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FNP-Pflegeserie: Vorsicht bei der Pflegeversicherung!

Pflege in Deutschland ist kompliziert – und teuer. Ein Platz im Heim kostet in der Pflegestufe III pro Monat rund 4500 Euro. Die gesetzliche Pflegeversicherung übernimmt davon etwa ein Drittel. Die übrigen 3000 Euro müssen Betroffene selbst stemmen – oder deren Kinder. In einer Serie rund ums Thema beleuchtet die Frankfurter Neue Presse die wichtigsten Aspekte. Heute geht es um die private Pflegezusatzversicherung. Ist diese sinnvoll? Und worauf sollten Verbraucher achten?
„Wer sie sich leisten kann, braucht sie nicht, und wer sie braucht, kann sie sich nicht leisten“, sagt Daniela Hubloher von der Frankfurter Verbraucherzentrale über die private Pflegezusatzversicherung. Wer dennoch eine Police abschließen möchte, sollte die Vertragsbedingungen genau prüfen. Foto: Christian Christes (CHRISTES) „Wer sie sich leisten kann, braucht sie nicht, und wer sie braucht, kann sie sich nicht leisten“, sagt Daniela Hubloher von der Frankfurter Verbraucherzentrale über die private Pflegezusatzversicherung. Wer dennoch eine Police abschließen möchte, sollte die Vertragsbedingungen genau prüfen.
Frankfurt. 

Redakteurin Stefanie Liedtke hat sich darüber mit Daniela Hubloher unterhalten. Sie ist Expertin für Gesundheitsdienstleistungen und Patientenrechte bei der Verbraucherzentrale Frankfurt.

Frau Hubloher, immer mehr Deutsche schließen eine private Pflegezusatzversicherung ab. Ist das denn empfehlenswert?

DANIELA HUBLOHER: Aus unserer Sicht ist eine Pflegezusatzversicherung nicht unbedingt notwendig. Man kann auch auf andere Weise vorsorgen. Vor allem wer Rücklagen oder eine andere Altersvorsorge hat, braucht nicht unbedingt eine Pflegezusatzversicherung. Wichtiger wäre es, andere Risiken abzusichern, die viel wahrscheinlicher sind als das Risiko, zum Pflegefall zu werden.

Nämlich?

HUBLOHER: Eine Haftpflichtversicherung sollte jeder haben, nach Möglichkeit auch eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Grundsätzlich ist eine gute Altersversorgung sinnvoller als eine private Pflegezusatzversicherung: Die Wahrscheinlichkeit, alt zu werden, ist höher als die Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu werden.

Wenn man dann doch pflegebedürftig wird, hilft einem die Statistik wenig. . .

HUBLOHER: Das ist richtig. Es ist auch nicht so, dass wir sagen: Machen Sie das bloß nicht. Aber man sollte schon genau prüfen, ob es wirklich notwendig ist. Oft sind es Kinder, die eine Pflegezusatzversicherung für ihre Eltern abschließen wollen, oder Eltern, die Angst haben, ihre Kinder müssten irgendwann für sie zahlen. Wenn das Thema virulent wird, ist es in vielen Fällen aber schon zu spät, weil die Betroffenen bereits zu alt sind – dann ist der Einstieg in die Versicherung extrem teuer. Gleiches gilt, wenn sie nicht mehr gesund genug sind.

Ab wann ist man denn „zu alt“ für eine private Pflegezusatzversicherung?

HUBLOHER: Die Stiftung Warentest geht davon aus, dass es nur bis zum 55. Lebensjahr sinnvoll ist, eine Pflegezusatzversicherung abzuschließen.

Also sollten vor allem junge Leute eine Pflegezusatzversicherung abschließen?

HUBLOHER: Denen würde ich eher raten, sich um eine gute Altersvorsorge zu kümmern und eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen. Das halte ich für sinnvoller, als schon in jungen Jahren in die Pflegeversicherung einzuzahlen.

Wenn sich Verbraucher dennoch für die Pflegezusatzversicherung interessieren: Mit welchen Kosten müssen sie rechnen?

HUBLOHER: Das ist sehr unterschiedlich je nach Alter und Gesundheitszustand, aber auch je nach Versicherung und Leistung. Wer eine Zusatzversicherung abschließen will, muss sich genau überlegen: Kann er sich das den Rest seines Lebens leisten? Denn wenn man die Versicherung kündigen muss, ist das eingezahlte Geld weg. Zudem ist es wichtig zu wissen, dass die Beiträge mit der Zeit steigen können. Um wie viel, kann keiner sagen, weil niemand weiß, wie die gesundheitliche Entwicklung der Versicherten sein wird.

Pflegetagegeld-, Pflegekosten-, Pflegerenten- und Pflegelebensversicherungen. . . – was würden Sie empfehlen?

HUBLOHER: Pflegerenten- und Pflegelebensversicherungen sollte man sich sehr genau anschauen. In den meisten Fällen sind diese Modelle nicht zu empfehlen. Auch die Pflegekostenversicherung ist eher unattraktiv, weil sie meist teuer ist und Kosten in der Regel nur übernommen werden, wenn professionelle Pflege in Anspruch genommen wird. Wer von einem Angehörigen zu Hause gepflegt wird, erhält nur eingeschränkte Leistungen. Pflegetagegeld hingegen erhalten die Versicherten zur freien Verfügung. Überwiegend werden deshalb Pflegetagegeldversicherungen angeboten und abgeschlossen.

Worauf sollten Verbraucher achten?

HUBLOHER: Sie sollten sich die Vertragsbedingungen genau ansehen und dabei vor allem auf folgende Punkte achten:

1. Folgt die Einstufung bei der Pflegezusatzversicherung der Einstufung der gesetzlichen Pflegeversicherung? Andernfalls kann die Versicherung zusätzliche Untersuchungen verlangen und unter Umständen Leistungen verweigern.

2. Sind alle drei Pflegestufen abgesichert? Nur 12 Prozent der Pflegebedürftigen zählen nach Daten des Bundesministeriums für Gesundheit zur Pflegestufe III. Zudem ist das die Pflegestufe, die in der Regel am kürzesten benötigt wird. Billigtarife, die nur Pflegestufe III absichern, sind nicht empfehlenswert.

3. Möglichst kurze oder keine Wartezeit: Manche Tarife leisten erst Jahre nach Vertragsabschluss. Zudem sollte es keine Karenzzeit geben, wenn ein Wechsel zwischen den einzelnen Pflegestufen vorliegt: Wer in einer höheren Pflegestufe eingruppiert wird, sollte dafür nicht erst nach drei oder sechs Monaten höhere Leistungen erhalten.

4. Enthält die Versicherung eine Dynamik, das heißt eine Anpassung der Leistungen in Bezug auf die Inflation, vor und möglichst auch nach Eintritt des Leistungsfalls? Die Frage ist doch: Was sind 1500 Euro in 20 Jahren noch wert?

Ist das alles?

HUBLOHER: Nicht ganz. Eine gute Vertragsbedingung wäre darüberhinaus, wenn der Versicherte im Pflegefall beitragsfrei ist. Bei vielen Tarifen muss man die Beiträge auch dann weiterzahlen, wenn der Versicherungsfall eintritt. Faktisch fällt also die gezahlte Prämie niedriger aus.

Und was ist, wenn 2017 die Pflegestufen durch die Pflegegrade abgelöst werden?

HUBLOHER: Das ist tatsächlich nicht unproblematisch, weil die Policen in die neue Einstufung überführt werden müssen. Wer vorher noch eine Pflegezusatzversicherung abschließen möchte, sollte die Tarifbedingungen genau prüfen. Aktuell raten wir aber eher dazu abzuwarten, bis die neuen Regelungen gelten, bevor man einen neuen Vertrag unterschreibt.

Die Leistungen der einzelnen Versicherungen sind sehr unterschiedlich. Wie hoch sollten sie sein, damit man im Pflegefall gut abgesichert ist?

HUBLOHER: Um gut abgesichert zu sein, sollten in Pflegestufe III 1500 bis 1800 Euro pro Monat versichert sein. Das entspricht einem Tagessatz von 50 bis 60 Euro in Pflegestufe III. In Pflegestufe I und II werden von dem Tagessatz in der Regel 20, beziehungsweise 50 Prozent geleistet. Aber um so eine Versicherung zu bekommen, muss man gesund sein. Versicherungen versichern keine brennenden Häuser. Wer bereits gesundheitlich angeschlagen ist, dem bleibt im Grunde nur der Pflege-Bahr.

Also die gesetzlich geförderte Pflegezusatzversicherung. Was ist so schlecht daran?

HUBLOHER: Zunächst einmal: Die gesetzliche Förderung beträgt gerade einmal 5 Euro pro Monat, also 60 Euro pro Jahr. Das ist nicht besonders viel. Hinzu kommt: Diese Versicherung muss jeden aufnehmen, es sei denn, er ist bereits pflegebedürftig. Deshalb gehen wir davon aus, dass hier die Beiträge sehr stark steigen werden, weil in diese Versicherung alte und kranke Menschen gehen. Das sind auch die einzigen, für die diese Versicherung überhaupt in Frage kommt, wenn sie noch ein bisschen vorsorgen wollen.

Ein bisschen?

HUBLOHER: Die gesetzlich vorgeschriebenen Leistungen aus dem Pflege-Bahr sind begrenzt: In Pflegestufe III sind es 600 Euro, in Pflegestufe II 180 Euro und in Pflegestufe I 120 Euro. Zudem ist die Wartezeit mit fünf Jahren relativ lang, und es gibt keine Dynamisierung.

Für Gesunde ist die geförderte Pflegezusatzversicherung also nicht zu empfehlen?

HUBLOHER: Wir würden sie nicht empfehlen. Die Stiftung Warentest kommt zum gleichen Ergebnis.

Dabei wird gerade dafür unheimlich viel Werbung gemacht – und staatlich gefördert hört sich doch auch irgendwie seriös an. . .

HUBLOHER: Das stimmt. Aber das muss nicht heißen, dass es gut ist. Die Werbung ist geschickt gemacht. Selbst die Kinder werden angesprochen. Am Ende meinen die Leute, sie müssten das machen.

Was passiert eigentlich mit dem eingezahlten Geld, wenn man nicht pflegebedürftig wird?

HUBLOHER: Das ist weg. Bei der Pflegerentenversicherung ist es etwas anders, aber da muss man genau auf die Vertragsbedingungen schauen – wie bei allen Arten der Pflegezusatzversicherung. Auf keinen Fall sollten Verbraucher die nächstbeste Versicherung abschließen, sondern sich gut informieren und unabhängig beraten lassen. Wir kommen bei der Beratung relativ häufig zu dem Ergebnis, dass es nicht sinnvoll ist.

Aus welchen Gründen?

HUBLOHER: Etwas zugespitzt kann man es so formulieren: Wer es sich leisten kann, braucht es nicht, und wer es braucht, kann es sich nicht leisten. Wer zum Beispiel 100 000 oder 150 000 Euro an Rücklagen hat, der braucht keine Pflegezusatzversicherung, den schicke ich zur Kollegin, die über Geldanlage berät. Und wer nur wenig Geld zur Verfügung hat, der muss genau prüfen, ob er auf Dauer die steigenden Beiträge zahlen kann.

Auch wenn jemand nur wenig Geld hat, ist es ihm vielleicht ein Bedürfnis, für den Pflegefall vorzusorgen, damit die Kinder nicht einspringen müssen?

HUBLOHER: In vielen Fällen müssen sie das gar nicht oder nur mit einer geringen Summe. Der Selbstbehalt – also das Geld, das die Kinder für sich selbst zurückbehalten dürfen – ist relativ hoch. Für Alleinstehende beträgt der Selbstbehalt 1800 Euro pro Monat, für ein Ehepaar 3240 Euro. Das bezieht sich auf das bereinigte Nettoeinkommen. Das heißt, dass vorab noch andere Abzüge geltend gemacht werden können, etwa Ratenzahlungen, die zu leisten sind, oder Zahlungen für die eigene Altersvorsorge. Mit Monatsraten von mehreren hundert Euro müssen allerhöchstens Besserverdiener rechnen.

Im neunten Teil unserer Pflegeserie sprechen wir morgen mit dem Pflegeheimleiter und Buchautor Michael Graber-Dünow darüber, was in der Pflege schief läuft.

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