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Aktivist Peter Illert im Interview: „Es ist schwer, nicht zu verhärten“

Er wurde bei „Stuttgart 21“ als Polizeispitzel verdächtigt, stand wegen seines Protestes gegen die Baumrodung im Langener Bannwald vor Gericht und lebte vor 30 Jahren bei den Blockaden der Startbahn West im legendären Hüttendorf: Der Dreieicher Peter Illert von „Robin Wood“ hat alle Höhen und Tiefen eines Umweltaktivisten erlebt. Und er weiß, dass auch ein Strafverfahren manchmal hilfreich sein kann, um die gewünschte Aufmerksamkeit zu erzielen.
Freund der Bäume: Aktivist Peter Illert aus Dreieich zeigte zuletzt am Sonntag im Treburer Oberwald gegen das Terminal 3 Flagge. Foto: Leo F. Postl Freund der Bäume: Aktivist Peter Illert aus Dreieich zeigte zuletzt am Sonntag im Treburer Oberwald gegen das Terminal 3 Flagge.
Mörfelden-Walldorf. 

Wenige haben den jahrzehntelangen Protest gegen den Flughafen-Ausbau intensiver begleitet als Peter Illert. Im Interview mit unserem Reporter Michael Forst erklärt der 56 Jahre alte Aktivist der Robin-Wood-Regionalgruppe Rhein-Main was ihn motiviert, was es mit seiner Baummaske auf sich hat und warum der Wald bei jungen Leuten nicht mehr „in“ ist.

Herr Illert, Sie haben am Sonntag im Treburer Oberwald für den Erhalt eines Waldareals demonstriert. Was nehmen Sie mit von der Aktion?

PETER ILLERT: Die Aktion war politisch wichtig, weil die Bürgerinitiative auf die Ankündigung der Behörden, das Gelände an Fraport anzuweisen, reagieren wollte und musste. Und dazu lief auch noch die Baumbesetzung durch eine Gruppe junger Leute an.

Seit wann sind Sie bei Robin Wood? Und wie lange begleiten Sie schon persönlich den Flughafen-Protest?

ILLERT: Bei Robin Wood bin ich seit 2009. Robin Wood macht eine Kampagne am Frankfurter Flughafen seit 2004. Da habe ich sie kennengelernt. Gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens bin ich seit 1980 aktiv. Ich bin damals in das Hüttendorf gezogen und habe in der Hütte der Graswurzelleute gewohnt.

In welchem Verhältnis stehen die Anfeindungen und die Anerkennung, die Sie und Ihre Mitstreiter durch Ihren Kampf für den Erhalt des Waldes erfahren?

ILLERT: Deutlich mehr Anerkennung als Anfeindung. Allerdings ist die Gruppe der Gleichgültigen immens angewachsen. Da kann der Eindruck entstehen, die Themen, die mich umtreiben, wären nicht mehr so relevant. Zumindest polarisieren sie nicht mehr. So nach dem Motto: „Gut, dass der das macht. Aber wenn jemand das Gegenteil macht, ist es auch gut – man muss beide Seiten sehen“. Es ist schwer, konsequent zu sein, ohne sich unangenehm zu radikalisieren, zu verhärten.

Der Kampf gegen die Flughafenerweiterung währt nun schon fast 40 Jahre. Wenn Sie kurz Bilanz ziehen mögen: Was hat der Protest bewirkt?

ILLERT: Ich bin versucht zu sagen: Nichts. Natürlich mit einem Schmunzeln. Für meine Entwicklung: einiges. Seit der Startbahn habe ich ungeheuer viel gelernt, auch über mich selbst.

Beruflich sind Sie Krankenpfleger. Ein Beruf, der für harte Schichten, schlechte Bezahlung und wenig Anerkennung steht. Woher nehmen Sie die Energie, noch „nebenbei“ für Robin Wood zu arbeiten?

ILLERT: Das ist ein gewisser Ausgleich. Zudem habe ich einen Arbeitgeber, der ein solches Engagement wenn nicht fördert, so doch duldet. Und ich habe eine sichere, unbefristete Stelle. Viele junge Leute mit Zeitverträgen wollen sich aus Furcht vor dem Arbeitgeber nicht in der Zeitung sehen. Man darf aber nicht übertreiben. Es muss halt noch genügend Zeit für Familie und Freunde bleiben.

Sie standen im Mai 2016 vor Gericht, weil Sie gegen die Abholzung des Bannwaldes in Langen für den Kiesabbau der Firma Sehring protestiert haben. Das Verfahren wurde gegen Zahlung von 500 Euro eingestellt. Lässt Sie so etwas verbittern oder macht es Sie noch stärker?

ILLERT: Weder noch. Ich hatte die Anzeige ja provoziert. Mir wurde beinahe ein Gefallen getan. Denn ohne das Strafverfahren wäre die einsame Aktion im Wald ohne jede Aufmerksamkeit geblieben. Natürlich soll die Strafanzeige davon abschrecken, das wieder zu machen. Noch mal genauso, das ging nicht. Jetzt wurde wieder gefällt, und ich habe legal mit einer Baummaske demonstriert. Das kam gerade bei jungen Leuten gut an.

Was war die heikelste Situation, in die Sie durch Proteste geraten sind?

ILLERT: Ich wurde bei „Stuttgart 21“ einmal verdächtigt, Polizeispitzel zu sein. Das war psychisch nicht angenehm. An der Startbahn West geriet ich am 11. Oktober 1981 in einen Knüppeleinsatz, wo direkt neben mir mehrere Leute einen Schädelbasisbruch erlitten haben.

Ihr Engagement und die Demonstrationen sind oft von starken Emotionen und auch intensiven Gemeinschaftserfahrungen begleitet. Dazu noch die langjährigen gemeinsamen Erfahrungen: Wie stark ist die „Protest-Romantik“ unter den Aktivisten, dieses „Weißt Du noch, damals…“?

ILLERT: Ein Problem, das ich dabei sehe ist, dass ich auch negative Emotionen entwickele und andere manchmal darunter leiden müssen. Etwa so, wenn Weltretter selber nicht mehr zu retten sind. Da muss gegengesteuert werden. Es gibt den schönen Spruch: Nur wer glücklich ist, kann glücklich machen. Ein wenig Romantik steht jeder und jedem zu. Das steht aber über jeder Politik.

Was brachte Sie zu Robin Wood? Gab es da ein augenöffnendes Erlebnis?

ILLERT: In einer Gruppe lässt sich mehr bewirken und mir war die Reflexion mit anderen, gerade jüngeren, über die eigenen Erfahrungen wichtig. Bei meiner Partei, den Grünen, spielte das kaum noch eine Rolle.

Konfliktfreudigkeit, der Mut sich zu wehren: Haben Sie das durch Ihr Elternhaus mitbekommen?

ILLERT: Meine Eltern haben das nicht gefördert, aber auch nicht unterbunden. Sie haben mir ein ethisches Rüstzeug mitgegeben. Dafür bin ich ihnen dankbar. Mein Vater hat gesagt: Mach was Du willst, aber mach nichts, was Dich später unglücklich macht.

Es heißt, man müsse etwas lieben, um es schützen zu wollen. Was war Ihr schönstes oder faszinierendstes Naturerlebnis?

ILLERT: Das war als Kind, als wir Jungs uns von den Schnaken stechen haben lassen und geguckt haben, wie deren Leiber rund wurden. Die kamen kaum mehr hoch. Das war eindrucksvoll. Wahre, schöne Liebe war das aber nicht.

Ist es schwieriger geworden, Menschen für Waldschutz-Aktionen zu begeistern?

ILLERT: Ja. Gerade junge Leute gehen heutzutage lieber gegen Braunkohle oder Massentierhaltung auf die Straße. Der Wald ist nicht so „in“ bei ihnen.

Woran mag das liegen – und was kann Robin Wood dagegen tun?

ILLERT: Gar nichts, warum sollte Robin Wood auch? Die Themen widersprechen sich nicht. Gerade sind Braunkohle-Klimaschützer hier im Wald und demonstrieren für den Wald hier – und auch gegen die Klimabelastung durch Flugzeuge. Die industrielle Tierproduktion verschlingt Unmengen Fläche und setzt Methan frei, vom Leiden der Tiere gar nicht zu reden.

Wo liegt denn dann das Problem?

Das sehe ich darin, dass ein ganz geringer Teil der Menschen aktiv wird und die meisten gar nicht. Das könnte daran liegen, dass manche wenig erfüllende Naturerlebnisse hatten und deshalb auch später weniger Verlusterlebnisse, die oft ein starker Antrieb sind. Wir waren früher jeden Nachmittag im Freien und haben im Bach gespielt, heute sind die Kinder in der Ganztagesschule.

Vereine klagen ja oft über Nachwuchssorgen. Inwiefern ist Robin Wood auch davon betroffen?

ILLERT: Sehr. Dazu kommt, dass viele junge Leute nicht mehr in Vereinsstrukturen, sondern autonom arbeiten wollen. Organisationen gelten erstmal als „uncool“. Robin Wood bietet immerhin angeleitete Praktikumsstellen, die schon eher als „cool“ gelten.

Vor 20 Jahren kletterte die amerikanische Aktivistin Julia Hill auf einen Mammutbaum und blieb zwei Jahre dort. Der Medienrummel war gewaltig. Wie haben Sie aus Robin-Wood-Sicht diese Aktion gesehen? Und was hat sie an Positivem bewirkt?

ILLERT: Ist das schon so lange her? Das war eine Spitzenaktion, ich habe ihren Blog über die „Friends of the Earth“-Seite mitverfolgt. Natürlich musste sie den richtigen Zeitpunkt finden, aufzuhören. Das ist oft schwieriger als eine Aktion zu starten. Ein Problem kann das Stellvertretertum sein. Viele sagen „Das kann ich nicht“. Und dann machen sie nichts. Zumindest nichts Positives. Dabei kann jede und jeder etwas, was niemand anderes kann.

Was sind Ihre „Protest-Vorbilder“ – und aus welchem Grunde?

ILLERT: Als Jugendlicher fand ich den Zeppelinheimer Naturschützer Ernst Böhm gut, der für den Gehspitzweiher gekämpft hat und kämpft. Weil er so konsequent war. Heute finde ich ihn übrigens immer noch gut.

In Hessen sind die Grünen seit Jahren an der politischen Macht beteiligt. Inwieweit ist diese Partei heute noch ein wertvoller politischer Verbündeter für Robin Wood?

ILLERT: Das ist kniffelig. Robin Wood kann viel unabhängiger agieren als eine politische Partei und muss etwas weniger Rücksichten nehmen. Dennoch ist sie auf politische und öffentliche Resonanz angewiesen.. Das Problem, seine Identität nicht zu verlieren, sondern immer neu zu finden, haben aber sowohl die Grünen als auch Robin Wood.

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