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Die Kriegsführung hat sich gewandelt

Im Ersten Weltkrieg waren noch rund 90 Prozent der Toten Soldaten. Im darauffolgenden Zweiten Weltkrieg kehrte sich das Verhältnis bereits um. 60 Prozent der Toten waren Zivilisten.
Rund 20 Interessierte fanden sich in Königstädten an der evangelischen Kirche vor dem Denkmal für die gefallenen Soldaten zusammen.	Foto: fnp Rund 20 Interessierte fanden sich in Königstädten an der evangelischen Kirche vor dem Denkmal für die gefallenen Soldaten zusammen. Foto: fnp
Kreis Groß-Gerau. 

Zum 14. Mal veranstaltet der SPD-Bundestagsabgeordnete Gerold Reichenbach in diesem Jahr die History-Tour unter der Schirmherrschaft des Historikers und Germanisten Professor Ernst Erich Metzner. Die dritte Station der Tour war in Königstädten mit dem Heimatforscher Wolfgang Einsiedel.

„100 Jahre ist es nun her, dass die Welt mit dem Ausbrechen des Ersten Weltkrieges eine Zäsur erlebte“, erläuterte Reichenbach einleitend den rund 20 interessierten Teilnehmern die Besonderheit des Ersten Weltkrieges. Diese hatten sich in Königstädten an der evangelischen Kirche vor dem Denkmal für die gefallenen Soldaten der Gemeinde zusammengefunden.

Fortan hätte sich die moderne Kriegsführung von den bisher geführten Frontenkriegen zu industriellen Kriegen entwickelt. „Diese Entwicklung, hin zu einer Industrialisierung des Krieges, schlug sich danach auch in immer deutlicheren Zahlen bei den kriegstoten Zivilisten nieder.“ So seien im Ersten Weltkrieg noch rund 90 Prozent der Kriegstoten Soldaten gewesen. Im darauffolgenden Zweiten Weltkrieg kehrte sich das Verhältnis bereits um. Den 40 Prozent gefallenen Soldaten standen 60 Prozent Zivilisten gegenüber, im Vietnam- und Afghanistan-Krieg, ebenso wie im Irak, hätte sich diese Entwicklung fortgesetzt.

Auch in der Ausgestaltung der Denkmäler hätte es einen Wandel gegeben. „Was Sie hier sehen, ist ein Gedenkstein für die gefallenen Soldaten, kein Siegesdenkmal, wie sie vor dem Ersten Weltkrieg üblicherweise ausgestaltet waren“, so Reichenbach. Aus heutiger Zeit, erläuterte der SPD-Politiker weiter, werde das Denkmal, ebenso wie das beim zweiten Termin in Rüsselsheim besichtigte, falsch interpretiert. Aus dem knieenden Soldaten, mit gesenktem Haupt in Trauer versunken, wurde ein Soldat, der sich bereits in Stellung für den Zweiten Weltkrieg brächte.

 

Trauernder Soldat

 

Heimatforscher Wolfgang Einsiedel wollte sich nicht festlegen, wie die Haltung des Soldaten zu interpretieren sei. „Schauen Sie es sich alle selbst an und entscheiden Sie, ob es sich um einen demütigen und trauernden Soldat handelt, oder ob wir es hier mit einem revanchistischen oder präfaschistischen Denkmal zu tun zu haben“, appellierte er an die aufmerksamen Zuhörer.

Als fachkundiger Referent übernahm er die weitere Führung und erläuterte neben dem Denkmal auch die Situation Königstädtens zu Zeiten der beiden Weltkriege ebenso wie in den Jahren dazwischen.

Gestützt von einer Präsentation untermauerte Einsiedel seinen Vortrag, den er in die evangelische Kirche verlagerte, auch mit zeitgenössischen Bildern und zeigte dabei etwa ein Bild 14-jähriger Königstädter Schüler, die vor der Schule exerzierten. „Das Bild wurde 1914, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, aufgenommen. Hierin wird die fortgeschrittene Militarisierung der Gesellschaft sehr deutlich.“ Königstädten selbst habe den Weltkrieg vor allem in Form des Mangels erlebt. „Hafer mussten die Königstädter Bauern bis auf einen kleinen Teil als Verpflegung und Futter für die Front abliefern“, führte Einsiedel aus. Wegen des enormen Bedarfs an Pferden für das Militär kam es zu einer Teuerung der Pferde, welche die Königstädter für ihre landwirtschaftlichen Arbeiten benötigten, und auch die Ferkelpreise stiegen an.

 

Demo gegen hohe Preise

 

Eigene Schlachtungen wurden reglementiert und mussten vorab genehmigt werden. Es wurden fleisch- und fettfreie Tage eingeführt. Von anfänglich zwei Tagen stieg die Anzahl im Laufe der Zeit auf fünf Tage, da kaum noch Fleisch verfügbar war. „Milch und Butter durften nicht mehr frei verkauft werden, sondern nur noch über Händler.“ Für Fleisch, Brot und Kartoffeln wurden Karten eingeführt, die regelten, wieviel die Leute bei den Händlern von diesen Produkten erwerben dürfen. Wie schwierig die Ernährungssituation vor allem in den Städten in Folge des Krieges wurde, zeigte eindrücklich ein Bild, auf dem mehrere Hundert Opelarbeiter in der Mitte von Königstädten gegen die hohen Kartoffelpreise demonstrierten.

Sehr ausführlich ging Einsiedel auch auf die Bombennacht während des Zweiten Weltkrieges ein, die sich am 12./13. August zum 70. Mal jährt. Alliierte Bomber, deren Ziel die Bombardierung des Opel-Werkes war, welches kriegsrelevante Bauteile für Flugzeuge herstellte, flogen aus Angst vor der deutschen Flugabwehr im Schutze der Dunkelheit ihre Angriffe und verfehlten ihr Ziel. „Diese Angriffe verwandelten Königstädten in ein Trümmerfeld“, führte Einsiedel aus und präsentierte Bilder von zerstörten Häusern und toten Nutztieren.

Der anschließende Rundgang durch die Ober-, Hinter- und Kleine Gasse, der zusammen mit dem Besuch einer Theaterprobe für die Königstädter Hofkonzerte die Ausführungen abrunden sollte, fiel aufgrund des einsetzenden Gewitterregens aus.

(fnp)
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