E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Neu-Isenburg 29°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Das Leben vor der Katastrophe

Von Während Europa auf den Krieg zusteuerte, ging das Leben auf dem Land zunächst weiter seinen gewohnten Gang. Alte Urkunden geben einen Einblick, wie die Wehrheimer den Sommer 1914 verbrachten. Und es zeigt sich: Es gab wichtigere Dinge als die große Politik . . .
Wehrheim. 

Der Berufsalltag des Wehrheimer Gemeinde-Kämmerers Volker Minet ist von der doppischen Buchführung bestimmt. Vor 100 Jahren war der Gemeindehaushalt in der „Urkunde der Gemeinde Wehrheim für das Etatjahr 1913/1914“ fein säuberlich dokumentiert. Handschriftlich – noch in Sütterlin – sind Einnahmen und Ausgaben aufgeführt. Bürgermeister Heinrich Velte hatte die beiden Kladden 1916 mit seiner Unterschrift bestätigt.

Zum Thema: Das Land im Krieg

Etwas später als der Vordertaunus wurde auch das Usinger Land vom Kriegsausbruch betroffen. Die Schüler mussten auf Befehl aus Frankfurt bei der Ernte helfen und auch die Lebensmittel wurden

clearing

Wer das Glück hat, die in Leder eingebundenen Bände mit dem Gemeinde-Archivar Robert Velte zu durchstöbern, erkennt in ihnen ein Kaleidoskop des Alltagslebens im Jahr des Kriegsbeginns. Der 82-Jährige hatte in der Volksschule noch Sütterlin gelernt und kann daher als „Dolmetscher“ die Hintergründe der Zahlen und Bilanzen schildern.

Der Reichtum einer Taunus-Gemeinde bemaß sich damals an der Größe des Gemeindewaldes. Denn Haupteinnahmequelle war der Holzverkauf, der fein säuberlich aufgelistet ist. In der Abzahlungstabelle ’Nutzholz’ von 1914 wird detailliert Buch über die verschiedenen verkauften Holzarten und -mengen geführt.

„Hätt’ der Wetterauer noch Heu und Holz, wäre er nochmals so stolz“, zitiert Velte ein überliefertes Sprichwort der Bauern. In diesem Bonmot hielten die hiesigen Bauern ihren Stolz auf die Viehhaltung und Forstwirtschaft hoch: Vieh und Wald hatten ihnen bescheidenen Reichtum gebracht. Das Sprichwort drückt aber auch die damalige Konkurrenz zu den Landwirten in der Wetterau aus, die auf ertragreichen Böden wirtschaften konnten.

„Die meisten Bauern mussten zusätzlich im Forst mitarbeiten, weil nur die wenigsten von ihrer Betriebsflächen leben konnten“, berichtet Velte. „Größter Landwirt war seit Mitte des 19. Jahrhunderts der Hof Velte in der Gartenstraße 7 mit einem Besitz von 114 Morgen Grund und Boden. Nur sechs oder sieben Landwirte hatten zwei Gäule für die Gespanne. Die anderen nutzten Kühe als Zugtiere.“

Wie in den meisten Bauernfamilien gingen auch die Männer aus der Familie von Robert Velte aufgrund der Zersplitterung des Acker- und Weidelandes durch die Realteilung einem handwerklichen Beruf nach. Der Hof wurde im Nebenerwerb betrieben. „Vor allem die Bauhandwerker sind wegen der schlechten Auftragslage in den Wintermonaten in den Wald gegangen. Schlechtwettergeld oder Winterausfallgeld gab es seinerzeit noch nicht“, berichtet Velte. „Schon mein Urgroßvater zog ab dem Frühling als Maurer bis nach Köln auf den Bau.“ Dann betrieben Frauen und Kinder die Landwirtschaft. War die Arbeit auf dem Acker und im Hof getan, ging es in den Wald. „Wenn mein Urgroßvater am Wochenende zu Hause war, hatte er noch am Sonntagabend die Axt geschärft, damit die Familie ab Montag im Wald Holz machen konnte.“

Im Brennholzverzeichnis lässt sich anhand der unterschiedlichen Begriffe die Güte der eingeschlagenen Holzarten ablesen. Am meisten Geld gab es für das Stammholz, das als Nutz- und Bauholz verwendet wurde. Obere Partien des Eichenholzes dienten beim Eisenbahnbau als Schwellen. Nach dem Scheitholz kam das Knüppelholz. Die obersten und äußeren dünnen Äste wurden wie Getreide gebunden und als „Wellen“ an Bäcker verkauft, die es im Backofen verbrannten. „Den Rest konnten Privatleute für wenig Geld als Leseholz im Wald vom Boden auflesen“, berichtet Velte. „Der Wald sah deshalb meist wie geputzt aus.“

 

3,50 Mark Tageslohn

 

Lohnzettel der Gemeinde geben Aufschluss darüber, welcher Lohn bei einer umfangreichen Pflanzaktion bezahlt wurde. Vor allem Frauen waren es, die für 3,50 Mark pro Tag geschuftet hatten. Für das Salär mussten sie im „Walddistrikt 49 A“ zuerst die Grasnarbe entfernen, und dann 8990 Pflanzlöcher ausheben. Auf insgesamt zwei Hektar wurden dann dreijährige „verschulte“ Fichten gepflanzt.

Lukrativ war der Jagdpachtvertrag, den die der Bürgermeister 1914 als Vorsteher der Jagdgenossenschaft mit dem Frankfurter Stadtrat Albert von Metzler abgeschlossen hatte. Für ein Jahr (20. August 1914 bis 19. August 1915) wurde dem Bankier für eine Pacht von 400 Mark ein 900 Hektar großer Bezirk zur Bejagung zugesprochen.

Bereits vor 100 Jahren war eine Kommune daran interessiert, der heimischen Wirtschaft gute Rahmenbedingungen zu schaffen – in den Dörfern des Usinger Landes war es die Landwirtschaft, die unterstützt wurde. „Man wollte die einheimischen Landwirte konkurrenzfähig halten. Deshalb leistete sich Wehrheim eine eigene Vatertierhaltung für die Viehzucht“, erklärt Velte. 1914 wurden deshalb die drei älteren Gemeindebullen verkauft und drei neue Bullen gekauft. Gleiches galt für die gemeindeeigenen Eber. Dem in der Rubrik Abgang verzeichneten Eber stehen zwei gekaufte Eber unter Eingang gegenüber. Eine Quittung belegt den Preis für einen 17 Monate alten Bullen: 490 Mark ließ sich die Gemeinde das Prachtstück kosten. Der Eber kostete 115 Mark.

Ein anderer Beleg dokumentiert, dass die Gemeindebullen in einem neu gebauten Gemeindestall von Christian Kolaß gefüttert wurden. Als Lohn erhielt der Mann ein Jahressalär in Höhe von 422 Mark von der Gemeinde. Vom 2. September 1914 datiert ein Beleg, der den öffentlichen Verkauf des sogenannten Grummet, dem zweiten Grasschnitt, von der Gemeindeweide beurkundet. Ein separates Kapitel dokumentiert die Wegenutzungsgebühren – zum Beispiel des Westerfelder Weges, für die Heinrich W. Diehl zehn Mark zu zahlen hatte.

 

„Knöllchen“ gab’s schon

 

Unfreiwilligen Wegezoll musste hingegen Adolf Lau im Sommer 1914 an die Gemeinde entrichten. Der aus Frankfurt stammende Chauffeur des Fahrzeugs mit dem amtlichen Kennzeichen 1.T.2624 war gegen 15.50 Uhr dabei ertappt worden, als er zu schnell durch Wehrheim fuhr. Die gemessene Geschwindigkeit von 26 Kilometern pro Stunde war glatte sechs Kilometer pro Stunde zu schnell. Der Strafzettel war über fünf Mark ausgestellt.

Dieser Verkehrssünder blieb der einzige unter zahlreichen anderen Empfängern von Strafzetteln der Gemeinde. Der Großteil der Vergehen war im bäuerlichen Alltag angesiedelt.

Ganz übel trieben es für damalige Verhältnisse Georg Weber, Heinrich Seng und Friedrich Roth. Sie hatten am 13. September ihre Gänse unerlaubter Weise auf dem aufgegrabenen Grundstück von Heinrich Jung weiden lassen. . . Als Strafe mussten sie 6 Mark Strafe berappen.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen