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Manfred de Vries im Interview: Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde: "Die Feindseligkeit nimmt zu"

In Deutschland nehmen judenfeindliche Übergriffe zu, und es gibt deutliche Zeichen eines erstarkenden Antisemitismus. Nicht nur in Berlin oder Frankfurt nehmen Juden Abstand davon, ihre Kippa zu tragen, um Anfeindungen aus dem Weg zu gehen. Auch im Usinger Land erlebt der in Neu-Anspach lebende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, Manfred de Vries, – trotz guter persönlicher Beziehungen und Kontakte – zunehmende Feindseligkeit.
Seit 1982 lebt Manfred de Vries, Vorsitzender Jüdische Gemeinde Bad Nauheim, in Neu-Anspach. Er ist auch für das Usinger Land zuständig. Bilder > Foto: Pieren Seit 1982 lebt Manfred de Vries, Vorsitzender Jüdische Gemeinde Bad Nauheim, in Neu-Anspach. Er ist auch für das Usinger Land zuständig.
Usinger Land. 

Herr de Vries, leben Sie gerne im Usinger Land?

MANFRED DE VRIES: Ich bin in Neu-Anspach gerne zu Hause. In der Nachbarschaft und im persönlichen Umfeld sind enge Freundschaften entstanden und es gibt keine Probleme. Allerdings gibt es in der Öffentlichkeit immer wieder Probleme, wenn ich mich mit der Kippa zeige. Dann bekomme ich Klischees wie „Juden sind zu wohlhabend“ und „Juden haben zu viel Macht“ zu hören.

Gab es Übergriffe?

DE VRIES: Tätliche Übergriffe habe ich zum Glück persönlich noch nicht erlebt. Zwar sind auch in Usingen und Neu-Anspach in den vergangenen Jahren Stolpersteine zur Erinnerung an ermordete Juden während der Nazi-Herrschaft verlegt worden. Doch haben wir auch im Usinger Land mittlerweile riesige Probleme mit Antisemitismus.

Das klingt nicht gut.

DE VRIES: Mich beunruhigt die zuletzt immer offener entgegenschlagende Ablehnung bis hin zum Hass in persönlichen Begegnungen. Ich erlebe, dass Hass wieder hoffähig geworden ist. Die Nazi-Ideologie ist nie verschwunden. Sie hat nur geschlummert und wurde an die nächste Generation weitergegeben.

Das sind also keine einzelnen, schlimmen Erfahrungen.

DE VRIES: Nein, wenn ich heute in einem Gespräch sage, ich bin Jude, werde ich immer komisch angeschaut. Was mich überrascht und auch beunruhigt: Ich erlebe dann zumeist überraschend extreme Gedanken in beide Richtungen – mit eigentlich dem gleichen Resultat.

Das müssen Sie uns näher erklären.

DE VRIES: Als jüdischer Mensch erlebe ich oft eine abweisende Haltung anderer Menschen. Überraschend ist für mich, dass die Religion und mein Glaube dabei eine untergeordnete Rolle spielen. Zumeist lauert da der Vorwurf: „Der hat Geld“. Da spielt Neid eine große Rolle.

Und wie schauen die extremen Gedanken aus der anderen Richtung aus?

DE VRIES: Da erlebe ich den Antisemitismus von politisch eher links orientierten Menschen und auch von Mitgliedern der christlichen Kirchen. Sie stehen den Menschen mit jüdischem Glauben offen gegenüber, haben aber eine extreme anti-israelische Haltung. Der Vorwurf lautet immer: Was der Staat Israel mit den armen Palästinensern macht. Diese Menschen scheint es nicht zu interessieren, was die Hamas und die PLO über Jahrzehnte mit Israelis gemacht haben. Bei Terroranschlägen wurden viele Menschenleben ausgelöscht. Israel ist die einzige Demokratie im ganzen Nahen Osten. Israel vertritt und lebt die gleichen demokratischen Werte wie Menschenrechte, Gleichberechtigung, Gerichtsbarkeit und Moral wie Deutschland.

Die Erfahrungen sind absolut neu?

DE VRIES: Nein. Es gibt schon lange kränkende Erfahrungen auch in öffentlichen Einrichtungen und Behörden, wo ich wegen meines Auftretens mit der Kippa massiv angegangen werde. „Das mit dem Holocaust muss endlich aufhören. Davon wollen wir nichts mehr hören“ muss ich mir dann sagen lassen. Mir wurde auch schon gedroht, ich solle die Einrichtung verlassen. Sogar in meiner Partei, in der ich mich in Neu-Anspach und im Hochtaunuskreis politisch engagiert hatte, gab es massive Ablehnung und Konflikte, weil ich in einer Diskussion jüdische Einstellungen vertreten habe. Ich wollte verhindern, dass Nazi-Gedankengut in unsere Schulen getragen werden.

Ein Beispiel?

DE VRIES: Wie gesagt, es ist bereits einige Jahre her. Ich war bei einer Lesung in einem Lokal, wo ich massive Ablehnung erlebt habe. Als Jude konnte ich die Nazi-Verherrlichung in dem Buch nicht akzeptieren. Das Schlimme: Am nächsten Tag sollte diese Lesung in einer Schule wiederholt werden. Ich wollte verhindern, dass Nazi-Gedankengut an unsere Schulen getragen wird. Daraufhin wurde ich von einer Mitarbeiterin des Lokals angeschrien und gezwungen, das Lokal zu verlassen. Für mich besonders schlimm: Die Mitarbeiterin wurde dabei von einem Vorstandsmitglied meiner eigenen Partei unterstützt, für die ich ehrenamtlich aktiv war.

Keine guten Erfahrungen. Wie gehen Sie damit um?

DE VRIES: Der einzige erfolgversprechende Weg, gegen Antisemitismus vorzugehen sind Gespräche und Informationsveranstaltungen. Doch leider war noch nie eine Schulklasse aus dem Usinger Land bei uns in Bad Nauheim in der Synagoge. Ein anderes Beispiel: Bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion mit Meinhard Schmidt-Degenhard in einer Schule, der den interreligiösen Dialog fördern sollte, hatte die Schulleitung keine Schüler zu der Veranstaltung eingeladen. Das hatte zur Konsequenz, dass nur ältere Menschen da waren. Menschen unterschiedlicher Herkunft und Glaubens können nur integriert werden und gut zusammenleben, wenn diese miteinander ins Gespräch kommen, um sich gegenseitig kennen zu lernen.

Wie sehen sie die zunehmend feindliche Haltung gegen Juden in Deutschland von Menschen muslimischen Glaubens.

DE VRIES: Weil das so ist, habe ich bewusst den Kontakt und das Gespräch mit Flüchtlingen aus den arabischen Ländern gesucht. Gespräch und Information sind der Impfstoff gegen Hass.

Ein guter Ansatz . . .

DE VRIES: Das ist tatsächlich meine Überzeugung. Nachdem das ehemalige Hotel Erbismühle zur Flüchtlingsunterkunft wurde, bin ich mehrmals dorthin gegangen, weil ich den Kontakt mit Muslimen suchte – wie immer, wenn ich als Repräsentant auftrete, mit Kippa.

Und?

DE VRIES: Ich erhoffte mir dadurch den notwendigen Respekt. Doch das erste, was passierte: Ich wurde von einer Helferin oder Mitarbeiterin gestoppt, die mit einer syrischen Familie im Haus unterwegs war. „Sie bringen ja in Israel sogar Kinder um“, sagte sie mir geradewegs ins Gesicht.

Sie suchten aber dennoch das Gespräch?

DE VRIES: Ja, doch mir schlug von arabischen Flüchtlingen zuerst extremer Hass entgegen. Durch einen Dolmetscher vor Ort bin ich dennoch mit ihnen ins Gespräch gekommen und konnte den Hass mildern, indem ich Klischees entkräften konnte. Für die meisten von ihnen war das die erste Begegnung mit einem Juden, mit einem Menschen wie du und ich. Nach rund einer Stunde wurde das Gespräch mit ihnen entspannter, ja freundschaftlicher und wir spielten einmal Tischfußball. Nach mehreren Besuchen aber wurde ich aufgefordert, nicht mehr alleine in die Unterkunft zu kommen, sondern nur noch mit Gemeindevertretern. Dann war es vorbei mit den ungezwungenen Gesprächen.

Wenn Sie die aktuellen Entwicklungen und persönlichen Erfahrungen betrachten – wie würden Sie ihre Stimmung und innere Haltung den Anfeindungen gegenüber beschreiben.

DE VRIES: Ich habe Sorge wegen der rechtsextremen Entwicklung in Deutschland, die weiter verbreitet ist, als man glaubt. Aber Angst habe ich vor den Islamisten. Was mich aber verwundert, ist etwas anderes: Warum zeigen sich in der Wetterau die Schulen und Bevölkerung interessiert und die Politik ist offen und gesprächsbereit. Im Usinger Land erlebe ich aber bestenfalls Desinteresse und zunehmend Feindseligkeit. Wir müssen auf verschiedenen Ebenen ins Gespräch kommen.

Ein Porträt über Manfred de Vries lesen Sie auf Seite 17

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