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Brutale Attacke im Kneipenviertel: Säure-Attacke in Alt-Sachsenhausen: Vom Täter fehlt jede Spur

Pierre Albert wollte mit seinem Bruder Nick und Freunden einen schönen Abend verbringen. Plötzlich sprühten ihm Unbekannte Säure ins Gesicht. Er ist fast blind. Von den Tätern fehlt jede Spur.
Nick und Pierre (von links) wurden von Unbekannten überfallen, Pierres Auge schwer geschädigt. Sie wollten sich mit Cousin Deniz (r.) treffen. Foto: Rainer Rüffer Nick und Pierre (von links) wurden von Unbekannten überfallen, Pierres Auge schwer geschädigt. Sie wollten sich mit Cousin Deniz (r.) treffen.
Sachsenhausen. 

Es ist eine laue Sommernacht am Wochenende vom 22. auf den 23. Juli. Die Brüder Pierre (25) und Nick (18) Albert verbringen den späten Abend im Park am Affentorplatz in Alt-Sachsenhausen und sind mit ihrem Cousin Deniz Nakisci (21) und Freunden in einer Shisha-Bar verabredet. „Gegen halb vier wollten wir noch Geld bei der Bank holen“, erzählt Pierre. Der blasse, schlaksige junge Mann mit dünnem Bart ist sehbehindert, auf einem Auge blind. Das zweite Auge hat eine Sehkraft von 50 bis 60 Prozent. Er trägt Brille. Die beiden schlendern zum Geldautomaten.

„Von hinten fragte eine Männerstimme, wo die Bahnhofstraße sei. Ich habe mich umgedreht und gesagt, dass ich das nicht weiß“, erinnert sich Nick. Die drei jungen Männer, einer von ihnen kräftig gebaut und mit Weste gekleidet, die beiden anderen schlank, seien zu ihnen gelaufen. „Einer hat nicht mal einen Meter vor uns eine Spraydose gezückt und losgesprüht.“

Nick hatte Glück, Pierre traf es mitten ins Gesicht. „Es hat ätzend gebrannt. Im ganzen Gesicht, in den Augen, auf den Handrücken“, sagt Pierre leise und zeigt auf eine dicke große rote Stelle über seiner Lippe. „Hier ist es und tut immer noch weh.“ Nick schrie „Lauf!“, aber Pierre konnte nichts mehr sehen und torkelte. Sie baten Passanten und Leute im Park um Hilfe. „Niemand hat sich gerührt oder einen Notarzt gerufen“, erinnert sich Nick. Verzweifelt habe er seinen Cousin Deniz angerufen. „Geht zur Polizei“, riet dieser.

Arbeiten ist nicht möglich

Auf der Wache kann Pierre seine Augen auswaschen, erhält Erste Hilfe. „Es hat nichts geholfen.“ Nach der Anzeige fahren die Brüder in die Notaufnahme. Am nächsten Tag geht Pierre zur Augenärztin. „Sie hat gesagt, dass die Hornhaut ein einziges offenes Wundloch sei, eine Falte auf der Netzhaut hat sich mittlerweile wieder geglättet“, sagt Pierre traurig. „Fünf Tage lang hatte ich knallrote Augen, Hände und Gesicht. Die Wunde im Auge heilt sehr langsam. Mein Sehvermögen liegt jetzt bei zehn Prozent, niemand weiß, ob es nachhaltige Schäden geben wird.“

Was gesprayt wurde, ist nicht bekannt. „Die Augenärztin hat gesagt, dass das Mittel säurehaltig war“, bestätigen die Opfer. „Arbeiten kann ich nicht und auch nicht lesen, dabei hatte ich wegen meiner Brille noch Glück im Unglück.“

Cousin Deniz macht sich Vorwürfe. „Ich hätte sie abholen sollen. Aber wer kann schon ahnen, dass völlig harmlose Leute einfach so angegriffen werden.“ Drei Tage vor der Attacke sei ein Freund von ihm in Alt-Sachsenhausen mit Pfefferspray besprüht worden, als er aus Versehen im Gedränge die Freundin eines Anderen angerempelt hatte. Er habe sich entschuldigt und sofort die Ladung im Gesicht gehabt. Nach ein paar Stunden seien seine Augen wieder in Ordnung gewesen. „Bei Pierre ist es so schlimm“, sagt Deniz. „Ich kann nicht verstehen, warum Leute so etwas tun. Erst werden Wehrlose angegriffen und dann hilft niemand. Pierre und Nick werde ich jetzt immer abholen und nach Hause bringen.“

Die Drei sind oft im Viertel, so etwas haben sie noch nie erlebt. Die Polizei ermittelt, hat aber noch keine Täterhinweise, bestätigt eine Sprecherin. Eine Häufung von Straftaten in Alt-Sachsenhausen mit Reizgas läge nicht vor, „zu solchen Straftaten kommt es vereinzelt, aber immer wieder“.

Kritisch ab 1 Uhr nachts

Beim Schweizer Straßenfest noch hatte sich Walter Hofmann, Leiter des 8. Polizeireviers, kritisch über Alt-Sachsenhausen geäußert. Ab 1 Uhr nachts würde es heikel, wenn Alkohol in Kombination mit Drogen die Hemmschwelle für Gewalt sinken ließen. „Da reagieren sie auch kaum auf die Polizei. Bei Schlichtungsversuchen werden auch unsere Beamten verletzt. Besonders bei Festnahmen gibt es Tritte, wir werden angespuckt und wüst beschimpft.“

Manchmal zögen auch Betrunkene anderen Besuchern Flaschen über den Kopf – mit Folgen bis zum Schädelbruch. „Wenn 50 Leute in Alt-Sachsenhausen betrunken Junggesellenabschied feiern, ist die Situation auch schwierig.“

Spray-Angriffe hatte er nicht erwähnt. In anderen Großstädten hatte es in jüngster Zeit immer wieder Säure-Zwischenfälle gegeben, so etwa im Dezember in Berlin, als allein in einer Woche sechs Frauen attackiert wurden. Es folgten weitere. Seit März gibt es dort eine eigene Ermittlungsgruppe „Säure“ mit fünf Beamten. In London wurden im vergangenen Jahr 224 Angriffe mit Säure auf Passanten gezählt. Im kriminellen Jargon britischer Jugendbanden heißen sie „Gesichtsschmelzer“.

Prominentes Beispiel für eine Säureattacke ist der russische Oppositionspolitiker und Präsidentschaftskandidat Alexei Nawalny. Seit dem Angriff im Mai klagt er über anhaltende Beschwerden auf dem rechten Auge. Auch bei ihm stellten Ärzte eine Verbrennung der Hornhaut fest.

Der Eintracht-Fan Pierre Albert bleibt erstmal zu Hause. „Es ist einfach zu viel. Aber ich hoffe, dass die Täter bald gefasst werden und dass ich wieder sehen kann.“

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