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Jan Sagmeister alias Eismann: "Hip-Hop ist für mich wie eine Religion"

Hip-Hop gilt als Spiegel der Gesellschaft. Der Rüsselsheimer Jan Sagmeister nimmt das ernst und thematisiert in seinen Liedern immer wieder seine Heimatstadt.
Eismann rappt über den Dächern Rüsselsheims. Eismann rappt über den Dächern Rüsselsheims.
Rüsselsheim. 

Jan Sagmeister war dabei, als die Sache mit dem Hip-Hop in Deutschland so richtig losging. Als die Beats und Rhymes, Graffiti und Breakdance aus New York nach Deutschland schwappten und die Erwachsenen den Kopf schüttelten und Jang Sagmeister fragten: „Das soll Musik sein?“ Er sagt: „Mich hat die Musik damals umgehauen.“

30 Jahre ist das her, längst ist Hip-Hop das erfolgreichste Musikgenre auf der Welt, und Jan Sagmeister kann selbst auf eine bewegte Karriere als Rapper zurückblicken. im Jahr 1991 hat er seine erste Kassette veröffentlicht, vor rund vier Wochen sein neuestes Video aufgenommen. Zeit, diese Rüsselsheimer Musik-Karriere mal ein bisschen Revue passieren zu lassen.

Alles selbst beigebracht

30 Jahre am Zeitstrahl entlangrattern: Jan Sagmeister, der sich als Rapper Eismann nennt, hat viel zu erzählen: „Wir waren damals in Rüsselsheim ja hautnah dabei“, sagt Jan Sagmeister. Viele Amerikaner hätten sich hier aufgehalten, hier gefeiert, ihre Musik gehört, eigene Musik produziert: „Das hat mich damals total angefixt.“

Jan Sagmeister versuchte sich selbst an rudimentären Beats, rappte ein bisschen. „Ich habe zunächst Texte von Vorbildern abgeschrieben, geschaut, wie die das so machen. Wir hatten ja niemanden, der uns das zeigt. Wir mussten uns alles selbst beibringen.“ Dann ging es los mit deutschen Texten. Die Fantastischen Vier waren gerade erfolgreich, in Frankfurt sorgte Moses Pelham für Furore. Und in Rüsselsheim, da war nun Jan Sagmeister am Start. Und mit seiner Combo Lyrischer Widerstand ging es dann schon bald durch die Decke.

Bei einem regionalen Wettbewerb ergatterte die Gruppe 1996 eine professionelle Studio-Aufnahme, kollaborierte mit zwei weiteren lokalen Gruppen. Die Platte „Nordseite 50. Breitengrad“ wurde zwar ohne Unterstützung eines bekannten Labels veröffentlicht, doch der damals ziemlich angesagte Musik-Sender Viva wurde auf die Gruppe aufmerksam. Ein Video wurde veröffentlicht, Interviews vor der Kamera folgten. „Das war schon der Wahnsinn“, sagt Jan Sagmeister. „Am nächsten Tag haben mich in Rüsselsheim alle auf der Straße erkannt.“

Es folgten Auftritte auf großen Festivals, Konzerte in den Niederlanden. „Das Telefon hat damals nicht stillgestanden“, sagt Jan Sagmeister. „Ich konnte von der Musik leben.“ Reich geworden sei er damals nicht, man habe schließlich viel Geld für Technik ausgegeben, um sich weiterzuentwickeln und besser produzieren zu können.

Die Welt stand Kopf

1997 wurde sein Sohn geboren, und die Welt stand Kopf. „Ich konnte auf einmal nicht mehr so locker reisen. Mein Sohn war da, ich hatte eine neue Verantwortung.“ Jan Sagmeister legte die Rap-Karriere auf Eis, heuerte als Verkäufer im Einzelhandel an. „Ich musste ja sehen, dass der Kühlschrank voll war. Das wurde wichtiger als die Musik.“

Aber einmal Hip-Hop, immer Hip-Hop: „Das ist für mich wie eine Religion“, sagt der 45-Jährige. „Mein ganzes Leben ist auf Rapmusik ausgerichtet.“ Und so folgt er dem ungeschriebenen Gebot des Genres: „Hip-Hop hat mir alles gegeben, also gebe ich ihm nun etwas zurück!“ Jan Sagmeister hat ein eigenes Studio, das „Eislabor“. Dort nimmt der Rapper auf, er gibt Workshops und spricht über das Rappen.

Und so lernt er immer noch viel über seine Stadt kennen, in der er schon sein gesamtes Leben lebt: „Rüsselsheim ist eine gute Stadt. Viele Rüsselsheimer Rapper sagen, sie kämen aus Frankfurt. Das kann ich nicht verstehen.“ Er nimmt derzeit viel Frust unter Jugendlichen wahr: „Sie brauchen Perspektiven, doch gibt die Stadt wenig.“ Man brauche sich nicht zu wundern, wenn die Jugendlichen in Einkaufszentren ältere Leute anpöbelten: „Schafft Perspektiven!“, ruft er den Politikern zu. Es gehe nicht um einen neuen Marktplatz, der nach einigen Jahren schon wieder renoviert werden müsste: „Es sollte in erster Linie um die Menschen gehen, die hier leben“, sagt Jan Sagmeister. Seine Vision: „Die Rüsselsheimer Rap-Szene zusammenzubringen.“

Es klingt, als habe er seine Rolle als Elder Statesman des Rüsselsheimer Hip-Hops gefunden. Unter seinem neuen Video schreibt ein Fan: „Eismann ist Rüsselsheims Hip-Hop-Babo.“ Und er selbst sagt: „So lange ich nicht klinge wie ein Jugendlicher, dann ist alles okay.“ Eine neue Platte ist in Arbeit, Texte sind geschrieben. Jan Sagmeister hat noch einiges zu sagen.

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