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Barrierefreiheit an Bahnhöfen: Hier ist Endstation für Gehbehinderte

Am Bahnhof Walldorf ist das Gleis in Richtung Frankfurt nicht barrierefrei erreichbar. Doch auch der Bahnhof Mörfelden ist im Moment nicht barrierefrei, wenn Reisende aus Richtung Frankfurt ankommen.
Nihal Özdemir hofft, dass der Lift am Bahnhof Mörfelden bald wieder funktioniert. Bilder > Nihal Özdemir hofft, dass der Lift am Bahnhof Mörfelden bald wieder funktioniert.
Mörfelden-Walldorf. 

Zu seinem zehnjährigen Dienstjubiläum im August 2017 gab Bürgermeister Heinz-Peter Becker (SPD) dieser Zeitung ein Interview, in dem er neben Erfolgen auch Negatives reflektierte: „Ein frustrierendes Thema ist die von uns angestrebte Barrierefreiheit am Bahnhof, wenn man nach Frankfurt fahren möchte. Hier kommen wir leider bei der Bahn nicht weiter.“ Die Deutsche Bahn ist dafür zuständig, dass am Bahnhof Walldorf die Unterführung und der Mittelbahnsteig, wo die Züge in Richtung Frankfurt abfahren, barrierefrei erreicht werden können, was aber nicht der Fall ist.

Der Schriftverkehr der Stadt Mörfelden-Walldorf mit der Deutschen Bahn über das Thema ist inzwischen sehr umfangreich, hat aber noch immer zu keinem Ergebnis geführt, wie Bürgermeister Becker in dieser Woche darlegte. Vorsorglich wurden deshalb im Doppelhaushalt 2018/19 für Rechtsberatung und Verfahrenskosten insgesamt 50 000 Euro – jeweils 25 000 Euro pro Jahr – für eine mögliche Klage gegen die Deutsche Bahn eingestellt. Der Antrag war von den Regierungsfraktionen SPD, Freie Wähler (FW) und FDP eingebracht, aber auch von den Oppositionsfraktionen CDU, Grüne und DKP/Linke Liste (LL) unterstützt worden. Die Stadtverordnetenversammlung setzte hiermit ein Signal der Geschlossenheit in dieser Frage. Die Erfolgsaussichten einer Klage werden derzeit von der Stadt geprüft.

Untragbarer Zustand

Die Walldorfer Alexandros Sintichakis und Herbert J. („Jossy“) Oswald waren als Betroffene bereit, über die massiven Einschränkungen zu sprechen. „Wir werden ausgeschlossen. Doch es betrifft nicht nur uns. Auch Eltern mit Kinderwagen, Radfahrer, ältere Menschen mit Gehhilfen oder Reisende mit schwerem Gepäck haben ein Problem“, so Sintichakis. Für alle Gruppen ist der nicht barrierefreie Bahnsteig – in unterschiedlicher Form – ein untragbarer Zustand.

Ein Aufzug zum Gleis nach Frankfurt – das wäre eine denkbare Lösung – fehlt. Dazu sagt Jossy Oswald, der inzwischen aufgrund einer schweren Krankheit auf einen Rollstuhl angewiesen ist: „Ich sehe die Dinge heute als Betroffener auch anders als früher, mit einer ganz anderen Sensibilität.“ Schon ein Beinbruch könne dazu führen, dass jemand plötzlich auf Krücken angewiesen ist, nicht mehr selbst Auto fahren kann und öffentliche Verkehrsmittel benutzen muss.

Die ehrenamtliche Behindertenbeauftragte Lieselotte Körner, die dieses Amt seit rund einem Jahr ausübt, sagt: „Seit ich dieses Amt innehabe, hat sich auch mein Blick auf die Dinge verändert.“ Körner und Oswald haben sehr oft die Deutsche Bahn wegen dem Bahnhof Walldorf vergeblich kontaktiert. Laut Körner wurde seitens der Bahn argumentiert, für eine Stadt der Größe von Mörfelden-Walldorf sei ein barrierefreier Bahnhof in Mörfelden ausreichend. Das ist nicht nur für Körner, sondern vor allem für die Betroffenen indiskutabel. Es ist für die Walldorfer sehr zeit- und kraftraubend, erst in die Gegenrichtung nach Mörfelden zu fahren und dort umzusteigen, um nach Frankfurt zu kommen. Erschwerend kommt aktuell hinzu: Der Bahnhof in Mörfelden ist derzeit gar nicht barrierefrei.

Video-Überwachung

Seit vielen Wochen ist der Lift defekt, der am Bahnhof Mörfelden zum Gleis führt, wo die Züge aus Walldorf und Frankfurt ankommen und in Richtung Riedstadt-Goddelau und Groß-Gerau-Dornheim abfahren. Für den defekten Aufzug, der nicht zum ersten Mal ausgefallen ist, ist die Deutsche Bahn zuständig. Körner und die Stadt haben auch hier mit der Bahn Kontakt aufgenommen, aber bislang noch kein gesichertes Datum zur Instandsetzung erhalten können. Um das Vandalismus-Problem beim Lift in den Griff zu bekommen, hat die Stadt laut Auskunft vom Ersten Stadtrat Burkhard Ziegler (Freie Wähler) eine Video-Überwachung angeregt. Beschädigungen am Fahrstuhl sollen so vorgebeugt oder diese aufgeklärt werden, was die Deutsche Bahn jedoch bislang abgelehnt hat.

Helga Hechler, die auf eine Gehhilfe angewiesen ist, betont: „Ich kann den Bahnsteig gar nicht mehr nutzen, wenn ich keine Hilfe bekomme“. Wer derzeit aus Frankfurt in Mörfelden am Bahnhof ankommt oder nach Groß-Gerau-Dornheim fahren will und eine Gehhilfe oder Rollstuhl benötigt oder schwere Koffer dabei hat, hat ein Problem. Laut Helga Hechler hat der Aufzug im Januar wenigstens für einige Tage wieder funktioniert. Von dieser kurzen Zeitspanne abgesehen, ist der Lift aber schon seit Dezember defekt.

Nihal Özdemir ist ebenfalls durch den defekten Aufzug sehr eingeschränkt. Auch sie war kürzlich am Bahnhof Mörfelden mit ihrer Tochter auf Hilfe von Dritten angewiesen: „Ich habe selbst eine 60-prozentige körperliche Behinderung. Aber meine Tochter trifft es noch viel härter, sie ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie kann ohne Barrierefreiheit am Leben nicht voll teilnehmen.“ Die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen ist in der UN-Behindertenrechtskonvention übrigens ausdrücklich festgehalten. Özdemir und Hechler hoffen, dass der Fahrstuhl endlich repariert wird.

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