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Späte Ehre für einen großen Mann: Bundesverdienstkreuz für Gerhard Wiese

Von Gerhard Wiese hat gestern das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten. Damit wird der letzte lebende Anklagevertreter im Auschwitz-Prozess ausgezeichnet. Der war vor mehr als 50 Jahren in Frankfurt – warum es solange dauerte, weiß selbst der Bundesjustizminister nicht.
Im ehemaligen Arbeitszimmer von Fritz Bauer überreicht Justizminister Heiko Maas dem Staatsanwalt a. D., Gerhard Wiese, die Urkunde und das Bundesverdienstkreuz. Foto: Bernd Kammerer (Presse- und Wirtschaftsdienst) Im ehemaligen Arbeitszimmer von Fritz Bauer überreicht Justizminister Heiko Maas dem Staatsanwalt a. D., Gerhard Wiese, die Urkunde und das Bundesverdienstkreuz.
Frankfurt. 

„Ich habe nur meine Arbeit getan – und dafür bekommt man doch nicht eigens einen Orden.“ Das sagt Gerhard Wiese, der als junger Staatsanwalt unter der Leitung von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer die Anklage im „Auschwitz-Prozess“ vertrat, der von 1963 bis 1965 vor dem Landgericht Frankfurt verhandelt wurde. Gestern, 53 Jahre später, überreichte Justizminister Heiko Maas (SPD) dem inzwischen 89-jährigen Oberstaatsanwalt a. D. das Bundesverdienstkreuz am Bande – im Fritz-Bauer-Saal, Bauers ehemaligem Arbeitszimmer.

Seltene Tränen

Wiese, sonst abgeklärt, steht stumm hinter dem Podium. Seine komplette Familie wohnt der Feierstunde bei, alle warten auf einige Worte des Ausgezeichneten. Doch statt zu sprechen, weint Wiese. Er stützt seine Ellenbogen auf, vergräbt das Gesicht in seinen Händen. Sonst sei er nicht so nah am Wasser gebaut, aber in diesem ergreifenden Augenblick sei das eben anders: „Ich bin schlichtweg gerührt, ich kann’s nicht ändern.“

Das steht ihm zu, schließlich ist es eine der wichtigsten Auszeichnungen, welche die Bundesrepublik zu vergeben hat. Fragt sich nur, warum ein Mann wie Gerhard Wiese, der half, das größte Menschheitsverbrechen vor Gericht zu bringen, Täter in die Verantwortung zu ziehen und Opfern zumindest ein wenig Genugtuung zu verschaffen, erst fünf Jahrzehnte nach Prozessende ausgezeichnet wird.

Anklagevertretung im Auschwitz-Prozess: Hanns Großmann, Georg Friedrich Vogel, Joachim Kügler und Gerhard Wiese. Bild-Zoom
Anklagevertretung im Auschwitz-Prozess: Hanns Großmann, Georg Friedrich Vogel, Joachim Kügler und Gerhard Wiese.

„Darauf hätten auch schon andere früher kommen können“, antwortet Heiko Maas auf die Frage. Ihm sei es aber ein Anliegen gewesen, „Herrn Wiese diese Auszeichnung noch in meiner Amtszeit zu überreichen“, betont Maas, der vor gut zwei Jahren Wiese beim damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck als Kandidaten für das Bundesverdienstkreuz vorschlug.

Vielleicht, sinniert der Minister, liege es aber auch an der Wirkung von Filmen wie „Der Staat gegen Fritz Bauer“ oder „Im Labyrinth des Schweigens“, die in den vergangenen zwei bis drei Jahren in die Kinos kamen, dass dieses Thema in der Mitte der Gesellschaft wieder auf mehr Interesse stieß. Beim letztgenannten Streifen fungierte Gerhard Wiese nicht nur als Berater, sondern hat sogar eine Rolle als Komparse.

Gerhard Wiese kann das „Warum jetzt“ seiner Auszeichnung einerlei sein. Wichtig ist einzig und allein, dass der Mann, der in Berlin das Licht der Welt erblickte, aber schon sehr lange in Frankfurt lebt, das Bundesverdienstkreuz erhielt. Er ist der letzte lebende Anklagevertreter dieses Prozesses. Fritz Bauer, Oberstaatsanwalt Hanns Großmann sowie Wieses Kollegen Joachim Kügler und Georg Friedrich Vogel sind tot. An beide denkt Wiese, als er zu seiner Dankesrede ansetzt. „Ich nehme die Auszeichnung als noch Lebender in Empfang, aber sie sollten daran teilhaben“, sagt er.

Das Leben geprägt

Der Prozess mit der Nummer 4KS/63 habe sein Leben geprägt und verändert. Und ihn nie wieder losgelassen. „Ich muss täglich daran denken“, sagt er, „weil ich Vorträge in Schulen und Universitäten halte.“ Seit seiner Pensionierung ist er dort gerngesehener Gast, stellt sich Fragen und berichtet vom Prozess. „Gerade der Kontakt zu den Schülern ist für mich eine Freude“, erklärt Wiese.

Während der Verhandlung habe ihn der Prozess nicht bis nach Hause verfolgt. „Das habe ich getrennt.“ Klar habe er mit seiner Frau, die auch ein paar Mal in der Hauptverhandlung war, darüber gesprochen. Die schrecklichen Schilderungen der KZ-Häftlinge und die Gesichter der Nazi-Schergen blendete er aus. Bis heute. „Nach 50 Jahren kann mich das nicht mehr schrecken. Es wäre schlimm, wenn ich noch jede Nacht davon träumen würde.“ Trotzdem sei dieses Kapitel seines Lebens nicht abgeschlossen. „Ich schaue nach vorn, dass ich mein Wissen an die jungen Leute weitergeben kann.“ Da passt es, dass er heute Gast im Schillergymnasium in Köln ist.

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