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Bestattung: Neue Ruhestätte für alte Knochen

In einer würdevollen Zeremonie wurden am Sonntagnachmittag Knochen alter Mörfelder an der evangelischen Kirche wieder beigesetzt. Die Funde stammten aus einem Mörfelden einer ganz anderen Zeit.
Der „Theatertrupp“ des Mörfelder Museums steht in historischen Kostümen vor dem Leichenwagen von 1898. Der „Theatertrupp“ des Mörfelder Museums steht in historischen Kostümen vor dem Leichenwagen von 1898.
Mörfelden-Walldorf. 

Bei der Verlegung neuer Erdkabel waren Bauarbeiter 2012 und 2017 im Bereich des alten Kirchhofs, Richtung Langgasse, auf viele alte Skelettknochen gestoßen. Ein anthropologisches Gutachten wurde angefertigt. Dieses zeigte, wie dicht belegt der zwischen 1232 und 1651 als Friedhof genutzte alte Kirchhof war.

Neben neuen theologischen Ansätzen aufgrund der Reformation (machten alleine räumliche und hygienische Gründe einen Friedhof außerhalb der Ortschaft zwingend notwendig. Das galt erst recht aufgrund der vielen Toten im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) und wegen der grassierenden Pest. In Mörfelden wurde deshalb 1651 außerhalb der damaligen Ortsgrenzen ein neuer Friedhof angelegt. Dieser befand sich im heutigen Stadtpark.

Es ist nicht exakt feststellbar, aus welchem Jahr die Knochen stammen, doch sie dürften etwa 400 Jahre alt sein. Sie gehörten zu mindestens 74 Menschen. In ihrer Predigt vor der Beisetzung betonte die evangelische Pfarrerin Andrea Schätzler-Weber von der evangelischen Kirchengemeinde Mörfelden: „Nur wenig können uns ihre Gebeine erzählen – es sind Erinnerungen an eine lang vergangene Zeit und doch auch an unsere ganz eigene Geschichte. Sie sind uns fremd und doch fühlen wir uns ihnen verbunden.“

Niedriges Alter

Auch die Todesursachen können 400 Jahre später nicht mehr festgestellt werden. Schätzler-Weber: „Wie und wann sind sie verstorben – in den schweren Jahren des Dreißigjährigen Krieges, in dem das Elend schier kein Ende nehmen sollte oder davor?“ Bei aller Ungewissheit erzählen die alten Knochen viel über das Leben vor rund 400 Jahren in Mörfelden. So wurden Frauen im Durchschnitt nur 28 bis 30 Jahre alt.

Die Sterblichkeit bei Geburten war unvorstellbar hoch. Männer hatten daher, im Gegensatz zu heute, eine höhere Lebenserwartung. Diese lag den Knochen nach zu urteilen im Durchschnitt aber auch gerade mal bei etwa 35 Jahren.

Rund die Hälfte der Kinder starb im Kindesalter, davon viele direkt bei oder kurz nach der Geburt. Die Mundhygiene war auffallend schlecht, Zahnverlust verbreitet. Arthrose-Erkrankungen und Abszesse waren die Regel. Unter den einfühlsamen Worten Schätzler-Webers wurden die Knochen dieser unbekannten Menschen nun wieder neben der evangelischen Kirche in der Langgasse in Mörfelden beigesetzt: „Gott, du schenkst das Leben und hebst es auf, wenn es zu Ende geht.

Wir denken vor dir an die Menschen, die früher hier in diesem Ort gelebt haben, die hier auf diesem Kirchhof begraben wurden. Bei dir sind sie geborgen und wir wollen ihren sterblichen Hüllen nun auch wieder Frieden geben. Amen.“

Infotafeln enthüllt

An der Zeremonie, die unter der Leitung von Philipp Küchler vom Posaunenchor der evangelischen Kirche Mörfelden musikalisch begleitet wurde, nahmen schätzungsweise 60 bis 70 Menschen teil. Für deren Verpflegung nach der Beisetzung mit Kaffee und Kuchen oder Apfelwein hatte die evangelische Frauenhilfe gesorgt.

Neben der Grabstelle wurden zudem von Bürgermeister Heinz-Peter Becker (SPD) zwei neue Infotafeln enthüllt, die über die Geschichte des alten Mörfelder Kirchhofes sowie über die des örtlichen Beerdigungswesens aufklären.

Die Stadt Mörfelden-Walldorf, das Evangelische Zentrum für Interkulturelle Bildung (EZIB) und der Hospizverein Mörfelden-Walldorf waren die Ausrichter der Veranstaltung. Vor allem Cornelia Rühlig (Heimatmuseum Mörfelden), Kristin Flach-Köhler (EZIB) und Cornelia Sengling (Hospizverein) hatten sich stark engagiert.

Vor der würdevollen Bestattung der Gebeine und der Predigt Schätzler-Webers hatte Cornelia Rühlig als Moderatorin durch verschiedene Theaterszenen in der evangelischen Kirche geführt, zu denen sie auch die Texte vorbereitet hatte.

Die Mitwirkenden vom „Mörfelder Theatertrupp“ – Anita Dammel-Schäffer, Uwe Harnisch, Anke Knodt, Bernd Konradi, Katja Scherer, Gerd Schulmeyer und Dagmar Sensche – brachten dem anwesenden Publikum längst vergangene Zeiten bildlich und sprachlich nahe.

Gleiches galt für den Leichenwagen von 1898, der vor der Kirche vom Heimat- und Museumsverein Nauheim zur Besichtigung zur Verfügung gestellt und dessen Geschichte von Mitgliedern des Heimatvereins ausführlich erläutert wurde.

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