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Ein trauriges Kapitel

Von Am 1. August vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, der das Gesicht Europas und der Welt von Grund auf verändern sollte. Obwohl es keine kriegerischen Auseinandersetzungen im Taunus gab, war auch hier das Leben vom Krieg beeinflusst. Die TZ widmet sich diesem Thema in einer Serie, in der über die große und kleine Politik und die Lebensumstände in jener Zeit berichtet wird. Lesen Sie heute von den Appellen an die Oberurseler Hausfrauen.
Im „Gasthof zum Ratskeller“, das Gebäude gehörte der Stadt, war im Ersten Weltkrieg auch die Ausgabestelle für Lebensmittel-Karten. Seit knapp drei Jahrzehnten ist im Haus das Vortaunusmuseum untergebracht. 	Repro: Reichwein Im „Gasthof zum Ratskeller“, das Gebäude gehörte der Stadt, war im Ersten Weltkrieg auch die Ausgabestelle für Lebensmittel-Karten. Seit knapp drei Jahrzehnten ist im Haus das Vortaunusmuseum untergebracht. Repro: Reichwein
Oberursel. 

Es ist der Hilferuf einer besorgten Mutter, den der „Oberurseler Bürgerfreund“ am 17. September 1818 abdruckte: Die Frau, deren Name nicht genannt wird, schreibt: „Sehr geehrter Herr Redakteur! Ein trauriges Kapitel, gleich der aller anderen Lebensmittel, ist besonders die Milchversorgung hiesiger Stadt. Es scheint, dass da nicht alles geschieht, was geschehen müsste.“ Ihr jüngstes Kind leide an Blutarmut und völliger Erschöpfung, schreibt die Frau weiter. Trotz Ärzte-Attest erhalte es aber meist gar keine oder nur einen Viertelliter Milch.

Der Brief der Mutter ist eine der wenigen Stimmen aus der Oberurseler Bevölkerung, der im Stadtarchiv der Brunnenstadt zur Lebensmittelversorgung im Ersten Weltkrieg zu finden ist. Dass es schon gleich zu Beginn des Krieges Engpässe gab, wird aus dem „Bericht über den Stand und die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten der Stadt Oberursel“ für das Jahr 1914 deutlich. Dort heißt es: „Mit der Einstellung des Bahnverkehrs am 3. Mobilmachungstage entstand zunächst eine größere Stockung im Wirtschaftsleben, da nun die meisten Fabrikanten ihre Betriebe schlossen. Hierdurch gab es eine größere Arbeitslosigkeit und durch die mangelhafte Zufuhr eine Knappheit an Lebensmitteln aller Art. Viele Geschäfte hatten in kurzer Zeit ausverkauft (. . .). Dem zuerst eintretenden Salzmangel wurde seitens der Stadt durch Beschaffung eines Wagens Salz von der Großherzoglichen Saline in Bad Nauheim abgeholfen.“

Hier zeichnete sich bereits ab, was Monate später die Regel war: Behörden versuchten, die Erzeugung und Verteilung von Lebensmitteln zu steuern – und sie stießen dabei schnell an Grenzen. Gründe für die schlechte Versorgung waren unter anderem geringe Ernte-Erträge und die britische Seeblockade.

Katastrophal war die Versorgung in Deutschland im sogenannten Kohlrübenwinter (1916/17). Historiker gehen davon aus, dass im Ersten Weltkrieg rund 750 000 Menschen in Deutschland an Unterernährung und deren Folgen starben.

Bereits am 12. Januar 1915 richteten der damalige Oberurseler Bürgermeister Josef Füller und die übrigen Magistratsmitglieder einen Aufruf an die Hausfrauen der Stadt: „Verwendet nur K-Brot!“ Also Brot mit einem 30-prozentigen Kartoffelanteil. So sollten die Getreidevorräte länger halten.

In diesem Aufruf, den Stadtarchivleiterin Andrea Bott in ihrer Ausstellung zum Ersten Weltkrieg zeigt, heißt es zudem: „Sparsamkeit ist jetzt die erste Pflicht einer jeden deutschen Hausfrau.“ Alles müsse verwendet, nichts dürfe vergeudet werden, mahnt der Bürgermeister. Reste und Abfälle dürften nicht in die Feuerung und in die Mülleimer kommen. Sie sollten gesammelt und für die Fütterung von Schweinen, Kaninchen und Geflügel verwendet werden. Anzumelden waren die Reste „im Stadthause Zimmer No. 8“.

Vom 15. März 1915 an wurden in Oberursel Brotkarten ausgegeben, im 14-tägigen Rhythmus. Die Versorgung mit Brot und Mehl war damit rationiert. Jeder Einwohner (Ausnahme: Kinder unter einem Jahr) erhielt zunächst 2,5 Kilo Mehl für zwei Wochen, was laut Verwaltungsbericht einer täglichen Brotmenge von 268 Gramm entsprach. Für Menschen, die körperlich schwer arbeiten mussten, gab es vom 21. Juni an Zusatzkarten. Die Mehl- und Brotmenge wurde von September an dann leicht erhöht – vorerst.

Insgesamt wurden im zweiten Kriegsjahr 150 797 Karten in Oberursel ausgegeben und 19 692 Zusatzkarten. Im Jahresbericht der Stadtverwaltung heißt es dazu lapidar: „Die Einführung der Brotkarte hat sich bewährt und ihren Zweck, zur Sparsamkeit zu erziehen, vollständig erreicht.“ Was nicht unbedingt heißen muss, dass die auf den Brotkarten festgelegten Mengen auch tatsächlich immer verfügbar gewesen waren.

Die Zentral-Einkaufsgesellschaft in Berlin gab im März 1915 eine überarbeitete Ausgabe ihres „Kriegskochbuchs“ heraus, das kostenlos verteilt wurde. Ein Exemplar der 90. Auflage befindet sich im Besitz des Vortaunusmuseums. Rolf Reinmüller hat den schmalen, grauen Band dem Museum überlassen. Das Büchlein stamme aus einem Stierstädter Nachlass, wie Leiterin Renate Messer berichtet.

Wer in der Ausgabe mit ihren 48 Seiten blättert, erkennt schnell, was das Buch vor allem bewirken sollte: „Deutschen Hausfrauen“ klar zu machen, dass sie mit Lebensmitteln streng haushalten müssen. „Fürwahr eine große und der weiblichen Arbeit vorzugsweise vorbehaltene Kriegshilfe“, heißt es im Vorwort. Die Rezepte haben zum Teil entsprechende Namen: Brotsuppe mit Apfelabfällen, Billige Blutwurst und Apfelbettelmann.

Der Kommentar „Nur für solche, die an der Quelle sitzen“, der in Sütterlin auf den Deckel des „Kriegskochbuchs“ geschrieben ist, soll wohl deutlich machen, dass die Zutaten für die Speisen nur schwer zu bekommen waren. Von wem die Notiz stammt, ist leider nicht bekannt.

Für die Süßspeise Apfelbettelmann zum Beispiel benötigten Koch beziehungsweise Köchin: ein halbes Pfund geriebenes Schwarzbrot (oder Kartoffelflocken), einen halben Teelöffel gestoßenen Zimt, zwei gestoßene Nelken, zehn Esslöffel Zucker, ein Pfund Äpfel, dreieinhalb Esslöffel Wasser und 100 Gramm Fett.

Das „Kriegskochbuch“ – übrigens die Ausgabe für Norddeutschland mit vielen Fischrezepten – enthält auch zahlreiche Ratschläge zum Haltbarmachen von Lebensmitteln zum Beispiel per Räuchern oder Einkochen.

Um 1900 waren Einmach-Gläser der Firma J. Weck & Co (Öflingen) auf den Markt gekommen. In Bad Homburg wurde 1905 die Rex-Conservenglas-Gesellschaft gegründet. Per Zeitungsanzeige wirbt der Oberurseler Jean Hieronymi, der in der Vorstadt 8 Eisenwaren, Haus und Küchengeräte verkaufte, während des Krieges für den Rex-Einkochapparat als „das praktischste Geschenk für eine Hausfrau“ zum Weihnachtsfest. „Der Einkochapparat mit Stangeneinsatz ermöglichte, Gläser in verschiedenen Größen beim Sterilisierungsprozess übereinanderzustellen und so Zeit zu sparen“, weiß Renate Messer.

Im „Kriegskochbuch“ wird auch beschrieben, wie eine Kochkiste zu bauen war, in der Speisen über Stunden warm gehalten werden konnten, beziehungsweise gegart wurden und die zugleich eine Vorrichtung war, um Heizmaterial zu sparen. Das Prinzip ist einfach: Heiße Töpfe wurden in eine Kiste mit Deckel gestellt, die Zwischenräume waren zum Beispiel mit Heu oder Holzwolle ausgestopft.

Mit Kochkisten arbeitete auch die „Kriegsküche“, die die Stadt mit Unterstützung des Vaterländischen Frauenvereins im September 1916 in Oberursels Volksschulgebäude einrichtete. Die Einrichtung versorgte am Eröffnungstag 370 Menschen.

„Die Ausgabe der Speisen ging flott vonstatten und es war eine Freude, die vergnügten Gesichter zu sehen, womit das schmackhafte Essen begrüßt wurde“, schreibt der „Bürgerfreund“. Aus dem Bericht geht aber auch klar hervor, dass die Zahl der Oberurseler, die sich für die Versorgung mit Speisen angemeldet hatte, deutlich höher war. In erster Linie wurden „Kriegerfamilien“ und Einwohner mit geringem Einkommen berücksichtigt, heißt es im „Bürgerfreund“.

Seit 1916 war die Lebensmittel-Abteilung der Stadt Oberursel im ehemaligen „Gasthof zum Ratskeller“ untergebracht. In dem städtischen Gebäude (heute Vortaunusmuseum) wurde die Verteilung von Fleisch, Fett, Getreide, Obst und Gemüse organisiert und per Zeitung über die Vergabestellen informiert. Auf der Titelseite des Bürgerfreunds vom 23. September 1916 zum Beispiel geht es fast nur um das Thema Lebensmittelversorgung: Die Stadt informiert darüber, wo Hering, Kartoffeln, Bouillon-Würfel und Dänischer Rahm in Dosen verkauft werden. Letzteres gab’s im „Ratskeller“.

In einer weiteren amtlichen Bekanntmachung geht es um die Höchstpreise für Gerstengraupen und Gerstengrütze, die das Kriegernährungsamt in Berlin festgelegt hatte. Im „Lebendigen Museum Online“ (Lemo), ein Gemeinschaftsprojekt des Deutschen Historischen Museums, des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und des Bundesarchivs, ist zu dieser Thematik zu finden: „Da es für die Erzeuger jedoch weit profitabler war, ihre Produkte über den ,Schleichhandel‘ zu vermarkten, statt sie zu den – nicht immer kostendeckenden – Preisen auf dem regulären Markt anzubieten, folgte jeder Festlegung von Höchstpreisen eine tendenzielle Verknappung des regulären Angebots.“

Heißt es im städtischen Verwaltungsbericht für das Jahr 1916 noch: „Wenn es auch gelungen ist, größere Not von der Stadt fernzuhalten, so waren die Lebensmittel doch zeitweise recht knapp.“ So ist der Bericht für das Jahr 1918 in einem ganz anderen Ton verfasst: „Die Not der Bevölkerung wurde immer größer, die Preise der Lebensmittel nahmen eine ungeheure Höhe an (. . .).“

Der namentlich nicht genannte Chronist berichtet von Schleichhandel und Schwarzschlachtungen und zeigt Verständnis dafür. Denn dass die Bevölkerung ihren Hunger von den amtlich zugewiesenen Lebensmitteln stillen könne, davon „kann keine Rede sein“.

Hier schließt sich der Kreis zu dem Brief der besorgten Mutter. Die Probleme bei der Milchversorgung bestätigt wenige Tage später ein Bürger, dessen Leserbrief ebenfalls in der Zeitungsrubrik „Stimmen aus dem Publikum“ abgedruckt wird: In den seltensten Fällen erhalte er trotz des vorhandenen Attests Milch, „und dann nie mehr als die Hälfte des mir bewilligten Quantums“, berichtet der Mann.

In der Ausgabe vom 12. November, einen Tag zuvor hatte die Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommen zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich und Großbritannien den Krieg beendet, appellierte der Königliche Landrat des Hochtaunuskreises, Ernst Ritter von Marx, an Landwirte und Kuhhalter, „ihrer Milchablieferungspflicht voll und ganz nachzukommen“. Es folgen verschiedene Forderungen: „Dem Schleichhändler und Hamsterer nichts! Der Gemeinde als Versorgerin unserer Kinder, Mütter und Kranken Alles an Vollmilch! Das soll und muss die Parole jedes einsichtigen Kuhhalters sein.“

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