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"Erwin Pelzig" im Interview: Beim Kabarett gibt es kein Tabuthema

Frank-Markus Barwasser ist vielen unter dem Namen seiner Kunstfigur Erwin Pelzig bekannt. Mit Hütle und kariertem Hemd brachte er mit Urban Priol im ZDF „Neues aus der Anstalt“ und befragt schelmisch seine Gäste in „Pelzig hält sich“. Jetzt schickt er sein Alter Ego auf Tournee. Motto: „Pelzig stellt sich“. Am Dienstag, 17. März, gastiert er in Neu-Isenburg. FNP-Redakteur Franz Heinrich Ott hat sich vorab mit ihm unterhalten.
Frank-Markus Barwasser ist auf der Bühne auch als seine Kunstfigur Erwin Pelzig mit Hütle und kariertem Hemd bekannt. 	Foto: fnp Frank-Markus Barwasser ist auf der Bühne auch als seine Kunstfigur Erwin Pelzig mit Hütle und kariertem Hemd bekannt. Foto: fnp

Herr Barwasser, ich habe festgestellt, dass wir fast Kollegen wären. Wir haben beide ein Zeitungsvolontoriat gemacht und Ethnologie im Nebenfach studiert. Was hat Sie eigentlich bewogen, zum Kabarett zu gehen?

FRANK-MARKUS BARWASSER: Ich habe einige Zeit parallel als Journalist und Kabarettist gearbeitet. Irgendwann war beides gleichzeitig zu viel und ich musste eine Entscheidung treffen. Die Bühne ist jedenfalls ein Ort, der mir eher liegt als ein Großraumbüro. Und Bühne ist auch eine Form der Kommunikation. Das Schreiben, Präsentieren und Herumreisen, das mag ich einfach.

Waren Sie eigentlich auch Ministrant, wie es viele Kabarettisten gewesen sind?

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BARWASSER: Nein, ich bin ja evangelisch erzogen worden. Als Protestant im katholischen Würzburg aufzuwachsen, war durchaus erhellend. Man ist ja sonst nur selten Minderheit.

Ist Erwin Pelzig ein echter Franke?

BARWASSER: Ich bin selbst in Unterfranken geboren und aufgewachsen. Deshalb ist auch Pelzig eine Figur, die sehr stark im Fränkischen angesiedelt ist.

Sie waren ja der Nachfolger von Georg Schramm bei „Neues aus der Anstalt“ und dann sind Sie gegangen und Urban Priol auch, wie ist ihr Verhältnis zu Urban Priol im Moment?

BARWASSER: Sehr gut, wir telefonieren regelmäßig. Wir hatten ja diese Entscheidung aufzuhören, gemeinsam getroffen. Wir haben uns irgendwann mal angeguckt und gespürt, jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Das war vor der Bundestagswahl und wir ahnten schon, dass es wieder auf eine große Koalition hinauslaufen würde. Da spürten wir wenig Lust, unsere Texte von vor fünf Jahren wieder rauszuholen. Urban hatte schon über sieben Jahre Anstalt hinter sich, ich vier Jahre. Es war einfach der Zeitpunkt gekommen, an dem man spürt, es ist gut.

Sind Sie mit ihren Nachfolgern zufrieden, wenn man Claus von Wagner und Max Uthoff so nennen könnte?

BARWASSER: Ich finde, es ist ihnen gut gelungen, einen eigenen Stil zu finden. Sie setzen stark auf das Ensemble-Kabarett, binden ihre Gäste noch viel intensiver ein als wir es getan haben, das gefällt mir gut. Die Dialogführung ist ausgefeilt, ich finde, sie haben sich sehr schnell freigeschwommen.

Sie sagen, Ihr Bühnenprogramm setzt dort an, wofür im Fernsehen keine Zeit bleibt, was ist damit genau gemeint?

BARWASSER: Im Fernsehen steht ja immer alles unter einem gewissen Zeitdruck. Da muss ich schneller zur Sache kommen. Auf einer Bühne habe ich bei einem Kabarettsolo ganz andere dramaturgische Möglichkeiten. Da kann ich längere Bögen schlagen, immer wieder Rückbezüge herstellen. Künstlerisch ist es ein anderes Arbeiten. Das Fernsehen dagegen zwingt mich zu einer gewissen Knappheit. Ich muss ja bei allem, was ich sage, vorher überlegen, wie viel Grundwissen zum Thema ich beim Zuschauer voraussetzen darf und kann notfalls auch mal etwas erklären, um dann zur Sache zu kommen. Auch das geht auf der Bühne leichter. Im aktuellen Programm zum Beispiel befasse ich mich mit „kognitiver Dissonanz“, ein Begriff aus der Sozialpsychologie, der unser widersprüchliches Handeln beschreibt. Bei so einem sperrigen Begriff habe ich auf der Bühne viel mehr Zeit und Möglichkeit, das Thema immer noch unterhaltsam darzustellen.

Waren Sie schon einmal in Neu-Isenburg?

BARWASSER: Nein, weder privat noch beruflich. Hessen kenne ich ganz gut, aber das ist auch für mich eine Premiere. Ich bin gespannt.

Sie haben zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Welcher Preis ist Ihnen am liebsten?

BARWASSER: Also, da gibt es einige, die mir sehr lieb sind. Am überraschendsten war der Preis, den ich 2009 in Italien bei einem Satirefestival erhielt, der „Premio satirica politica“. Die ehren dort jedes Jahr auch einen ausländischen Künstler. Damals fiel die Wahl auf mich. Bei der Preisverleihung in Forte de Marmi lernte ich viele italienische Karikaturisten, Künstler und Kollegen kennen. Natürlich hat mich auch der Bayerische Fernsehpreis 2006 sehr gefreut, weil in der Sendung ja eine Menge Herzblut steckt. Und weil mir Edmund Stoiber den Preis überreichen musste.

Ich habe zwei Fragen zu ihrer Sendung „Pelzig hält sich“. Wer sucht da die Gäste aus, sind Sie das?

BARWASSER: Natürlich mache ich Vorschläge und melde meine Wünsche an, aber ich bestimme es nicht alleine. Das ist eher Teamwork mit meiner Redaktion. Häufig kommen auch Vorschläge von Zuschauern. Da sind manchmal wirklich gute Ideen dabei.

Wer macht die Bowle?

BARWASSER: Der Requisiteur, aber ich schmecke sie wirklich jedes Mal vorher persönlich ab, ob sie gut genug ist für die Gäste. Dann müssen wir die Farbe noch festlegen. Wenn Sie nach einem Rezept fragen, ich würde nicht direkt von „Rezept“ sprechen. Ansonsten ist das wie bei Coca-Cola: alles streng geheim.

Bei Ihrer Bühnenshow gibt es keine Bowle oder?

BARWASSER: Nein, das Bühnenprogramm ist etwas völlig anderes als die Fernsehsendung.

Sie holen auch niemanden auf die Bühne hoch?

BARWASSER: Ich kann Entwarnung geben, niemand muss rauf zu mir! Es gibt auch keine Gäste so wie im TV. Es ist ein klassisches Kabarettsolo. Der Unterschied zum Fernsehen ist außerdem noch, dass ich neben Pelzig auf der Bühne auch noch zwei andere Figuren, Hartmut und Dr. Göbel, darstelle. Der Ökonom würde sagen: das ist der Mehrwert des Bühnenprogramms. Was auch künstlerisch interessant ist, weil ich auf bestimmte Themen verschiedene Blickwinkel einnehmen kann.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kabaretts?

BARWASSER: Ich bin ganz zuversichtlich. Ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass das Bedürfnis nach dem Echten und Authentischen, dem Live-Erlebnis in einem Theater, dass das einmal ganz vorbei sein könnte, auch wenn sonst alles zunehmend online läuft. Das gilt eigentlich für die ganze Bühnenkunst. Was die Zukunft des Kabaretts angeht, lese ich nun schon seit 20 Jahren immer wieder, dass es stirbt. Ich finde aber, dass es ziemlich lebendig ist und sich viel tut, dass es viele junge Kollegen gibt, die nachrücken und Bemerkenswertes machen. Natürlich verändert sich das Kabarett, aber stirbt es? Wenn wieder mal jemand schreibt, es sei tot, würde ich fast sarkastisch fragen, ob man sich um die Zukunft der klassischen Medien nicht mehr Sorgen machen sollte.

Was darf Satire oder Kabarett? Hat man nach dem Attentat in Paris einen gewissen Bammel oder eine innere Schere, dass man jetzt nichts mehr über Religion macht?

BARWASSER: Natürlich haben das alle im Kopf. Bislang gehörte hierzulande nicht sehr viel Mut dazu, Kabarettist zu sein. Das könnte sich durchaus mal ändern: ein falscher Satz, vielleicht irgendwo falsch zitiert, irgendwem passt irgendetwas an deinen Aussagen nicht und schon gibt es Wallung. Aber ich werde Themen wie Islamismus nach wie vor nicht aussparen. Ich habe immer Stellung bezogen. Doch sollten wir uns nichts vormachen. Angst kann Kunst und Gesellschaft verändern, spätestens dann, wenn in Deutschland so etwas stattgefunden hat wie in Paris oder Kopenhagen. Das wird dann Kunst und Medien gleichermaßen betreffen, und ich hoffe dann sehr auf gegenseitige Solidarität zwischen Medien und Kunst. Das einzig Positive ist, dass es meiner Generation, ich bin 1960 geboren, wieder einmal bewusst wird, was es zu verlieren gibt. Der Freiheitsbegriff bekommt dadurch eine andere Dimension.

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