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Interview: Dreieichenhain: TV- Star Walter Sittler spielt bei den Burgfestspielen

Die Burgfestspiele (5. Juli bis 19. August) werfen ihre Schatten voraus. Wir stellen in loser Folge in Interviews einige der auftretenden Künstler und Bands vor. Reporter Michael Forst sprach mit Walter Sittler über seine Lesung mit Texten von Dieter Hildebrandt, Rollenklischees und sein politisches Engagement.
Streitbarer Künstler mit politischem Profil: Walter Sittler. Foto: Foto: Bror Ivefeldt Streitbarer Künstler mit politischem Profil: Walter Sittler.
Dreieich. 

Herr Sittler, Sie werden bei den Burgfestspielen in Dreieichenhain am Montag, 9. Juli, unter dem Titel „Ich bin immer noch da“ Texte des 2013 verstorbenen Kabarettisten Dieter Hildebrandt lesen. Was hat Sie darauf gebracht?

WALTER SITTLER: Seine Witwe Renate Küster-Hildebrandt hat mich gefragt, ob ich das letzte Buch von ihm „Letzte Zugabe“ einlesen wollte. Da habe ich natürlich sofort ja gesagt. Daraus hat sich dann die Idee ergeben, ein Bühnenprogramm mit Texten von Dieter Hildebrandt zu machen.

Wusste er von Ihrem Vorhaben?

SITTLER: Nein, er wusste nichts davon, aber ich habe erfahren, dass er die Verwerfungen um Stuttgart 21 genau verfolgt hat und ich ihm dadurch gut bekannt war.

Wie gut kannten Sie ihn persönlich?

SITTLER: Ich habe ihm nicht persönlich die Hand gegeben. Ich kannte und kenne ihn nur als Kabarettisten auf der Bühne und im TV.

Hildebrandt war in seinen politischen Kabarett-Sendungen wie „Scheibenwischer“ dafür bekannt, dass er unheimlich zeitnah auf tagespolitische Dinge einging. Diese Seite seiner Begabung dürfte Ihre Textauswahl doch kaum widerspiegeln, oder? Widmen Sie sich deshalb mehr den hintergründigen-philosophischen Qualitäten anderer Hildebrandt-Texte?

SITTLER: Erich Kästner, ein großes Vorbild von Dieter Hildebrandt, hat mal über die Politik gesagt: „Die Farben wechseln, die Wände bleiben.“ Da Dieter Hildebrandt sowohl hinter die Mechanismen der Politik als auch der Menschen schaut, sind viele Texte weiterhin aktuell, man muss nur die Namen im Kopf austauschen. Ab und zu flechte ich aktuelle Ereignisse mit ein, aber immer im Zusammenhang mit Texten von ihm.

Hildebrandt war als Kabarettist, Schauspieler und Buchautor ein Tausendsassa. Sie sind es als Schauspieler, Produzent und Autor ebenfalls. Und Sie teilen mit Hildebrandt die Lust am Anecken. Kann man gar von Seelenverwandtschaft sprechen?

SITTLER: Seelenverwandtschaft ist vielleicht zu viel, denn wir kannten uns ja persönlich nicht. Aber mir ist seine Denkweise sehr vertraut. Auch seine scharfzüngige Verwunderung über den Irrsinn um ihn herum kommt mir entgegen. Es ist ja auch übrigens viel gesünder, sich zu wundern, als zu ärgern.

Hildebrandt hat auch in erfolgreichen Filmproduktionen mitgespielt, etwa als schmieriger Fotograf Herbie in Helmut Dietls „Kir Royal“. Wie bewerten Sie sein Schauspieltalent?

SITTLER: Er gibt sich den zu spielenden Rollen hin, mit seiner ganzen Person, ohne sie zu bewerten, das überlässt er den Zuschauern, das bewundere ich.

Das Zeit-Magazin fragte Dieter Hildebrandt einmal in einem Interview, ob er manchmal Angst habe, dass ihm niemand mehr zuhören will. Seine Antwort: „Immer.“ Geht es Ihnen ähnlich?

SITTLER: Das gehört zur Kunst dazu: immer um die Zuschauer und Zuhörer kämpfen, sie zur Freiheit, zu sich selbst zu verführen. Oft klappt es, aber nicht immer.

Eine Zeit lang schien es, als seien Sie im deutschen Fernsehen durch Rollen wie in der Arztserie „Nikola“ abonniert auf „Everybody’s Darling“: Frauen fanden Sie attraktiv, Männer wollten gerne mal ein Bier mit Ihnen trinken gehen. Haben Sie sich durch dieses Klischee eingeengt gefühlt?

SITTLER: Die Rollen im TV sind ja nur eine, wenn auch sehr wichtige Seite, meines Berufes. Die „Schublade“, wenn Sie so wollen, empfinde ich als recht geräumig: Nikola, Girl friends, Kommissar, Ein Fall für den Fuchs und so weiter. Bei der Theaterarbeit sind viele verschiedene Programme aktuell: Kästner, Hildebrandt, Glattauer, Tolstoj – also mir geht’s sehr gut damit.

Sie haben als junger Mann vor der Schauspielschule in München in verschiedenen Positionen gejobbt, waren Möbelpacker, Taxifahrer, Sekretär und Kinovorführer. Inwiefern hat Sie das auf die Schauspielerei vorbereitet?

SITTLER: Für mich bedeutet Schauspielerei genau hinzusehen, wie die Menschen sind, wie die Welt ist. Ohne es zu wissen, konnte ich durch die diversen Umwege viele Erlebnisse und Eindrücke für den zukünftigen Beruf sammeln.

Im Jahre 2015 überraschten Sie in Interviews mit der Angabe, dass Sie völlig pleite seien. Ein ehrgeiziges Filmprojekt Ihrer Produktionsfirma geriet ins Stocken und brachte Sie in finanzielle Schwierigkeiten. Wenn wir so offen fragen dürfen: Haben Sie diese Nöte überwinden können?

SITTLER: Diese Meldung beruhte auf einer bewussten Falschdarstellung. Damals war unsere Produktionskasse für die „199 kleinen Helden“ leer, und wir wollten unbedingt weitermachen. Dummerweise kann diese Falschmeldung nicht aus dem Netz gelöscht werden, weil die Öffentlichkeit Anspruch darauf hat, sie weiterhin zu lesen – das teilte mir die zuständigen Stelle mit. Wir persönlich waren nie in finanziellen Schwierigkeiten und was die Firma angeht: Inzwischen haben wir 35 Porträts von Kindern in aller Welt gedreht und der dazugehörige Dokumentarfilm „Nicht ohne uns!“ ist der erfolgreichste deutsche Kinodokumentarfilm 2017.

Was wissen Sie über die Burgfestspiele Dreieichenhain?

SITTLER: Das Festival war mir vom Namen bekannt, und ich freue mich, ein Teil davon zu werden.

Was reizt Sie an dem Format einer Lesung besonders gegenüber einem Auftritt mit einem Theaterensemble?

SITTLER: Mit einer Lesung kann man geschriebene Texte lebendig werden lassen, die Zuhörer vielleicht dazu ermutigen, Texte künftig anders zu lesen, emotionaler, empathischer. Vielleicht gelingt es manchmal dadurch das Erlebnis des Lesens reicher zu machen.

Es ist hierzulande ungewöhnlich, dass sich ein bekannter Schauspieler politisch so offen äußert und einmischt, wie Sie es bei Stuttgart 21 getan haben. Warum war es Ihnen wichtig, sich da einzubringen – und werden Sie das weiter tun?

SITTLER: Eine echte Demokratie lebt für mich von der Beteiligung der Menschen, lebt vom Diskurs, selbst wenn er scharf ist. Kein Mensch ist doch automatisch klug, weil er in eine politische Position gewählt ist. Der unbedingte Wille in allem Recht zu haben, wie wir es bei S 21 in verschiedenen Facetten erlebt haben, fordert eine Einmischung geradezu heraus. Deshalb habe ich das gemacht. Ich verfolge alle Entwicklungen weiter, aber jetzt sind politische Entscheidungen gefragt, und sie scheinen darauf hinaus zu laufen, das als nicht so sinnvoll erkannte Projekt unter allen Umständen zu Ende zu bringen, koste es was es wolle, bei allen gravierenden Nachteilen und kaum sichtbaren Vorteilen, die es mit sich bringt.

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