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Donnergruppe: Der Maler als Modell: Andrew Ward lehrt zu zeichnen, ohne aufs Papier zu schauen

Wer seine Freizeit im Taunus verbringen möchte, kann bei den heimischen Vereinen unter einer Vielzahl von Angeboten auswählen. Die Taunus Zeitung stellt ein Mal in der Woche eine besonders aktive Gruppe vor. Diesmal: Die „Donnergruppe“ in Wehrheim, in der der Künstler Andrew Ward Menschen Mut macht, sich auszudrücken. Die Ergebnisse sind beim Atelierkonzert mit „Carfrula Street“ zu sehen.
Das Stillstehen als Modell ist auch für Andrew Wardeine Herausforderung. Das Stillstehen als Modell ist auch für Andrew Wardeine Herausforderung.
Wehrheim. 

Aus der „SOS“ in der Wehrheimer Hauptstraße klingen gedämpfte Bässe. Tagsüber ist ein Blick in die „School of Seeing“, der „Schule des Sehens“ stets möglich. Dem Ort, an dem der Künstler Andrew Ward arbeitet, wo er ein offenes Atelier betreibt, einen Raum der Begegnung, für Kommunikation. Doch jetzt sind die großen Fenster verhüllt, denn es ist Donnerstagabend. Der Termin, an dem sich die „Donnergruppe“ trifft. Männer und Frauen, jüngere und ältere, die sich in Farben und Formen ausdrücken möchten. In einer Atmosphäre, die keinem Urteilsdruck untersteht.

Freies Zeichnen erfordert Konzentration, bringt aber auch Entspannung und macht Spaß, der auch der „Donnergruppe“ anzusehen ist. Bild-Zoom
Freies Zeichnen erfordert Konzentration, bringt aber auch Entspannung und macht Spaß, der auch der „Donnergruppe“ anzusehen ist.

Der Mann in der Mitte der acht Teilnehmer, die zunächst vor weißen Blättern stehen, ein jeder an einer eigenen Staffelei, ist Andrew Ward. Der 1954 in England geborene, aber in Schottland aufgewachsene Künstler, lebt mit seiner Frau Kerstin und den Söhnen Kian und Carlin in Pfaffenwiesbach. Ward ist ein international renommierter Künstler, seine Arbeiten werden von der „galerie andresthalmann“ in Zürich vertrieben. In Katalogen wie „White Cloud – Blue Mountain“ oder „Between the forest or the trees“ ist sein Schaffen dokumentiert. Urlauber in Schottland können vier Porträts seiner Kunst dauerhaft im Royal Highland Hotel in Inverness bestaunen.

Wie Beckett und Bowie

Doch zurück ins Atelier in der Wehrheimer Hauptstraße 9. Aus dem Lautsprecher ist Musik der Band „Gus Gus“ zu hören, der Titel „Full Performance“. Ziemlich rockig, es könnten aber auch Jazzrhythmen sein oder Klassiktöne. Andrew Ward trägt über einem weißen T-Shirt ein locker fließendes, braunes Jackett, dessen rechte Tasche ein wenig offensteht. Der Gürtel seiner Hose steckt nicht in den Schlaufen, die halbhohen Boots sind voller Farbsprengsel. Mit seinen weißen Haaren, kurz geschnitten, ein wenig wirr und den charakteristischen Gesichtszügen lässt Ward Ältere an den Dichter Samuel Beckett, Jüngere an David Bowie denken. Denken ist aber gerade gar nicht angesagt. Nur wahrnehmen, den Raum, „geht rum, hört die Musik“, die Situation – und vor allem „nicht aufs Papier schauen.“

Das Modell, wie ihn Gundula Powarzynski in seiner ersten Pose gesehen hat. Bild-Zoom
Das Modell, wie ihn Gundula Powarzynski in seiner ersten Pose gesehen hat.

Zeichnen – und nicht aufs Papier schauen: Das geht doch gar nicht. Doch es geht. Während der Maler als Modell über Minuten und mehrere Musikstücke in einer Position verharrt, entstehen Bilder, von denen die Teilnehmer nicht gedacht hätten, dass sie diese an dem Abend zeichnen würden. Wobei weder das Jackett, noch die Stiefel eine Rolle spielen – umso mehr, wem es denn schon gelingt, den Gesichtszügen und der Haltung des Modells einen eigenen Ausdruck zu geben.

Für Xavier Bondu ist es bereits der neunte Abend in der „Donnergruppe“. Er habe schon als Kind gerne gezeichnet, sagt der Franzose. „Aber großformatig und dazu noch mit Musik arbeiten zu können“, sagt er, „sei sehr inspirierend.“ Da gerade Farbe bereitstand, hat er sich für sein Konterfei des Modells in Grün und grellem Pink entschieden. „Arbeiten“, sagt er, sei ein falscher Begriff für sein Tun im „SOS“, auch wenn dieses Konzentration erfordert und auch anstrengend sein könnte: „Was ich hier tue, ist: vom Alltag entspannen.“

Dazu gehört auch, ohne Wertung oder Beurteilung mit dem Künstler und den anderen der Gruppe ins Gespräch zu kommen – nicht zuletzt beim Tee in der Pause. „Manchmal bin ich stolz auf das, was ich gezeichnet habe. Wobei stolz eigentlich ein falscher Begriff ist“, sagt Doris Möller. Manchmal sei sie wütend, „dass ich das Bild, das ich mir vorgenommen, nicht richtig hinbekommen habe“, bekennt die Usingerin. „Dann muss ich immer wieder einsehen, dass es mehr um den Prozess geht als um das Ergebnis.“ Nach dem Gespräch mit ihren Mitstreitern würde sie das Ergebnis ihrer Bilder immer wieder neu sehen und verstehen können.

Neu zu erleben, wie sie sich ausdrücken kann, hat auch Gundula Powarzynski in der „Donnergruppe“ erlebt. Die Oberurselerin, die „irgendwo über die 70 ist“, war Kunsterzieherin. „Von daher habe ich schon geübt.“ Was war dann neu im SOS-Atelier? „Die Ermutigung, die man von Andrew erfährt.“ Sie ermögliche einem, „lockerer und mutiger zu werden“, wenn es um Stift, Kohle, Farbe gehe. Dass er keine Vorgaben mache, nicht zum Material, nicht zur Größe der Bilder. Da darf gewischt werden, dürfen die Hände schmutzig werden, können Stifte abbrechen. Es wird keine Perspektive diskutiert, nicht über das Verhältnis von Proportionen gesprochen. Vor allem aber, so die „Donnergruppen“- Teilnehmerin, gehe es um den eigenen Ausdruck des Gesehenen. Also von dem Mann in der Mitte, der wiederum minutenlang stoisch verharrt. In einer neuen Position mit einem bis zur Decke reichenden Papierrohr auf dem Kopf.

Als Performance-Künstler

Ist das nicht verflixt anstrengend, so still zu halten? Andrew Ward lächelt hintergründig-schelmisch. War er doch Mitte der 1990er Jahre mit Antonio Neiwiller aus Italien und Gerard Personier aus der Schweiz als Performance-Künstler aktiv. Da lernt man Körperbeherrschung. Und die Kombination von Musik und Malerei? Sie hat Andrew Ward seit seinen Reisen nach seinem Studium nicht mehr losgelassen. Die Reisen führten ihn vor fast 40 Jahren in den Sudan, nach Äthiopien, nach Uganda. Die Vielfalt des kreativen Ausdrucks selbst im alltäglichen Leben ist bis heute für den international tätigen Wehrheimer Künstler prägend. Ein ganz eigener Gegenstand fasziniert ihn schon seit vielen Jahren: die Vase. Für ihn ein Symbol des Lebens.

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