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Kletteraktivistin ist einfach frech

Weil Cécile Lecomte aus politischem Protest auf Bäume klettert, ist sie als „Eichhörnchen“ bekannt geworden. Über diesen Alltag hat sie ein Buch geschrieben. Wird sie verklagt, vertritt sie sich selbst.
Cécile Cécile
Mörfelden-Walldorf. 

„Kommen Sie runter!“ – diesen Satz hat Cécile Lecomte schon oft gehört. Sie ist eine Kletteraktivistin, die schon viele Male von der Polizei aufgefordert wurde, ihren Platz in Baumkronen oder über Bahnstrecken aufzugeben. „Während ich einige Stunden da oben saß, habe ich angefangen zu schreiben“, erzählte sie vor ihrer Lesung in Mörfelden.

Rund 20 Gäste waren in den Clubraum des Bürgerhauses gekommen. Aus der Zettelsammlung wurde schließlich ein Buch, in dem sie zahlreiche Kurzgeschichten und Texte sammelte, die sich alle um ihre Aktionen drehen. „Eichhörnchen“ wird sie wegen ihrer Kletteraktivitäten auch genannt. „Einfach frech sein“ heißt das erste Kapitel des Buches. „Das Ziel ist, dem Atomstaat auf der Nase herumzutanzen“, sagte Lecomte.

Hilflose Polizei

Die erste Geschichte, die sie vorlas, drehte sich um einen Atomtransport, den sie viele Stunden aufhielt. Sie hatte sich in rund zwölf Metern Höhe über einer Bahnstrecke in Position gebracht. Die Polizei war erst einmal hilflos. Sie hatte zwar alles dabei, um Demonstranten, die sich an Schienen ketten, mit Seitenschneidern wieder von den Gleisen zu trennen. Aber eine über der Strecke hängende Aktivistin war nicht vorgesehen. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk – alle scheiterten. Erst ein eigens eingeflogenes Spezialteam der Bundespolizei konnte Lecomte auf den Boden zurück holen.

Rund sechs Stunden stand der Zug, bevor er weiterfahren konnte. Die Staatsanwaltschaft versuchte mit einer ganzen Reihe von Anklagen, die Aktivistin für diese Aktion zu bestrafen. „Aber der Luftraum über den Gleisen ist nicht gesetzlich geregelt“, sagte das „Eichhörnchen“, das sich in der Regel selbst verteidigt. Auch wenn sie kein Jurastudium hat, habe sie sich mittlerweile ein fundiertes Rechtswissen angeeignet. In der ersten Instanz folgte ein Freispruch. Die Staatsanwaltschaft ging in Berufung. Heute, sechs Jahre später, ist das Verfahren auf Staatskosten eingestellt.

Einsatz aus Überzeugung

Zu ihren Texten hatte Lecomte auch Fotos der Aktionen und einen kurzen Film mitgebracht. Dazu lieferte sie Hintergrundinformationen. So zum Beispiel jene, dass Jürgen Trittin in seiner Amtszeit als Bundesminister für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, die Erweiterung einer Aufbereitungsanlage für Atommüll genehmigt hatte. Oder über das Verhalten der Polizei. Während die „Klettereinheit“ der Bundespolizei und sie sich recht gut kennen und offensichtlich fair miteinander umgehen, ist das bei anderen Polizisten nicht so. Sie wurde sogar von einer Polizistin erfolglos auf Schmerzensgeld verklagt. Diese hatte sich verletzt, als sie Lecomte wegtragen wollte.

Es war faszinierend, der Aktivistin zuzuhören. Egal ob Braunkohleabbau, Atommülltransport, Abholzungen für neue Landebahnen wie in Kelsterbach – sie ist fast immer dabei. Oft kann sie Erfolge verbuchen. Und obwohl sie an Rheuma leidet, klettert sie weiter.

(khn)
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