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Notfall-Versorgung: Wir waren mit dem Rettungsdienst in Frankfurt unterwegs

Die Mitarbeiter der Frankfurter Rettungsdienste gehen hin, wo's wehtut: Sie behandeln Unfallopfer und Schwerkranke, helfen Verwirrten und trösten Verzweifelte. Der Job ist hart, die Bezahlung mau. Trotzdem wollen sie nichts anderes machen.
Faye Wollny spricht am Rettungswagen mit einer Patientin. Foto: Christophe Braun Faye Wollny spricht am Rettungswagen mit einer Patientin. Foto: Christophe Braun
Frankfurt. 

7.25 Uhr, Innenstadt

Die Frau liegt auf dem Rücken und schreit. Ihre Hose ist heruntergerutscht. Es riecht nach Kot und Urin. Ein Anwohner hat sie am Morgen gefunden, in einem Hauseingang am Rathenauplatz. Wie lange sie dort schon liegt, ist unklar.

Faye Wollny und Michael Knob halten mit dem Rettungswagen wenige Meter vor dem Hauseingang. Die beiden Rettungsassistenten wissen nicht, was sie erwartet – in der Alarmierung war lediglich von einer „hilflosen Person am Rathenauplatz“ die Rede. Sie steigen aus, greifen nach ihren Rucksäcken und eilen zu der schreienden Frau.

Michael Knob und Faye Wollny behandeln eine Frau am Rathenauplatz. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
Michael Knob und Faye Wollny behandeln eine Frau am Rathenauplatz. Foto: Christophe Braun

Michael Knob geht in die Hocke. „Können Sie mich hören?“, fragt er. „Was fehlt Ihnen?“

Die Frau schaut ihn an. Dreht den Kopf zur Seite. Stöhnt.

„Pain!“, sagt sie und deutet auf ihren Unterleib. „Pain!“

Faye Wollny legt ihr eine Hand auf ihre Hüfte. „Hier?“, fragt sie und fährt über den Unterleib. Die Frau macht eine Grimasse.

Wollny nickt ihrem Kollegen kurz zu, läuft zum Wagen zurück und holt die Trage. Michael Knob breitet eine Rettungsdecke über die Frau.

„It’s alright“, sagt Michael Knob. „We will now bring you to a hospital. It’s alright.”

Faye Wollny und Michael Knob behandeln eine hilflose Frau. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
Faye Wollny und Michael Knob behandeln eine hilflose Frau. Foto: Christophe Braun

Diesen Job muss man wollen

Wollny und Knob sind Rettungsassistenten beim Arbeiter-Samariter-Bund in Frankfurt. Sie gewährleisten die Erstversorgung und den Transport kranker und verletzter Menschen. Sie arbeiten in 11- oder 13-Stunden-Schichten, tags und nachts, an Sonn- und Feiertagen. Die Bezahlung ist okay - mehr aber auch nicht. "Wenn ich Frau und Kinder hätte, könnte das schon knapp werden", sagt Michael Knob.

Die Mitarbeiter der Rettungsdienste helfen Junkies im Bahnhofsviertel und Rentnern im Westend. Sie helfen Kindern, die asthmatische Anfälle haben, und Diabetikern, denen Insulin fehlt. Sie tragen schwerkranke Alte steile Treppenhäuser hinunter und behandeln Kinder, die vom Klettergerüst gefallen sind. Immer wieder werden sie auch zu Einsätzen gerufen, bei denen es nichts mehr zu tun gibt. Bei denen sie nur noch da sein und die Hand sterbender Menschen halten können, bis es vorüber ist.

"Das ist kein Beruf, den man einfach nur fürs Geldverdienen macht", sagt Michael Knob. "Die meisten Leute im Rettungsdienst sind Überzeugungstäter. Die machen das, weil es ihnen wichtig ist."

Michael Knob prüft den Puls einer Patientin. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
Michael Knob prüft den Puls einer Patientin. Foto: Christophe Braun

9.36 Uhr, Ostend

Der Radfahrer hockt an der Hauswand und hält sein Bein fest. Sein Ellbogen ist aufgekratzt, am Schienbein klafft eine Wunde, das Knie ist geschwollen. Sein Rad lehnt an der Hauswand. Auf der Straße steht das Auto, das ihn angefahren hat, dahinter eine Polizeistreife.

„Wo haben Sie Schmerzen?“, fragt Wollny.

Der Radfahrer lächelt gequält. „Am Knie. Am Ellbogen. Am Schienbein. Am Fuß“, sagt er.

Wollny nickt und tastet die Beine des Mannes ab. Keine Brüche. „Sie haben Glück gehabt“, sagt sie.

„Bringen Sie mich unbedingt in die Berufsgenossenschaftliche“, sagt er Mann. „Ich kenne mich aus, ich will mein Knie weiter benutzen können!“

Wollny nickt. „Wir sehen, was wir machen können“, sagt sie.

Faye Wollny am Steuer des Rettungswagens. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
Faye Wollny am Steuer des Rettungswagens. Foto: Christophe Braun

Mehr als 100.000 Einsätze im Jahr

In Frankfurt sind permanent dutzende Rettungs- und Krankenwagen unterwegs. Insgesamt kommen die Rettungsdienste jedes Jahr auf weit über 100.000 Einsätze in der Stadt. Geht ein Notruf ein, müssen die Mitarbeiter binnen 90 Sekunden unterwegs sein. Spätestens nach zehn Minuten sollen sie am Einsatzort eintreffen.

Die Mitarbeiter der Rettungsdienste müssen wissen, was die Merkmale eines Herzinfarkts sind, wie ein bewusstloser Mensch beatmet wird oder was zu tun ist, wenn ein Baby einen Fremdkörper verschluckt hat. Klar ist das stressig, sagen Wollny und Knob. Aber: „Es ist ein verdammt gutes Gefühl, jemandem helfen zu können.“

Faye Wollny sitzt auf dem Trittbrett eines Rettungswagens und trinkt Kaffee. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
Faye Wollny sitzt auf dem Trittbrett eines Rettungswagens und trinkt Kaffee. Foto: Christophe Braun

Ist die Situation unklar, bringen sie ihre Patienten in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Die Situation ist fast immer unklar. Schließlich können die Rettungsassistenten in der Kürze der Zeit keine umfangreichen Untersuchungen durchgeführen – im Gegenteil.

„Wir machen hier Hochgeschwindigkeits-Detektivarbeit“, sagt Faye Wollny. „Wir wissen meistens nicht, was der Patient hat. Wir haben nur Indizien – und oft nur wenige.“

Ärgerlich sind Fälle, in denen der Rettungsdienst missbraucht wird. Faye Wollny erzählt von einem Einsatz, bei dem eine Frau am Telefon von akuten Lähmungen ihrer Beine berichtete. „Als wir dann bei ihr waren, wollte sie davon nichts mehr wissen. Stattdessen hat sie uns gebeten, einen sieben Jahre alten Pickel auf ihrem Rücken aufzumachen.“

Michael Knob behandelt eine Patientin im Rettungswagen. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
Michael Knob behandelt eine Patientin im Rettungswagen. Foto: Christophe Braun

13.04 Uhr, Innenstadt

„Wie lange rauchst Du schon?“, fragt Faye Wollny. Das Mädchen auf der Trage denkt kurz nach. „Bestimmt ein Jahr!“, sagt sie.

„Schau mal hier, auf das Gerät. Die Zahl da, das ist Dein Lungenvolumen. Das ist jetzt bei 96 Prozent. Siehst Du das? Eigentlich müsste da eine 100 stehen, in Deinem Alter. Das bedeutet, dass Du in einem Jahr schon vier Prozent Lungenvolumen verloren hast. Wegen der Zigaretten.“

Das Mädchen schweigt und schaut an die Decke des Rettungswagens. Ihre Freundinnen haben den Notruf abgesetzt, vor 15 Minuten. Weil sie über stechende Schmerzen in der Brust und Atemnot klagte.

Michael Knob unterhält sich im Rettungswagen mit einer Patientin. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
Michael Knob unterhält sich im Rettungswagen mit einer Patientin. Foto: Christophe Braun

Die Rettungsassistenten merken schnell, dass der 16-Jährigen nicht viel fehlt. Sie hat die Schule geschwänzt, sie hat Ärger zuhause – und dem will sie entgehen. Wollny und Knob denken nicht daran, mitzuspielen.

„Wir haben ihr ein dutzend Fragen gestellt – total absurde Fragen nach Symptomen, die gar nicht zusammenpassen – und sie hat immer zu allem Ja gesagt. Da wussten wir, dass sie uns was vormacht", sagt Wollny.

Ganz leicht kommt die 16-Jährige nicht aus der Nummer heraus: Weil die Rettungsassistenten die Ursache ihrer – vermeintlichen – Schmerzen nicht endgültig lokalisieren können, bringen sie das Mädchen ins Clementinenhospital. Und erklären dem Arzt kurz, was sie herausgefunden haben. 

Als sie das Behandlungszimmer verlassen, hören sie, wie der Arzt das Mädchen auffordert, seine Mutter anzurufen. "Das musst Du jetzt machen", sagt er. "Du bist selbst verantwortlich für das, was Du anstellst."

Die beiden Rettungsassistenten zwinkern einander zu. „So ein bisschen Erziehungsarbeit gehört halt auch zum Job“, sagt Faye Wollny.

Michael Knob und Faye Wollny bringen eine Patientin in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
Michael Knob und Faye Wollny bringen eine Patientin in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Foto: Christophe Braun

Pistole am Kopf

Immer öfter werden Retter selbst zu Opfern – weil Patienten schimpfen, spucken, schlagen und beißen. Vor allem betrunkene Jugendliche ticken immer wieder aus. Oder demente Menschen, die nicht verstehen, was gerade passiert.

Ihren schlimmsten Einsatz hat Wollny in einer Nacht im Bahnhofsviertel erlebt. Ein Junkie war nach einer Überdosis kollabiert, lag krampfend auf dem Bürgersteig. Wollny beatmete den Mann, während ihr Kollege ins Haus eilte.

„In dem Moment hält eine Limousine neben mir“, erzählt sie. „Ein Mann steigt aus, kommt zu mir und sagt: Häschen, fahr‘ mal Deinen Transporter weg, ich will parken. Als ich ihm geantwortet habe, dass das nicht geht - dass ich gerade einen Menschen wiederbelebe -, hatte ich plötzlich eine Pistole am Kopf. In dem Moment dachte ich, okay, das war's."

War’s aber nicht: In dieser Nacht kamen die Junkies im Bahnhofsviertel ausnahmsweise mal der Sanitäterin zur Hilfe statt umgekehrt.  „Auf einmal kamen lauter andere Junkies auf uns zu, mit gezückten Messern, und haben geschrien, lass' die Frau in Ruhe, die hilft unserem Freund! Das hat er geschnallt - er hat sich in seinen Wagen gesetzt und ist weggefahren."

Faye Wollny lacht. "Von Junkies vor einem Zuhälter gerettet werden - solche Geschichten erlebst Du in keinem anderen Job."

Ein Rettungswagen steht vor der Notaufnahme des Bürgerhospitals. Foto: Christophe Braun Bild-Zoom
Ein Rettungswagen steht vor der Notaufnahme des Bürgerhospitals. Foto: Christophe Braun

 

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