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Hohe Durchfallquoten: Fahrschullehrer im Interview: „Auswendiglernen reicht nicht mehr“

Fahrschüler fallen immer öfter durch die Führerscheinprüfung, 2017 erwischte es in der Theorie deutschlandweit 36,8 Prozent. Fahrlehrer Michael Zeiß, der eine Fahrschule in Babenhausen mit einer Partnerfiliale in Dietzenbach hat, verrät im Interview mit unserem Reporter Michael Forst, woran das liegt.
Tausende Fahrschüler begleitet ein Fahrlehrer in seinem Arbeitsleben bis zur Prüfung.  Symbolbild: dpa Foto: Gregor Fischer (dpa) Tausende Fahrschüler begleitet ein Fahrlehrer in seinem Arbeitsleben bis zur Prüfung. Symbolbild: dpa
Kreis Offenbach. 

Herr Zeiß, zum fünften Mal in Folge sind 2017 in Deutschland mehr Fahrschüler durch die Prüfung gefallen als im Vorjahr, welche Erklärung haben Sie dafür?

MICHAEL ZEIß: Zunächst einmal: Fahrlehrer werden langsam zur Mangelware. Ihr durchschnittliches Alter liegt bei deutlich über 50 Jahren. Es machen immer mehr Fahrschulen zu als nachrücken. In den Städten wie in Frankfurt oder Offenbach hingegen gibt es ein Überangebot. Da versucht man natürlich im Wettbewerb gut dazustehen. Das geht dann schnell in Richtung Massenabfertigung, es gibt Pauschalangebote für 980 Euro, die Schüler werden dann nach dem Motto „Friss oder stirb!“ in die Prüfungen geschickt.

Gibt es noch andere Gründe?

ZEIß: Ja. Wir erleben einen Wandel des Lernens von den klassischen Papier-Bögen mit den Aufgaben hin zur Computer-App. Da wählt man den Prüfungsmodus, macht 21 Fehler und fängt dann wieder von vorne an. Die Schüler sitzen nicht mehr im Klassenraum und arbeiten die Themen auch nicht mehr systematisch ab.

Den digitalen Wandel sehen Sie für das Autofahren lernen also eher als Fluch denn als Segen?

ZEIß: Richtig, und das zeigt sich noch anderer Stelle: In den Zeiten vor dem Smartphone hast du beim Autofahren mit deinen Eltern viel mitbekommen, gerade, wenn man vorne saß und direkt auf das Armaturenbrett und den Lenker gucken durfte. Das Kind hat live mitbekommen, wie Papa über andere Autofahrer schimpfte, wenn ihm die Vorfahrt genommen wurde. Das waren wertvolle, frühe Lektionen in Gefahren-Erkennung und – Wahrnehmung.

Und heute?

ZEIß: Heute sitzt der Nachwuchs auf der Rückbank, die Kinder holen ihr Smartphone raus und versinken in ihren Spielen ohne irgendwas vom Straßenverkehr mitzubekommen. Und die Eltern finden das auch noch gut, dass ihre Kinder ruhiggestellt sind. Später kommen sie in die Fahrschule und fangen dann nicht bei Null, sondern bei minus Fünf an.

Sie plädieren für eine bessere Lernkultur?

ZEIß: Genau. Denn Lernen heißt eben nicht nur, kurzfristig Dinge auswendig zu lernen. Sondern es bedeutet vielmehr auch, sie zu verstehen. Nur dann lässt sich das Wissen auch auf die Realität anwenden. Daran mangelt es heute bei den Schülern.

Zynisch betrachtet, ist eine hohe Durchfallquote doch gut für Ihr Geschäft, oder?

ZEIß: Es mag Kollegen geben, die das so sehen. In Wirklichkeit aber ist es doch so: Als Lehrer, auch als Fahrlehrer, tragen wir Verantwortung für die jungen Leute. Ironischerweise stehen uns leider die Eltern oft im Wege, jedenfalls jene, die ihre Kinder zu sehr behüten. Die lassen sie nichts mehr ausprobieren oder Fehler machen wie früher. Aber nur aus Fehlern lernt man.

Fahrschulen, auch in den ländlichen Gegenden, bieten häufig auch Ferienkurse an. Was ist davon zu halten?

ZEIß: Das ist ein zweifelhaftes Modell. Zweimal am Tag wird da der theoretische Unterricht angeboten, so dass die Schüler nach nur 14 Tagen ihren Unterricht voll haben, erst ein halbes Jahr später zur praktischen Prüfung kommen – und oft durchfallen. Die eigentlich vom Gesetzgeber gewollte Verzahnung von Theorie und Praxis fällt hier komplett weg.

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