E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Neu-Isenburg 17°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Erster Weltkrieg in Hessen: Nesthäkchen im Rübenwinter

Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, so wird der Erste Weltkrieg von Historikern oft bezeichnet. Die TZ geht diesem Thema in einer Serie auf die Spur.
Nesthäkchens Schule ist jetzt von Soldaten besetzt. Dieses Bild zeigt eine Szene aus dem Buch »Nesthäkchen im Kriege« von Annemarie Braun. Nesthäkchens Schule ist jetzt von Soldaten besetzt. Dieses Bild zeigt eine Szene aus dem Buch »Nesthäkchen im Kriege« von Annemarie Braun.

Das Alltagsleben drehte sich im Weltkrieg nicht nur um Trennung der Familien, Not und Tod, es gab auch unterhaltsame Szenen. Wer in dieser bedrückenden Zeit lebte, suchte Gelegenheiten zur Entspannung. Unter diesem Gesichtspunkt sollte man die Berichte aus dem Bad Homburg jener Zeit betrachten.

Viele Bewohner der Stadt hatten in den Jahrzehnten vor dem Krieg gut vom Kurwesen gelebt und teilten nun die Meinung der Kur-Gesellschaft, man müsse an die Zeit nach dem Krieg denken und daher jetzt den Gästen weit entgegenkommen. Diese fanden sich in erstaunlicher Zahl ein. 1915 waren es 9300, 1916 sogar 10 000, um 1917 auf 7000 zurückzugehen und sich 1918 bei 8000 Gästen einzupendeln. Bei der Einwohnerzahl Homburgs von 15 000 waren dies bemerkenswerte Zahlen. Da erstaunt es nicht, dass drei Mal im Tag Kurkonzerte mit heiteren Weisen angeboten wurden; zweimal bei den Quellen und abends im Kurhaus. Theater- und Opernaufführungen sowie unterhaltsame Veranstaltungen waren jetzt besser besucht als in Friedenszeiten, stellte der Kurhausverwalter in seinem Tagebuch fest.

 

Die Ernährungslage

 

Wer nur auf rationierte Lebensmittel angewiesen war, musste den Gürtel enger schnallen, und der „Rübenwinter“ von 1916/17 hinterließ hier wie in ganz Deutschland seine Spuren. Im Sommer 1917 waren die Preise besonders hoch. Hatte man früher mit Pfennigbeträgen gerechnet, so zahlte man jetzt für je ein Pfund: Bohnen 1 Mark, Mehl 4 Mark, Zucker 2 Mark und Kaffee 14 Mark.

Das konnten sich viele Bürger nicht leisten, aber man half sich auf illegale Weise. Diebstahl von Obst und Gemüse direkt vom Feld oder Baum war an der Tagesordnung. Es kam vor, dass Leute, die angeblich auf abgeernteten Feldern Ähren lesen wollten, auf Nachbarfeldern volle Ähren mit der Schere abschnitten.

Wer viel Geld hatte wie die meisten Kurgäste, konnte noch im Juni 1918 im Kurhaus-Restaurant folgende Gerichte genießen: Rumpsteak 6 Mark, Huhn mit Reis 8 Mark, ein Butterbrot 1,50 und mit Schinken 2,50 Mark. Man reibt sich die Augen, wenn man liest, dass der Kurdirektor Ende Juni 1918 für 28 000 Mark zwei Autos und zur Verschönerung der Dienerlivreen für 5000 Mark Silbertressen kaufte!

Es ist verständlich, dass man den Kindern auch jetzt den traditionellen Theaterbesuch in der Vorweihnachtszeit bieten wollte.

Beim Bemühen, das Stück recht patriotisch zu gestalten, griff man allerdings nach unserem heutigen Empfinden daneben. Schon der Titel erstaunt: „Struwwelpeter wird Soldat“. Hier ist diese Hauptfigur positiv dargestellt, während die Freunde zuerst negativ gezeichnet sind. Aber Zappel-Philipp, Suppen-Kaspar und Konrad, der Daumenlutscher, bessern sich und werden ebenfalls Soldaten. Die Gestalt des mit dem Feuer spielenden Paulinchens ist hier völlig verfremdet. Das Mädchen verbrennt nicht, sondern betätigt sich mit Freundinnen als Bäckerin und schickt die Kuchen an die Front.

Im letzten Bild des Theaterstücks vereinen sich alle Figuren unter dem Weihnachtsbaum.

Die bekannte Schriftstellerin Else Ury verfasste 1916 ihr „Nesthäkchen im Kriege“ und beschrieb in der Gestalt der anfangs elf Jahre alten Annemarie Braun das Geschehen der Jahre 1914 bis 1916. Zwar spielt die Geschichte in Berlin, doch die Erlebnisse Nesthäkchens könnten sich in jeder anderen Stadt zugetragen haben.

Das Buch wurde auch in Bad Homburg gelesen, und auch hier strickten Schulmädchen graue Pulswärmer für Soldaten, standen stundenlang in der Schlange vor einem Laden, um Butter zu kaufen, oder sammelten in der „Reichswollwoche“ Stoffreste und Lumpen zur späteren Verarbeitung in Uniformtuch.

Eine Neuerung, der Else Ury in ihrem Buch ein Kapitel widmete, erleben wir noch heute: die Sommerzeit. In der Nacht zum 1. Mai 1916 wurde zum ersten Mal die Zeit um eine Stunde vorgerückt, was man damals „Deutsche Sommerzeit“ nannte.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen