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Tiertafel hilft seit zehn Jahren: Interview mit Conny Badermann: „Wir haben 1500 Kunden“

Seit fast zehn Jahren leitet Conny Badermann die Frankfurter Tiertafel in der Ludwig-Landmann-Straße 206, wo jeden Samstag Hunderte verarmte Tierhalter Futter für Hunde, Katzen oder andere Haustiere erhalten. FNP-Mitarbeiter Ben Kilb traf sich mit der Vorsitzenden zum Gespräch über zehn Jahre ehrenamtliches Projekt und über den Tierschutzpreis der Mechtold-Stiftung, den Conny Badermann und ihre Mitstreiter nun für ihr Engagement erhielten.
Conny Badermann (vorne), erste Vorsitzende der Frankfurter Tiertafel mit ihren Mitstreiterinnen Uschi Pinsker (hinten links) und Inge Böhm. Conny Badermann (vorne), erste Vorsitzende der Frankfurter Tiertafel mit ihren Mitstreiterinnen Uschi Pinsker (hinten links) und Inge Böhm.

Frau Badermann, die von Ihnen geführte Tiertafel wurde jüngst mit dem Tierschutzpreis der Mechtold-Stiftung ausgezeichnet. Nach fast zehn Jahren Tiertafel ist dies sicher nicht die erste Würdigung, oder?

BADERMANN: Das nicht, aber neben der Bürgermedaille, die ich im Jahr 2013 von der Stadt Frankfurt erhalten habe, ist es die größte Auszeichnung und daher eine sehr schöne Anerkennung unserer Arbeit. Die Mechtold-Stiftung schaut schließlich genau hin.

Wohl auch, weil viele große Hilfsorganisationen oft nicht besonders transparent arbeiten, Spender also oft nicht wissen, was mit ihrem Geld geschieht?

BADERMANN: Genau. Aber Jürgen Speckmann von der Mechtold-Stiftung, der uns den Preis verliehen hat, kennt unsere Buchhaltung genau, weil er Mitglied bei der „Tiertafel“ ist und uns auch bei unseren Unterlagen für das Finanzamt hilft. Da merkt man dann, dass fast alle unsere Spendeneinnahmen in Tierfutter fließen. Etwa zwei Drittel der Spenden geben wir für das Futter aus, ein Drittel für Tierarztkosten. Wir geben keine unnötigen Gelder aus, machen Fahrten mit unseren Privatautos. Wir sind wohl auch daher so angesehen.

Auch weil Sie und Ihre Mitstreiter noch mehr tun, als Tierfutter an bedürftige Tierhalter auszugeben.

BADERMANN: Derzeit kümmern wir uns um 728 Tiere. Wir füttern sie nicht nur, sondern organisieren und bezahlen auch Tierarztbesuche. Erst letzte Nacht musste für einen kranken Pudel der tierärztliche Notdienst organisiert werden.

Sparen sich viele Tierhalter das Wohl ihrer Tiere am eigenen Mund ab?

BADERMANN: Wir haben es mit vielen älteren Menschen zu tun, die mit einer Minirente zurechtkommen müssen. Manche von ihnen sitzen lieber im Kalten oder essen kein Fleisch, damit es ihren Tieren gut geht. Da sie aber dennoch nicht die Kosten für Tierärzte bezahlen können, schicken diese die Menschen zu uns. Bei der Futterausgabe müssen wir uns dann auch mit den individuellen Bedürfnissen der Tiere auskennen.

Welche Nahrung sie vertragen und wie viel?

BADERMANN: Kranke Tiere bekommen spezielles Futter. Bei den übrigen Tieren wird das Futter nach Gewicht ausgegeben. Ein 60 Kilogramm schwerer Hund braucht etwa 40 Dosen im Monat. Dazu gibt es 6 Kilo Trockenfutter und eine Tüte Leckerli. Eine kranke Katze bekommt im Monat etwa 60 Beutelchen Spezialfutter und ein Kilogramm Trockenfutter. Wir geben aber auch Futter für andere Tiere wir Nager oder Vögel aus.

Welche Summen muss die Tiertafel für Futter und Tierarztkosten jeden Monat stemmen?

BADERMANN: Wir benötigen monatlich über 10 000 Euro für Futter, mehr als ein großes Tierheim, und etwa 6000 Euro für Tierarztkosten.

Wie viele Tierhalter besuchen denn die Tiertafel?

BADERMANN: Derzeit kommen samstags, also wenn wir öffnen, regelmäßig 315 Personen. 1503 Personen finden sich in unseren Karteikarten, die wir erst gestern neu durchgezählt haben. So viele Tierhalter waren also bislang bei uns. Pro Jahr zählen wir rund 100 Neuaufnahmen.

Wie steht es um jene, die die Tafel einst besuchten, aber inzwischen nicht mehr kommen?

BADERMANN: Manche versterben, schließlich werden wir von vielen älteren Menschen besucht, oder das Tier ist verstorben. Bei manchen verbessert sich die Lebenssituation, so dass sie ihre Tiere wieder selbst versorgen können. Einige kehren aber auch wieder zurück, wenn sich die Dinge bei ihnen wieder verschlechtern.

Können Sie nach fast zehn Jahren Tiertafel an Ihren Besuchern und deren Zahlen auch eine gesellschaftliche Entwicklung ablesen?

BADERMANN: Die Altersarmut war im Jahr 2007 längst nicht so hoch wie heutzutage. Den Menschen bleibt weniger, auch wenn es immer heißt, dass vieles billiger wird.

Fällt es Ihnen daher schwer, Spenden zu generieren? Spender könnten sich fragen, warum mittellose Menschen Tiere halten müssen.

BADERMANN: Klar werden wir damit konfrontiert. Aber jenen Argumenten kann man entgegenhalten, dass es sehr schlimm für Tierhalter ist, ihre Lieblinge abzugeben, weil die Rente, oder das Arbeitslosengeld gegen eine Haltung spricht. Gerade für ältere Menschen sind Haustiere wichtig, weil sie etwas haben, um das sie sich kümmern können. Ein Hund, mit dem man Gassi geht, sorgt für wichtige Sozialkontakte.

Neuanschaffungen sieht die Tiertafel aber nicht gerne?

BADERMANN: Das erlauben wir nicht so ohne weiteres. Es sei denn, es handelt sich um herrenlose Tiere von anderen Tierschutzvereinen oder dem Tierheim. Wenn ein älterer, abgegebener Hund zum Beispiel an eine alte Dame von uns vermittelt werden könnte, deren Hund verstorben ist, beide gut zusammenpassen, unterstützen wir das. Wir haben ein Gespür dafür entwickelt, wer gut zusammenpasst. Pro Kunde sind maximal vier Tiere zugelassen und werden von der Tiertafel unterstützt. Bei weiteren Tieren versucht das Team auf den Besitzer einzuwirken. Um Vermehrungen der Tiere zu vermeiden, werden die Tiere über die Tiertafel kastriert!

In den ersten Jahren hatte die Tiertafel ihren Standort noch in Sachsenhausen, wo es zu eng wurde. Entsprechen die Räume in Praunheim noch ihren Anforderungen?

BADERMANN: Wir waren jetzt gezwungen, dort einiges zu ändern, weil es drinnen zu eng wurde. Die Kunden müssen nun draußen warten und kommen dann in Gruppen von maximal fünfzehn Personen rein. Mit etwas Glück können wir noch eine Fläche nebenan hinzu mieten. Umziehen werden wir aber nicht mehr, denn der Standort mit einem U-Bahn-Anschluss ist für uns ideal.

 

Die Tiertafel in der Ludwig-Landmann-Straße 206 ist telefonisch unter 01 74-4 60 31 90 zu erreichen.

 

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