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Frankfurter Bahnhofsviertelnacht 2017: Prostitutionsgegner greifen erneut Bordellführungen und Doña Carmen an

Dass die Stadt Bordellführungen aus dem offiziellen Programm der Bahnhofsviertelnacht gestrichen hat, reicht der Prostitutionsgegnerin Manuela Schon nicht. Sie übt heftige Kritik am Frankfurter Verein für Prostituiertenrechte Doña Carmen. Doch der wehrt sich.
Foto: Boris Roessler (dpa)
Wenn zur Bahnhofsviertelnacht wieder Tausende fröhlich durch Frankfurts Rotlichtviertel ziehen, vorbei an Bordellen, Bars und Strip-Klubs, ist das für Manuela Schon von der Organisation „Abolition 2014“ nur schwer zu ertragen. „Bei der Bahnhofsviertelnacht feiern die Leute inmitten des Elends und des Leids.  Sie haben sich offenbar daran gewöhnt“, sagt die 34-Jährige. Elend und Leid – damit meint Schon vor allem die Prostitution. Rund 2000 Frauen sollen in Frankfurt mit Sexarbeit ihr Geld verdienen. Viele von ihnen arbeiten in den Bordellen und Laufhäusern des Bahnhofsviertels.

Ginge es nach der Aktivistin Schon würde sich schon bald überhaupt keine Frau mehr prostituieren – nicht in Frankfurt, nicht in Deutschland, am besten nirgendwo. Die Abschaffung der Prostitution bezeichnet die junge Frau als ihr langfristiges Ziel. Zumindest einen winzigen Schritt hat sie in diese Richtung gemacht. Einen Schritt, mit dem sie dem Frankfurter Prostituiertenrechte Verein Doña Carmen geschadet hat.

„Wir (Vertreter von Anti-Prostitutions-Initiativen, Anmerk. d. Red.) sehen nicht, dass Doña Carmen im Interesse aller Prostituierten arbeitet“, sagt Manuela Schon. Sie wirft dem Verein vor, dass er Prostitutionsindustrie verteidige und Menschenhandel und Gewalt als relevante Probleme für das Gewerbe leugne. Für Schon macht sich jeder Mann, der zu einer Prostituierten geht, der sexuellen Gewalt schuldig, weil keine Frau freiwillig Sex gegen Geld tauscht. „Nur durch das Geld wird aus einem ‚Nein‘  ein ‚Ja‘“, so lautet Schons These, die von vielen Prostitutionskritikern gestützt wird.

Schon in der Vergangenheit waren die Prostitutionsgegner um Manuela Schon und der Verein Doña Carmen aneinander geraten. Bei Veranstaltungen der Pro-Sexaktivistinnen hat Schon Hausverbot. Die Auseinandersetzung um die Rechte der Prostituierten in Frankfurt hat jetzt einen neuen Streitpunkt: Die Bordellführungen für Frauen während der Bahnhofsviertelnacht.

Die ehemalige Wiesbadener Stadtverordnete der Partei „Die Linken“, Manuela Schon, ist Mitgründerin der Anti-Prostitutionsinitiative Abolition 2014, einem Netzwerk aus Sozialarbeitern, Wissenschaftlern und Ex-Prostituierten. Sie und Mistreiter von verschiedenen prostitutionskritischen Organisationen hatten im Juni auf Initiative von SaveRahab e.V. in einem offenen Brief die Stadt Frankfurt aufgefordert, zu verhindern, dass  die Bahnhofsviertelnacht am 17. August  in der Form, wie sie im letzten Jahr stattgefunden hatte, nochmal stattfindet. Besonders die Bordellführungen sind den Aktivisten dabei ein Dorn im Auge.

Seit einigen Jahren bieten sie Bordelle und Laufhäuser aus Frankfurts Rotlichtviertel in regelmäßigen Abständen an. Frauen besichtigen dann die Räumlichkeiten  und unterhalten sich mit den Sexarbeiterinnen. Mitorganisiert und getragen wurden diese Führungen unter anderem von Doña Carmen.
„Ganz normaler Job“: Tänzerin in einer Animierbar im Bahnhofsviertel
Führungen finden doch statt – aber inoffiziell Bahnhofsviertelnacht: Frauen erkunden ein Bordell

Kommenden Donnerstag wird das Bahnhofsviertel wieder zur Partymeile. Einblicke in das Rotlichtmilieu soll es dabei laut offiziellem Programm aber nicht geben. Die Stadt will als Veranstalter keine Werbung für Prostitution machen. Doch die gehöre nunmal zum Viertel, sagt Ulrich Mattner und lädt neugierige Frauen dennoch zu seinen Bordellführungen ein.

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Nach der Beschwerde der Aktivistinnen um Schon warf die Stadt Frankfurt die Bordellführungen aus dem öffentlichen städtischen Programm. Natürlich sei Prostitution ein Teil des Bahnhofsviertels, aber die Stadt wolle keine Werbung für das Gewerbe machen und die Frauen nicht dem Voyeurismus aussetzen, hieß es im Juni dieses Jahres.

Im letzten Jahr hatte Manuela Schon erstmals die Bahnhofsviertelnacht besucht. Zuvor habe sie immer gedacht, das sei ein kleines Stadtfest mit ein paar hundert Menschen, sagt sie heute. Stattdessen sei sie schockiert gewesen, wie viele Menschen dort feierten, während in den Bordellen die Prostituierten ihrer Arbeit nachgingen. Schließlich stellte sich auch die Aktivistin in eine der langen Schlangen, um an einer der Bordellführungen teilzunehmen.

„Wir waren entsetzt von der Art der Menschenschau, die wir dort erlebt haben“, sagt Schon. Sie empfand das Bordell als eng und stickig, berichtet von halbnackten Frauen, die nicht gewusst hätten, wie ihnen geschieht, als die Menschenmassen vor ihren Zimmern entlangliefen. Im Gespräch hätten die Prostituierten gesagt, von Bordellführungen hätten sie nichts gewusst. 

Fraences Funk  von Doña Carmen findet die Vorwürfe „an den Haaren herbeigezogen“. Wer die Bordellführungen als „Menschenzoo“, „Fleischbeschau“ oder “ Voyeurismus“ bezeichne, wie es andere in der Vergangenheit schon getan hatten, wolle damit letztlich Sexarbeit stigmatisieren.

Die 57 Jahre alte Funk ist selbst Prostituierte, arbeitet seit Jahren im Frankfurter Bahnhofsviertel. Den Frauen sei sehr wohl gesagt worden, dass es Bordellführungen geben werde. Wer sich dadurch gestört fühlt, hätte an diesem Tag einfach freinehmen können – oder die Tür zu machen. „Dumm und uninformiert sind die Prostituierten nicht“, entgegnet Funk. Eine halbe Stunde dauert eine Führung in etwa, eine Viertelstunde können die Frauen danach mit den Prostituierten sprechen. Inzwischen seien immer mehr Frauen dazu bereit, an den Führungen teilzunehmen, sagt Funk. „Die merken die Solidarität.“ 

Prostitutionsgegnerin Schon glaubt nicht, dass alle Frauen eine Wahl haben. Viele Frauen müssten schließlich auf den  Zimmern schlafen, weil sie diese oft für ein ganze Woche gemietet hätten. Das ist nach der Erfahrung von Funk schlicht falsch. Erstens dürften die Frauen nicht an ihrem Arbeitsplatz schlafen, wegen des neuen Prostitutionsschutzgesetzes. Und zweitens seien viele ihrer Kolleginnen derzeit überhaupt nicht in Frankfurt – sondern im Urlaub. So oder so sei das Geschäft rund um die Bahnhofsviertelnacht schlecht: „Es ist großer Rummel vor der Tür – nur wenige Männer trauen sich ins Bordell, wenn sie gesehen werden könnten.“

Dass die Stadt Frankfurt trotz allem reagiert hat und die Bordellführungen aus dem offiziellen Programm genommen hat, hält Schon für ein wichtiges Signal. „Das Bewusstsein für das größere Problem fehlt aber auch in Frankfurt“, sagt sie trotzdem. In einem Interview legen sie und die Aktivistin Raya Restel nach: Sie wollen, dass die Stadt Frankfurt sich öffentlich von den Bordellführungen distanziert. Außerdem kritisieren sie, dass weiterhin Vereine im Programm vertreten seien, die solche Führungen anbieten. Gemeint ist damit wohl vor allem Doña Carmen.

Der Prostituiertenrechteverein fühlte sich durch die Entscheidung der Stadt ausgegrenzt. Die Kritik der Sexarbeiterinnen: Die Doppelmoral der Stadt. Einerseits kokettiere die Stadt mit dem Image des Rotlichtviertels, für das Sexarbeit einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren sei. Andererseits raube der Ausschluss aus dem Programm den Prostituierten die Möglichkeit, sich und ihre Gewerbe zu präsentierten und Aufklärung zu betreiben.

Die Streitparteien einigten sich schließlich auf eine neue Sprachregelung: Die Führungen werden während der Bahnhofsviertelnacht  stattfinden – gelten aber nicht als offizielle Veranstaltungen, sondern als privates Angebot. Doña Carmen selbst ist immer noch Teil des Programms: Sie bieten in ihren Vereinsräumen wieder Gespräche mit Sexarbeiterinnen an.

Manuela Schon sagt zwar, gegen diese Info-Veranstaltungen habe sie nicht einzuwenden. Um eine Warnung kommt sie dennoch nicht umhin. Sie wirft Doña Carmen vor, bei ihren Veranstaltungen die schlimmen Seiten der Prostitution auszublenden. Es sei wichtig mit Betroffenen zu sprechen, aber man müsse eben auch mit prostitutionskritischen Frauen sprechen – „und diese werden Sie bei Doña Carmen bestimmt nicht finden.“ Dort werde ein verzerrtes Bild der Prostitution gezeigt.

Sie ist der Meinung, dass dieser Umstand umso schwerer wiegt, weil den Frauen die an den Veranstaltungen teilnehmen, das Vorwissen fehle. Sie fürchtet, die Frauen könnten die Situation in den Bordellen deshalb falsch auffassen: „Bei der Bordellführung im letzten Jahr haben wir festgestellt, das manche Frauen zwar das selbe sehen wie wir, aber nicht das selbe wahrnehmen“, erklärt Schon. „Man muss nicht durchs Bordell latschen, um zu verstehen, dass Prostitution schlimm ist.“

Fraences Funk von Doña Carmen weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Grundsätzlich könne jede Sexarbeiterin auch bei ihren Veranstaltungen mitmachen – unabhängig von ihrer Einstellung zu ihrem Beruf. „Wir beschönigen Prostitution nicht“, sagt Funk. „Außerdem: Wer kann besser über die Arbeit der Prostituierten sprechen, als sie selbst?“ Das große Interesse an den Bordellführungen bei der Bahnhofsviertelnacht gebe ihr Recht, sagt Funk:  „Die Menschen sind mündig genug, sich selbst ein Bild zu machen. Und das sollen sie auch weiter können.“

Dies ist eine aktualisierte Version des Artikels. In einer vorherigen Version hieß es, in dem offenen Brief an die Stadt sei gefordert worden, die Bordellführungen zu verhindern. Diese Aussage bezog sich auf folgendes Interview. Die Stelle wurde mittlerweile korrigiert.
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