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90-Jähriges: Uhrengeschäft in der Mainzer Landstraße wird in der dritten Generation geführt

Seit 90 Jahren gibt es das Geschäft „Nickel Uhren und Schmuck“ in der Mainzer Landstraße 99. Drei Generationen der Uhrmacherfamilie haben im Gallus manche Krise durchlebt. Weil sich alle Familienmitglieder des Unternehmens aber stets als Handwerker verstanden hatten, gibt es das Geschäft noch immer.
Manfred Nickel ist glücklich, dass sein Enkel Joachim das Geschäft weiterführt – mittlerweile schon in der dritten Generation. Bilder > Manfred Nickel ist glücklich, dass sein Enkel Joachim das Geschäft weiterführt – mittlerweile schon in der dritten Generation.
Gallus. 

„Nur den Fahrrad Ganzert, den gibt es noch länger, seit 1923“, weiß Manfred Nickel. Er geht gedanklich die Mainzer Landstraße ab. Bis zur Grenze zwischen dem Gallus und Griesheim reicht seine Kenntnis der Straße. „Wie es ganz im Frankfurter Westen ausschaut, weiß ich nicht. Aber im Gallus dürften wir eines der ältesten Geschäfte sein“, schätzt Nickel.

Es klingelt. Ein Kunde steht vor der Tür. Nickel drückt einen Knopf unter dem Verkaufstresen, die Tür öffnet sich. Nickel hat sie nach einem Überfall auf seinen Laden vor 13 Jahren einbauen lassen. Lange hat es gedauert, bis er das Erlebnis verarbeitet hat. Aufgeben kam für den Uhrmachermeister damals nicht infrage.

Am kommenden Montag kann Nickel daher auch sein Durchhaltevermögen feiern. Das Familienunternehmen „Nickel Uhren und Schmuck“ feiert sein 90-jähriges Bestehen. Nickels Vater hatte den Laden im Jahr 1927 vom Vorbesitzer übernommen. Seit 2013 führt sein Enkel Joachim (28) mittlerweile in dritter Generation die Geschicke.

Er wird wohl dafür sorgen, dass das Uhrengeschäft auch seinen 100. Geburtstag im Gallus feiern wird. In neun Jahrzehnten sprachen einige Gründe für einen Umzug in einen anderen Stadtteil, nicht nur der Überfall: Das Gallus wurde bei Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg fast dem Erdboden gleichgemacht. Der Pelzhandel verschwand bis auf ein paar Ausnahmen aus dem nahe gelegenen Bahnhofsviertel und mit ihm viele gut betuchte Kunden. Die Adler-Werke in der Kleyerstraße machten dicht, Post und Bahn zogen Tausende Mitarbeiter ab, von denen viele auch bei „Nickel Uhren und Schmuck“ kauften.

Alles Eigenleistung

Auch veränderte sich das Bild der Mainzer Landstraße hin zum Schlechten. Die Laufkundschaft wich Drogensüchtigen, Obdachlosen und Kleinkriminellen. Harmlos seien hingegen die Leute, die die AIDS-Hilfe aufsuchen, die im Viertel sitzt, sagt Nickel, dessen Hauptkundschaft heute Bankmitarbeiter sind.

Der Hauptgrund dafür, dass es das Uhrengeschäft noch immer gibt, hat damit zu tun, dass die Nickels nie dem Trend hinterher rannten. Während andere Uhrengeschäfte beschädigte oder defekte Uhren zum Hersteller einschicken und dort reparieren lassen, legen Manfred und Joachim Nickel sowie ein Mitarbeiter, der wie Vater und Sohn Uhrmachermeister ist, noch selbst Hand an.

Joachim Nickel zeigt auf ein Regal, auf dem sich hunderte kleine hölzerne Kisten stapeln. „In unserem Lager befinden sich noch weit mehr. Sie beinhalten aufgekaufte alte Uhrenbestände, Ersatzteile, Taschenuhren, die mein Opa aufbewahrt hat“, erzählt er. Der Inhalt versetzt die Nickels in die Lage, jene Uhren, die sie verkaufen, auch reparieren zu können. „Weil das Handwerk bei uns noch im Mittelpunkt steht, verkaufen wir bis ein klein wenig Schmuck nur mechanische Uhren“, sagt Joachim. Auch Antik-Uhren repariere kaum noch jemand.

In Frankfurt sei man dabei konkurrenzlos. Große Uhrenhändler verfügten nur in selten Fällen über alte Ersatzteile, sagt Joachim Nickel, auch weil ihnen der Uhrmacher-Nachwuchs fehle, um sie zusammenzusetzen. Die Nickels haben versucht, Praktikanten für das Handwerk zu begeistern. Doch denen, berichtet der aktuelle Geschäftsführer, habe die Geduld gefehlt, sie hätten das Praktikum nach kurzer Zeit abgebrochen.

Für Joachim Nickel jedoch sind es gerade das Durchhaltevermögen und das penible Arbeiten, die den Beruf so spannend machen: „Es versprüht eine gewisse Magie, alte Dinge zum Leben zu erwecken. Doch dafür muss man geschaffen sein.“ Allein für sein Meisterstück habe er 300 Stunden gebraucht.

Schandfleck beseitigen

Der Nachwuchsmangel wird vielleicht dazu führen, dass einmal die vierte Generation der Uhrmacher-Nickels das Geschäft weiterführt. Manfred Nickel hofft, dass dann längst das dem Laden gegenüberliegende Areal, auf dem sich auch das ehemalige Polizeipräsidium befindet, neu entwickelt worden ist: „Seit 15 Jahren ist dies ein einziger Schandfleck.

Wenn sich dort was tut, dann profitieren auch wir und andere Geschäfte auf der Mainzer Landstraße enorm.“ Eine schönere und belebtere Gegend führen vielleicht auch dazu, dass die Nickels künftig von Überfällen verschont bleiben.

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