguste D. Vor ihr steht ein Teller mit Blumenkohl und Schweinefleisch.
„Was essen Sie?“, fragt der Arzt.
Auguste D. antwortet sofort: „Spinat!“
Dann nimmt spießt sie ein Stück Fleisch auf, steckt es in den Mund und kaut darauf herum.
„Was essen Sie jetzt?“
„Kartoffeln und Merrettich.“

Im Laufe der Monate reift in Alzheimer die Überzeugung, dass seine Patientin tatsächlich dasselbe Krankheitsbild zeigt wie die Alten. Alzheimers These von 1898 ist, dass die Demenz bei alten Menschen durch Verdickungen der Gehirngefäße verursacht wird. Diese Verdickungen führen zu Unterversorgungen und, mittelfristig, zum Absterben verschiedener Hirnregionen. Das wiederum verursacht den „Altersblödsinn“. Der Fall Auguste D. scheint zu zeigen: Die Krankheit des Vergessens ist keine Krankheit der Alten. Sondern eine Krankheit, die jeden finden kann.

Der Zustand Auguste D.s verschlechtert sich immer schneller. Sie zieht sich zurück, schreit und weint, weist Hilfsangebote zurück und verweigert zum Teil die Nahrungsaufnahme. D. nimmt ab. Sie verbringt ganze Tage im Bett. Auf ihrem Rücken bildet sich eine schmerzhafte Entzündung.

Im Juni 1902 besucht Alois Alzheimer seine Patientin ein letztes Mal in ihrem Zimmer. Auguste D. ist deprimiert, zurückweisend, einsilbig. „Machen Sie doch, dass Sie fortkommen“, sagt sie. „Ich kann das nicht – sprechen.“

Foto: Wikicommons Bild-Zoom Foto: arte (arte)
Foto: Wikicommons

Irrenarzt mit Mikroskop

1903 tritt Alois Alzheimer eine Stelle in München an. Er hält aber Kontakt nach Frankfurt und lässt sich regelmäßig über Auguste D.s Zustand unterrichten. Die Demenz der Frankfurterin nimmt zu, nach und nach verliert sie die meisten sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten. Ihre letzten Jahre verbringt sie überwiegend im Bett.

Am 9. April 1906 rufen die Mitarbeiter der Frankfurter Irrenanstalt in München an: Auguste D. ist gestorben. Alzheimer lässt sich umgehend die Krankenakte und das Gehirn der Patientin zuschicken. Nächtelang sitzt der Arzt über seinem Mikroskop. Dabei entdeckt er abgestorbene Regionen und seltsame Verdickungen in Auguste D.s Gehirn – Eiweißablagerungen in der Hirnrinde. Jetzt hat er Gewissheit. Die Ursache für Auguste D.s Krankheit ist eine physische.

Seine Erkenntnisse sind bahnbrechend – werden aber zu seinen Lebzeiten in der Fachwelt kaum wahrgenommen. Als der Arzt seine Erkenntnisse erstmals öffentlich präsentiert – im November 1906 auf einer Tagung in Tübingen –, bleiben die Reaktionen aus. Alzheimers „Krankheit des Vergessens“ wird, wenn überhaupt, als medizinisches Kuriosum wahrgenommen.

Auguste D. auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1903. Foto: Wikicommons Bild-Zoom
Auguste D. auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1903. Foto: Wikicommons

Der Arzt forscht unbeirrt weiter, bis zu seinem Tod. Es wird aber noch Jahrzehnte dauern, ehe das Krankheitsbild, das er beschrieben hat, als das anerkannt wird, was es ist: eine der weitverbreitetsten degenerativen Erkrankungen der Welt.

Mittlerweile gehen Mediziner davon aus, dass die Alzheimer-Krankheit für etwa zwei Drittel aller Demenzerkrankungen auf der Welt verantwortlich ist.

Als Alois Alzheimer im Jahr 1915 stirbt, ist er so alt wie Auguste D., als er sie im November 1901 kennenlernte: 51.

Viel zu jung, um die Welt zu verlassen - oder zu verlieren.

Quellen: Maurer und Maurer: Alzheimer: Das Leben eines Arztes und die Karriere einer Krankheit. 1999

Foto: Christophe Braun
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