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„Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“: Motoren für den Luftkampf

Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, so wird der Erste Weltkrieg von Historikern oft bezeichnet. Am 1. August vor 100 Jahren begann dieser Krieg, der das Gesicht Europas und der Welt von Grund auf verändern sollte. Obwohl es keine kriegerischen Auseinandersetzungen vor den Toren Frankfurts gab, war auch hier das Leben vom Krieg maßgeblich beeinflusst. Die Frankfurter Neue Presse widmet sich in einer Serie in lockerer Folge diesem Thema. Im heutigen Teil geht es um vor den Toren der Stadt in Oberursel hergestellte Motoren, die in Kriegsflugzeugen der Luftwaffe verwendet wurden.
Erich Auersch zeigt im Rolls-Royce-Museum einen U-0-Motor. Der rote Flieger oben soll an Manfred von Richthofen erinnern. 	Foto: Reichwein Erich Auersch zeigt im Rolls-Royce-Museum einen U-0-Motor. Der rote Flieger oben soll an Manfred von Richthofen erinnern. Foto: Reichwein
Frankfurt/Oberursel. 

Was haben ein Umlaufmotor mit neun Zylindern und ein kleines Foto mit einer Gruppe von Männern in Uniform miteinander zu tun? Auf den ersten Blick gibt es anscheinend keinen Zusammenhang. Doch der Mann, der, umringt von anderen Männern, die offenbar Soldaten sind, auf den Stufen vor der Motorenfabrik Oberursel sitzt, ist Oswald Boelcke.

Boelcke war so was wie ein Nationalheld, einer der bekanntesten deutschen Jagdflieger im Ersten Weltkrieg, und er wird in einem Atemzug mit dem ebenso berühmten „Roten Baron“, Manfred von Richthofen, genannt. Beide Männer, Boelcke und von Richthofen, sind mit Maschinen geflogen, die eben jenen Typ Umlaufmotor, den Oberurseler Gnôme U 0, in ihren Flugzeugen eingebaut hatten, der ab 1913 in Oberursel produziert wurde. Ein solcher lässt sich im Rolls-Royce-Museum, das von Erich Auersch geleitet wird, bestaunen.

Im vergangenen Jahr ist es dem passionierten Techniker, der 38 Jahre lang in der Motorenfabrik gearbeitet hat, mit Auszubildenden gelungen, eben diesen Motor wieder funktionstüchtig zu restaurieren. „Wir sind sehr stolz auf diesen Motor, denn es ist das einzige Modell in ganz Deutschland, das noch läuft“, berichtet Auersch.

Nun muss man wissen, dass jener Motor in der damaligen Zeit neuester Stand der Technik war. Erfunden wurde er 1908 in Gennevilliers (Frankreich) von den Brüdern Laurent und Louis Seguin. „Die Lizenz wurde dann von der Motorenfabrik am 15. August 1913 erworben“, weiß Erich Auersch. Der Name Gnôme habe allerdings nichts mit dem Gnom-Motor von Willi Seck zu tun, das werde häufig aber fälschlicherweise behauptet, stellt Auersch im gleichen Atemzug klar.

Noch immer erscheint der U-0-Motor imposant. In zwei Auffangschalen unter den Zylindern sammelt sich eine bräunliche Flüssigkeit. „Ach, das ist nur austretendes Rizinusöl“, beruhigt Auersch. Der Kenner weiß, dass bei diesem Motor das Kurbelgehäuse und die Zylinder um die Kurbelwelle rotieren. „Das Kraftstoff-Luft-Gemisch fließt durch das Kurbelgehäuse, und statt mit Öl wird es mit benzinunlöslichem Rizinus geschmiert“, weiß der Experte.

 

Schnelle Manöver

 

Doch was macht die technische Revolution dieses Motors aus, der den deutschen Fliegern einen so großen Vorteil im Luftkampf verschaffte? Auch hierauf hat Erich Auersch eine Antwort. „Diese Motoren waren etwa um ein Drittel leichter als herkömmliche Modelle.“ Diese Leichtigkeit erlaubte den Jagdfliegern nicht nur besonders schnelle Flugmanöver, sondern brachte auch den Vorteil mit sich, dass die Flugzeuge bei gleicher Flugleistung mehr Gewicht an Waffen und Munition zuladen konnten.

Kein Wunder also, dass Oswald Boelcke sehen wollte, wo der Motor für seine Fokker E1 produziert wurde. Auch die legendäre Fokker Dr I, die Manfred von Richthofen seinen Spitznamen einbrachte, hatte einen Oberurseler Umlaufmotor eingebaut. „Es geht das Gerücht, dass Boelcke und von Richthofen die Motorenwerke in Oberursel deshalb besuchten, weil sie sich ihre Motoren selbst ausgesucht haben“, sagt Erich Auersch. „Doch ich halte das für absolut unwahrscheinlich. Stattdessen werden sie viel wahrscheinlicher mit den Technikern über Verbesserungsvorschläge diskutiert haben“, glaubt Auersch.

Möglicherweise haben Boelcke und von Richthofen auch die „Fliegerschule“ der Motorenfabrik gesehen, die im Bericht der Stadt Oberursel aus dem Jahr 1915 erwähnt wird. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um die Ausbildung von Kampffliegern, wie Fotos, die im Museum zu bewundern sind, belegen. Hier wurden während des Krieges junge Techniker in einem vierwöchigen „Ausbildungs-Cursus“ in Wartung und Reparatur der wertvollen Umlaufmotoren geschult. Als gesichert gilt jedoch, dass Boelcke zwar nicht seine Flugzeugmotoren, dafür aber gute Piloten auswählte und mit ihnen die Jagdstaffel (Jasta) 2 aufstellte. Zu den Jastas gehörten auch Manfred von Richthofen, Ernst Udet, Erich Loewenhardt und Fritz Rumey, um nur einige zu nennen. Boelcke und von Richthofen waren jedoch die bekanntesten deutschen Jagdflieger. Boelcke entwickelte mit der heute noch Gültigkeit besitzenden „Dicta Boelcke“ Grundsätze der Luftkampftechnik.

 

Piloten als Helden

 

Sie wurden zu Helden aufgebaut und dienten so als Leitbilder der Propaganda. Von Richthofen war sich über diese staatlich gesteuerte Mythenbildung voll bewusst. Anders lassen sich seine kritischen Worte in seinem 1917 erschienenen Buch „Der rote Kampfflieger“ nicht erklären. Doch auch wenn der vom Staat verordnete Ruhm dieser Männer bis heute überdauert hat, alt wurden sie alle nicht.

Oswald Boelcke starb nach 40 Siegen im Luftkampf im Kriegsjahr 1916. Er stieß bei der Verfolgung eines englischen Jägers mit seinem Kollegen Böhm zusammen, verlor eine Tragfläche und konnte das trudelnde Flugzeug nicht mehr abfangen – er wurde nur 25 Jahre alt. Auch Manfred von Richthofen war nur ein Vierteljahrhundert Lebenszeit beschieden. Nach 80 Abschüssen fiel er ein paar Monate vor Ende des Krieges im April 1918.

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