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Gesundheit: Werden gesetzlich Versicherte in Frankfurt schlechter behandelt?

Privatpatienten werden bevorzugt! So empfinden viele. Aber ist das System wirklich ungerecht? Eines ist klar: Muss ein gesetzlich Versicherter zum Spezialisten, braucht er Geduld und Nerven.
Erst wartet man ewig auf einen Termin, dann ewig im Wartezimmer: Patienten beim Facharzt. Foto: Patrick Pleul (dpa-Zentralbild) Erst wartet man ewig auf einen Termin, dann ewig im Wartezimmer: Patienten beim Facharzt.
Frankfurt. 

Eines Tages fing dieser Leberfleck auf dem Bauch auch noch zu jucken an. Dass er an seinen Rändern ausfranste, hatte Jelena Koch in den Tagen zuvor schon beunruhigt. Die Frankfurterin rief bei einem Hautarzt an, beschrieb der Arzthelferin den Fleck genau. Antwort: Termin frühestens in sechs Wochen. Ihre Unruhe wuchs. Sie rief beim nächsten an: gleiche Antwort.

Jelena Koch, Anfang 50, nie ernsthaft erkrankt gewesen, machte es richtig: Sie ging zu ihrem Hausarzt. Er besorgte ihr einen schnellen Termin – mit lauter Stimme. „Der hat richtig Dampf gemacht.“ Sieben Tage später hatte sie die Diagnose: schwarzer Hautkrebs. Der ist gefährlich, besonders dann, wenn er spät entdeckt wird. Er streut stark. Jelena Koch hatte Glück. Weil sie rechtzeitig behandelt worden ist. Dass sie von zwei Praxen abgewimmelt worden ist, macht sie fassungslos: „Typisch Zweiklassenmedizin!“

Kein großer Wurf

Zweiklassenmedizin. Das Schlagwort für organisierte Ungerechtigkeit im Gesundheitssystem macht wieder Karriere. Lange Jahre verwahrte sich etwa SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach gegen die Kritik, in Deutschland würden gesetzlich versicherte Patienten systematisch benachteiligt, privat versicherte bevorzugt. Mittlerweile wettert er am lautesten gegen die Zweiklassenmedizin. Bei den Sondierungsgesprächen zur großen Koalition in Berlin machte er sich federführend für die Bürgerversicherung und damit die Aufhebung des dualen Systems stark. Ohne Erfolg. Dafür soll nun eine Kommission prüfen, ob es sinnvoll ist, die Arzthonorare für Kassen- und Privatpatienten zumindest anzunähern.

Hausarzt Dr. Harald Heiskel sieht darin keinen großen Wurf. Im Ostend praktiziert er, engagiert sich beim Verband Demokratischer Ärztinnen und Ärzte und zahlt für einen Tag Fortbildung lieber selbst 120 Euro, als sich von der Pharmaindustrie dazu einladen zu lassen.

Als Befürworter der Bürgerversicherung gehört er zur Minderheit der Ärzteschaft. Mehr Gerechtigkeit will er – für die Versicherten und für Kollegen, die in ärmeren Gegenden praktizieren. Die Kassenärztliche Vereinigung ist gegen die Bürgerversicherung, der Hartmannbund ebenfalls. Von der Mischkalkulation mit einträglichen Privatpatienten profitierten aufgerüstete Praxen und damit auch deren Kassenpatienten, heißt es da. Zudem behindere Gleichmacherei Innovation. Letztlich empfinden die Verbände das Thema „Zweiklassenmedizin“ als hochgekocht.

„Ich erlebe Zweiklassenmedizin tagtäglich“, sagt Hausarzt Heiskel, fügt aber an, dass der Begriff auch irreführend sei. Dass in Deutschland etablierte Behandlungsverfahren den Kassenpatienten vorenthalten würden, sei eine Mär.

Streitfälle gibt es gleichwohl. Zwei Beispiele: Namhafte Onkologen wie Professor Dr. Eckhard Weidmann vom Krankenhaus Nordwest sähen gern die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) im Leistungskatalog der Gesetzlichen, weil sie die Chance erhöhe, versteckte Metastasen zu erkennen. Gesundheitsexpertin Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen kann nicht verstehen, dass die Früherkennungsuntersuchung des Grünen Stars nicht zum Standard zählt. Generell aber kennen weder Frankfurter Verbraucherschützer noch Patientenberater Fälle unheilvoller Unterversorgung.

„Private“ überversorgt

Dass sich dennoch viele gesetzlich Versicherte gegenüber Privatpatienten notorisch im Nachteil wähnen, hat nach Meinung vieler Experten vor allem zwei Gründe. Einer mag überraschen, leuchtet aber ein: Privatpatienten sind häufig überversorgt. Jeder Handgriff, jedes eingesetzte Gerät, jedes Gespräch bringt Geld. Also wird’s gemacht. Ob es dem Patienten nützt, ist nicht selten zweifelhaft. Unzweifelhaft ist: Der Aufwand für den einen raubt Zeit für den anderen. Das hat Grund Nummer zwei zur Folge: die langen Wartezeiten für Facharzttermine.

Dass sich Kassenpatienten sogar erheblich länger gedulden müssen als Privatpatienten, haben zwei grüne Bundestagsabgeordnete ermitteln lassen. Deren Mitarbeiter gaben sich am Telefon wahlweise als gesetzlich oder privat Versicherte auf Terminsuche aus. In Hessen schwankten die Ergebnisse von Stadt zu Stadt. In Fulda plus 20 Tage, in Frankfurt „nur“ plus 16.

Hausarzt Heiskel erlebt es oft, dass er für einen Patienten beim Fachkollegen anrufen muss. Unlängst war es ein junger Mann, schwer rheumatisch, deshalb arbeitsunfähig, der sechs Wochen lang wartete. „Und dann hat der Kollege ihn nicht mal zügig weiterbehandelt, obwohl das notwendig gewesen wäre.“

Vor allem die Fallpauschalen und Leistungsbudgetierungen verleiten zu solchen verzögerten Therapien. Für jeden Kassenpatienten gibt es pro Quartal einmal Geld, knapp 15 Euro dürfen etwa Hautärzte und Orthopäden abrechnen. „Da zahlt mancher Patient bei drei Besuchen mehr fürs Parkhaus“, sagt ein Orthopäde. „Also wird der nächste Termin drei Wochen nach hinten ins nächste Quartal geschoben.“

Dr. Siegfried Möller vom Dermatologen-Verband Hessen nimmt seine Kollegen vor dem Vorwurf in Schutz, wegen der Fallpauschale dringende Fälle auf die lange Bank zu schieben. „Meine Mitarbeiterinnen lassen sich Flecken genau beschreiben. Wenn nötig, bekommt man sofort einen Termin.“

Dr. Harald Heiskel hingegen sieht in der Fallpauschale bei Kassenpatienten gegenüber der Einzelleistungsvergütung bei Privatpatienten auch Vorteile. Schließlich waren es einst die Hausärzte, die die Pauschalen gefordert haben, um aufwendige Einzelabrechnungen zu vermeiden.

Leistungsbudgets dagegen sind zwar ein wirkungsvolles Instrument, um Ausgaben zu begrenzen. Der Preis dafür kann aber hoch sein: Heiskel riskiert zuweilen saftige Regresszahlungen. 2014 hat er sein Budget an verordneter Krankengymnastik überschritten. Zwei Jahre später musste er in einem 23-seitigen Schreiben 60 beanstandete Fälle ausführlich begründen. Wenn er Pech hat, fordern die gesetzlichen Versicherer die über dem Limit angefallenen Kosten zurück. Vor zwei Jahren wären das 40 000 Euro gewesen.

Wenn ein Patient Pech hat, kneift sein Arzt also lieber. Dann gibt’s eine wichtige Behandlung erst später. „Das ist ein großes Problem“, sagt Professor David Groneberg, Sozialmediziner an der Uniklinik und weist auf die vielen „Regressforderungen“ hin.

„Auf die Knochen“

In den Krankenhäusern hingegen droht auch Kassenpatienten eher ein Zuviel. Die Häuser stehen in Konkurrenz zueinander, es wird um jeden Kranken geworben – mit spezialisierten Chirurgen, teurem Gerät. „Da heißt es dann: Wenn wir das haben, nutzt es auch“, sagt Dr. Susanne Johna, Landesverbandsvorsitzende vom Marburger Bund. Die Kritik von SPD-Politiker Lauterbach, einen absoluten Spezialisten bekomme heute kein Kassenpatient mehr zu Gesicht, teilt sie nicht. „Der Service für Privatpatienten ist besser, aber nicht die medizinische Versorgung.“

Krankenschwester Andrea B. glaubt nicht, dass man das eine vom anderen trennen kann. Seit 20 Jahren ist sie in ihrem Beruf tätig, ein aufwendig renoviertes Krankenhaus ist ihre dritte Stelle in Frankfurt. Was sie vom Alltag auf der Station berichtet, klingt entmutigend: zu wenig Personal für zu viele Patienten. „Das geht auf unsere Knochen – und auf die Knochen der Kassenpatienten“, sagt sie.

Und selbst bei totalen Engpässen solle man sich zügig um Sonderwünsche der Privatpatienten kümmern. „Unsere Halbgötter in Grau, die Manager, wollen das so“, sagt sie. Auch die Ärzte würden oft zur Ungleichbehandlung gezwungen, der undramatische Privatfall erhalte so mehr Aufmerksamkeit als ein schwerer Kassenfall. „Das alles wirkt sich aus – auch medizinisch“, sagt Andrea B.

Oft sei er froh, dass er unabhängig entscheiden kann, wie viele Patienten er wie behandelt, sagt Dr. Harald Heiskel, der Hausarzt aus dem Ostend. Er muss nicht um Privatpatienten kämpfen wie Kollegen mit teuren Praxen in Nähe der Bankentürme; kein Management schreibt ihm Fallzahlen vor; er kann sich Patienten so widmen, wie er es für heilsam erachtet. Er arbeitet 35 Stunden die Woche. Er könnte 180 000 Euro im Jahr verdienen, aber das will er nicht. 66 000 Euro bleiben ihm brutto im Jahr. „Das ist doch genug“, sagt er.

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