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Kutschenähnliches Gefährt: Alter Leichenwagen kommt zum Einsatz

Vor 120 Jahren schaffte die Gemeinde einen Leichenwagen an. Damals war das eine Besonderheit. Das kutschenähnliche Gefährt existiert noch immer. Jetzt wurde es aus dem Dornröschenschlaf geweckt.
Normalerweise ruht der Leichenwagen von 1898 in der Museumsremise. Foto: RBEUTEL PRM Normalerweise ruht der Leichenwagen von 1898 in der Museumsremise.
Kreis Groß-Gerau. 

Der Heimat- und Museumsverein hat den historischen Leichenwagen aus seiner Museumsremise an die Stadt Mörfelden ausgeliehen. Am kommenden Sonntag, 10. Juni, dient er als pietätvolle Kulisse für eine szenische Darstellung.

Woher kommt das eigentümliche Gefährt, das gut erhalten ist und bundesweit eine Seltenheit sein soll? Über Jahrhunderte sei es üblich gewesen, Verstorbene vom Sterbehaus zum Grab auf Schultern starker Männer zu tragen, heißt es in einem Beitrag von Harald Hock in der Ortschronik. 1898 aber sollte sich das ändern: Die Gemeinde erwirbt einen Leichenwagen.

Die Bestellung datiert auf den 12. April 1898. Geliefert wird das nützliche Gefährt am 14. September 1898 von der Firma Heinrich Görich aus Langen. Riss- und astfreies Buchenholz mit Füllungen aus Silberpappelholz bilden den Oberbau. Die Achsen haben geschlossene Messingkapseln, sind gefedert und können acht Zentner tragen. Der Fahrersitz ist gepolstert und abnehmbar.

Drei Mark für den Fahrer

Sonderausstattung gibt es auch damals schon – zwei patentierte Laternen, die an beiden Seiten angebracht werden. 900 Reichsmarkt zahlte Nauheim anno dazumal für die „umwälzende Neuerung“, wie Hock den Leichenwagen nennt.

Die Stelle eines gemeindlichen Leichenwagenfahrers wird 1898 öffentlich versteigert. Den Zuschlag erhielt „als letzt- und wenigstfordernder“ Peter Diehl XII., dem die Gemeinde für jede Fuhre drei Mark zahlt. Diehl verpflichtet sich, den Leichenwagen zu jeder Beerdigung und zu jeder Tageszeit zu fahren und dafür zwei Pferde zu stellen. Er habe „in anständiger dunkler Kleidung zu erscheinen“. Pferde, Geschirr und Decken seien „rein und sauber“ zu halten. Sogar die Pferdehufe muss Diehl schwärzen.

Nach 1909 erneuert der Kutscher seinen Arbeitsvertrag, er bekommt fortan vier Mark pro Leiche. Muss er weitere Strecken nach Darmstadt oder Mainz zurücklegen, bringt ihm der Totentransport mehr ein.

Rettung durch Landwirt

Wie lang er tätig war, ist nicht bekannt. Letzter Nauheimer Leichenwagenfahrer ist Hocks Recherchen zufolge 1952 der Landwirt Wilhelm Traiser aus der Vorderstraße. Ihm sei es zu verdanken, dass das Gefährt erhalten blieb. 1979 bringt Traiser mühevoll und aufwendig den Wagen in einen, heute kaum noch bekannten, Gebrauchszustand von damals. Traiser bewahrt ihn dadurch für die Nachwelt auf, bevor der Wagen in der Museumsremise abgestellt wird. Dort steht er bis Mittwochmorgen. Die Leiterin der Museen aus Mörfelden und Walldorf, Cornelia Rühlig bedankt sich für die Nachbarschaftshilfe. Ute Ansahl-Reissig, Vorsitzende des hiesigen Museumsvereins und ihr Stellvertreter Lothar Walbrecht, verfolgen den Verladevorgang mit Neugierde.

Per Transporter und Anhänger gelangt der Leichenwagen zu seinem Einsatz in Mörfelden. Die beengten Verhältnisse in Alt-Nauheim werden durch geschicktes Rangieren überwunden. Peter Diehl hätte es vor 120 Jahren kaum besser gekonnt.

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