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Theresienstadt: Dem Leben im Ghetto auf der Spur

Von Nur Briefmarken ins Album stecken hat Peter Hartherz auf Dauer keinen Spaß gemacht. Er hat sich schon vor 40 Jahren auf das Sammelgebiet Theresienstadt spezialisiert. Der postgeschichtliche Ansatz genügte dem ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten nicht. Er besitzt auch viel Literatur über das ehemalige jüdische Ghetto.
Drei Ringbücher hat der Briefmarkensammler Peter Hartherz mit Zeugnissen (nicht nur Marken) aus dem Ghetto Theresienstadt gefüllt. Seine Spezialsammlung hat er bundesweit, in Tschechien und in Österreich ausgestellt. Foto: Evelyn Kreutz Drei Ringbücher hat der Briefmarkensammler Peter Hartherz mit Zeugnissen (nicht nur Marken) aus dem Ghetto Theresienstadt gefüllt. Seine Spezialsammlung hat er bundesweit, in Tschechien und in Österreich ausgestellt.
Usinger Land. 

Es gibt Briefmarkensammler, die haben Regale voll mit Alben. Für Peter Hartherz aus Neu-Anspach reicht der Wohnzimmertisch. In drei dicken Ringbüchern reihen sich Zeugnisse der postalischen Kommunikation aneinander. Aber nicht Briefmarke an Briefmarke, wie es sich Nicht-Sammler vorstellen, sondern Postkarten reihen an Briefe, daneben stehen zum Beispiel Telegramme und Verladescheine. Die hat der 77-jährige Sammler mit Informationen versehen und bewahrt damit ein Stück Geschichte aus einem ganz bestimmten Blickwinkel. In seiner „Wunderkiste“ befinden sich weitere Sammelstücke, die er noch zuordnen muss.

Wie begann die Sammelleidenschaft? Als Sechsjähriger hat Peter Hartherz von seinem Großvater die ersten Briefmarken geschenkt bekommen. „Eine Lokalausgabensammlung“, erinnert er sich und an den typischen Anfängerfehler: „Ich habe die Marken ins Album geklebt und damit entwertet.“ Er sammelte weiter, vornehmlich Postwertzeichen aus Deutschland. Das bedeutete damals Bundesrepublik und DDR und Berlin.

Für 99 D-Mark

„Ich habe schnell gemerkt, nur Marken ins Album stecken, macht auf Dauer keinen Spaß“, sagt der Neu-Anspacher. Peter Hartherz erstand für 99 D-Mark seine ersten 142 Marken aus dem Protektorat Böhmen und Mähren als Briefmarken-Nebengebiet des Deutschen Reiches. „Ein überschaubares aber geschichtlich hochinteressantes Sammelgebiet“, so der Sammler. Im Anhang las er etwas über das Postwesen im Lager Theresienstadt und vertiefte sich in dieses Thema. Er gab die gleiche Summe wie für seine Anfangssammlung aus, aber nur für eine einzige Marke. Die zeigt eine Ansicht der Garnisonsstadt, die zum „Musterghetto“ der Nationalsozialisten wurde (siehe Infobox).

Im Bücherregal von Briefmarkensammler Peter Hartherz aus Neu-Anspach steht jede Menge Literatur über das Ghetto Theresienstadt. Bild-Zoom Foto: Evelyn Kreutz
Im Bücherregal von Briefmarkensammler Peter Hartherz aus Neu-Anspach steht jede Menge Literatur über das Ghetto Theresienstadt.

Diese Marke wurde Grundstock seiner Spezialsammlung. Alle anderen Sammlungen hat Peter Hartherz inzwischen verkauft. „Sonst verzettelt man sich.“ Er sammelte alles, was per Post aus oder nach Theresienstadt gelangte. „Das sind Zeugnisse der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Geschichte“, erläutert er und sagt: „das sind nicht nur Poststücke, man kann daran ablesen, was sich im Lager abgespielt hat.“

Viele Bücher

Hartherz befasste sich auch intensiv mit Literatur über Theresienstadt. Davon gibt es reichlich in seinem Bücherregal. Seine Sammelstücke sind auch Erinnerungen an Menschen, die dort gelebt haben. „Nur über den Postverkehr hatten die Insassen Kontakt zur Außenwelt“, stellt der Sammler fest. Anders als in anderen Lagern, durften Angehörige alle zwei Monate ein Päckchen nach Theresienstadt schicken. Auch Besuche waren möglich. Die Dankschreiben waren vorgedruckt und wurden nur noch unterschrieben.

Die SS-Dienststelle hatte nicht nur eine eigene Postordnung. Peter Hartherz hat auch Dokumente, die belegen, dass es eigenes Lagergeld gab und eine Sparkarte von der Bank der jüdischen Selbstverwaltung. Und wie kommt man an die ganzen Belege? Auktionen und Kataloge sind nur eine Sache.

Info: Erst Stadt der Mühlen und Brauereien, ...

Philatelist Peter Hartherz hat für seine Briefmarkensammlung eine kurze Information über die Geschichte von Theresienstadt zusammengestellt.

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Das Sammelgebiet ist so klein, dass viele, die sich damit beschäftigen, sich persönlich kennen. Peter Hartherz pflegt bis heute Korrespondenz mit tschechischen Philatelisten. „Von einem habe ich noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs den letzten Sonderstempel der Nazis ,Bolschewismus nie’ geschickt bekommen“, erzählt Peter Hartherz.

Inzwischen sammelt der Briefmarkenfreund auch andere Dinge, die mit dem Ghetto zu tun hatten. Zu diesen sogenannten „Beifängen“ gehören Fotografien, ein handgemalter Kalender eines ehemaligen Insassen, Impfkarten, Lager-Ausweise und Ausweise, die nach der Befreiung durch die Rote Armee ausgestellt wurden. Damit lassen sich Biografien teilweise nachzeichnen. Die Gedenkstätte Theresienstadt hat der Neu-Anspacher bisher dreimal besucht, zuletzt vor zehn Jahren. Und er hat bis heute Kontakt zu ehemaligen Insassen und deren Angehörigen. Seine Spezialsammlung hat Peter Hartherz bundesweit, in Tschechien und in Österreich 15 Mal ausgestellt. Dass er etliche Male von der Jury mit Gold bewertet wurde, macht ihn stolz. „Aber am wichtigsten sind mir die Gespräche mit anderen Sammlern.“

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