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Laufereignis: Hugenottenlauf im Selbsttest: Professionelle Organisation trifft auf Sportspaß pur

Die Zehn-Kilometer-Strecke beim Hugenottenlauf aus dem Stand heraus, so ganz ohne Training, in Angriff nehmen? Wahrscheinlich keine gute Idee. Reporter Michael Forst hat es dennoch gewagt – und dabei den Sportsgeist und das besondere Flair des größten Laufereignisses der Stadt eingeatmet. Und festgestellt, wie motivierend ein Pferdeschwanz sein kann.
Traumstart am Sportpark: Reporter Michael Forst (Mitte) lässt sich von der Begeisterung in der Alicestraße anstecken. Traumstart am Sportpark: Reporter Michael Forst (Mitte) lässt sich von der Begeisterung in der Alicestraße anstecken.
Neu-Isenburg. 

Wo sonst, gibt’s denn bitte so was? Sonntagmorgen, 8 Uhr, und die halbe Hugenottenstadt ist schon auf den Beinen. In den Straßen rund um den Sportpark ist die Parkplatzsuche längst zum hoffnungslosen Unterfangen geworden. Dafür flitzen überall Läuferbeine und bunte Trikots hin und her. Hier wird ein Power-Gel aufgerissen und aufgesaugt, dort die Haut mit Sonnencreme einmassiert, drüben die Schnürsenkel mit einer Doppelschleife startklar gemacht: Vorbereitung auf das größte Laufereignis von Neu-Isenburg – übrigens mit genügend Strahlkraft, um auch Läufer aus den USA oder Irland anzulocken.

Segen von Sonne und Hunkel

9.25 Uhr: Die Sonne von oben und Bürgermeister Herbert Hunkel an der Startpistole geben ihren Segen. Traumstart für die Zehn-Kilometer-Läufer, nachdem eine halbe Stunde zuvor die Halbmarathon-Athleten auf die Strecke gegangen sind. Die Sportbegeisterten tragen entweder Trikots ambitionierter Traditionsvereine wie Spiridon Frankfurt – oder laufen locker unter der Flagge von Spaßgemeinschaften, die auf fröhliche Namen wie „Turbine Besenwagen“ hören.

Auch in „Schnecken69“, meiner losen Laufgemeinschaft, zu der sonst noch zwei heute verhinderte Kolleginnen gehören, drücken sich das Baujahr und der sportliche Anspruch aus. Was sonst kokett klingen mag, ist diesmal ernst gemeint: Nach langer Trainingsabstinenz will ich nur ankommen. Na gut: Ein bisschen Spaß haben, wäre auch schön.

Der stellt sich, wie ich bald herausfinde, beim Hugenottenlauf von selber ein: Der professionellen, punktgenauen Organisation sei es gedankt. Von den freundlichen Helfern bei der Startnummern-Vergabe über die klare Streckenführung bis hin zu den beiden Verpflegungsstationen unterwegs, die sogar auf Schildern angekündigt werden, ist alles ein nettes Rundum-Sorglos-Paket. Um nichts – außer dem Laufen – muss sich der Sportler hier einen Kopf machen.

Trommelnde Unterstützung

Vor der langen Waldpassage über angenehm weichen Boden im schützenden Schatten von Eichen und Buchen haben die Organisations-Götter allerdings den harten Asphalt der Isenburger Straßen gesetzt. Über den werde ich jedoch förmlich getragen durch die Anfeuerung vieler Passanten – und vom Trommelfeuer der kleinen Buben Anwar und Kamal eingangs der Bahnhofstraße – der eine haut auf seine Bongos, der andere auf einen Pappkarton.

Grün grüßt rechter Hand der Waldspielpark Tannenwald, unser Pulk biegt links auf die Friedensallee ab. Ich halte mich an einen in früheren Volksläufen erprobten Trick: Mitläufer auf ähnlichem Leistungslevel ausgucken und an ihnen dranbleiben. Ich entscheide mich für einen jungen Mann mit riesigen Kopfhörern und blauem Muskelshirt als persönlichen „Hasen“. Zwei Minuten später, und das Muskelshirt ist nur noch ein blauer Punkt vor mir am Horizont – dumm gelaufen.

Kurz bevor es in den Stadtwald geht, sind zwei Kilometer zurückgelegt, zwölf Minuten vergangen: So genau weiß es die sprechende Lauf-App von Sabine Klein aus Zeppelinheim – und damit auch alle Sportler, die in ihrer Nähe laufen. „Wie praktisch: Bei Dir bleibe ich jetzt!“, ruft ihr eine junge Frau zu.

Wer braucht schon Berlin?

Auch das zeichnet den Neu-Isenburger Volkslauf aus: Wer dafür genügend Puste übrig hat, ist per Sportler-Du sofort mit anderen Läufern im Gespräch. „Das ist heute mein 18. Hugenottenlauf“, verrät Roman Dackermann vom Lauftreff Neu-Isenburg und nennt die Vorzüge des Heimspiels: „Du kannst zwischen drei Distanzen wählen – und die halbe Stadt ist da“. Der erfahrene Läufer mit 30 Marathons unter den Schuhen berichtet, dass er heute bewusst dem Hugenottenlauf gegenüber dem parallel stattfindenden Berlin-Marathon den Zuschlag gegeben habe. „Das bin ich der Stadt schuldig.“

Sportsgeist und Fairness laufen mit: Eine ältere Dame strauchelt über eine Baumwurzel. Sofort sind drei helfende Armpaare um sie herum, um sie behutsam aufzurichten. Ein Mit-Läufer versorgt die Schürfwunde mit einem Pflaster. „Alles in Ordnung? Geht es wieder?“ Die Dame hebt den Daumen hoch: „Ich danke euch!“

Wer denkt, auf der langen Waldpassage der Strecke gebe es statt menschlicher Anfeuerung nur noch ermunterndes Vogelzwitschern, irrt: An einer Ecke stehen Jan, Erhan und Enes von der Jugendfeuerwehr Neu-Isenburg in ihren blauen Uniformen und klatschen sich vom ersten bis zum letzten Läufer die Hände wund.

Auf Zack sind auch die Helfer an den Verpflegungsstationen mit ihren Wasserbechern und anderen Stärkungen: „Bananen, frische Bananen“, preist ein junger Mann seinen vitaminreichen Energiespender mit der Inbrunst eines orientalischen Marktschreiers an.

Etwa von Kilometer sieben an rächt sich das fehlende Training: Ein Krampf klopft an der Oberschenkelmuskulatur an, kann aber mit einer hastig eingeworfenen Magnesiumtablette verscheucht werden. Die Wahrnehmung verengt sich zunehmend. Kein Ohr mehr für das Waldgeflüster, nur noch für das Stakkato des eigenen Herzschlags und des lauter werdenden Keuchens. Meine Augen fixieren den rhythmisch vor mir hin und her schwingenden Pferdeschwanz einer Läuferin. „Lauf, Schnecke, lauf!“, scheint er mir zuzurufen. Durch den Wald dringt schon die Stimme des Stadionsprechers im Sportpark. Ich halte durch. Ich komme an. Und, ja: Ich habe Spaß!

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