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U-Boot-Fahrer, Physiker, Hobbymaler: Oleksiy Dolinskyy kennt das Meer in allen Facetten

Oleksiy Dolinskyy kann viele Geschichten erzählen. Im Alter von 20 Jahren ging er zur Marine und wurde U-Boot-Fahrer. Doch das Meer steht auch bei seinem großen Hobby im Mittelpunkt: dem Malen.
Auf einem baugleichen Atom-U-Boot war Oleksiy Dolinskyy in der Ukraine für die Pazifische Flotte tätig. Fotos durfte er keine aufnehmen. Deshalb zeigt er das Boot im Internet. Bilder > Foto: Mara Paul Auf einem baugleichen Atom-U-Boot war Oleksiy Dolinskyy in der Ukraine für die Pazifische Flotte tätig. Fotos durfte er keine aufnehmen. Deshalb zeigt er das Boot im Internet.
Mörfelden-Walldorf. 

Ohne Radio, Fernseher, Telefon und Zeitung. Abgeschnitten vom Rest der Welt. Der in dem kleinen Dorf Rostovskiy in den weiten Steppen von Kasachstan geborene und als Sechsjähriger in die Ukraine umgezogene Oleksiy Dolinskyy hat sich all seine Kindheitsträume erfüllt. Als U-Boot-Fahrer sah er das Meer und bereiste es – er wurde Physiker und malt obendrein.

Zu den schönsten Motiven des 55-jährigen Ehemanns, Vaters einer erwachsenen Tochter und zweifachen Großvaters zählt das wogende Meer in verschiedenem Licht mit eindrucksvollen Schiffen. Wer malt, der weiß, dass die Darstellung von Wellen zu den größten Herausforderungen eines Künstlers zählt. In seinen Ölgemälden verarbeitet Dolinskyy Erinnerungen an seine Zeit als U-Boot-Fahrer im Pazifischen Ozean. Diffizile Pinselstriche erzählen kleine Geschichten großer Gefühle der ukrainischen Seele.

Schönheit und Stärke

Die grau-grünen und ausdrucksstarken Augen des schmalen Mannes schweifen in die Ferne. Seine Militärzeit habe er mit keinerlei Fotos dokumentieren dürfen. An seinem Laptop ruft er das Bild eines U-Boots auf, das baugleich mit jenem ist, auf dem er sich einst befand. Lediglich ein Foto, das ihn als 20-jährigen Matrosen zeigt, ist ihm geblieben.

1998 kam Dolinskyy nach Deutschland. Vor zehn Jahren zog er von Darmstadt nach Mörfelden. „Schiffe und Meer, das waren immer meine Kindheitsträume. Ich wurde weit weg vom Meer geboren.“ Seine Schönheit und Stärke zogen ihn mit magischer Kraft an. „Im Meer liegt ein Geheimnis“, sagt er.

Dolinskyy war von 1981 bis 1984 U-Boot-Fahrer für die Pazifikflotte des Marinestützpunkts Wladiwostok. Sie war eine von vier Flotten der Sowjetunion. „Gott hat mich das Meer treffen lassen und meinen Kindheitstraum erfüllt.“ Als 18-Jähriger, gleich nach der Schule, wurde er für drei Jahre zum Militärdienst verpflichtet. Die Eltern reagierten ohne Aufregung, zumal Dolinskyys Vater ebenfalls als Matrose auf einem Kriegsschiff in Wladiwostok gedient hatte.

Zwischen Raketensilos

So wurde der junge Mann sechs Monate in einer Militärbasis in Sewastopol ausgebildet und der Marine zugeteilt. Zunächst wurde er Taucher für Rettungseinsätze, bevor er in der Nähe von Wladiwostok dem Atom-U-Boot „K 523“ zugewiesen wurde. Dort unterrichtete er Matrosen in den Feldern Notfallrettung, Brandbekämpfung, Überflutung des U-Boots, Fluchtmöglichkeiten, die Beseitigung von Löchern im Rumpf und Schutzausrüstung. Außerdem fungierte er als Taucher, bereitete Tauchfahrzeuge für seine Kameraden vor und untersuchte das U-Boot im Wasser.

Die Atmosphäre darin sei bedrückend wie in dem berühmten Film „Das Boot“ – mit dem Unterschied, dass das voll belagerte Atom-U-Boot mit zwei Stockwerken und 132 Metern Länge größer sei als das im Film gezeigte Diesel-U-Boot. Bei seinem ersten Tauchgang empfand Dolinskyy Angst. „Meine Psyche war stark belastet. Es war deprimierend.“ Das Team auf dem U-Boot bestand aus rund 120 Männern, darunter ein Arzt. Sie teilten sich den Raum mit 16 Raketen und jeweils zehn Atombomben. Eine Intimsphäre gab es an Bord nicht. Zum Schlafen mussten sich Matrosen zwischen den Raketensilos mit ihren Matratzen einen Platz suchen. Die Männer wechselten sich ab.

Wo sich das U-Boot jeweils befand, wusste Dolinskyy während seiner Tauchgänge von bis zu zwei Monaten und in 300 Metern Tiefe nicht. „Das war streng geheim.“ Es sei eine Zeit voller Melancholie gewesen, „wie im Gefängnis“. Sie lehrte den Matrosen, die Sonne und Felder, Bäume und frisches Obst zu schätzen – nach einer gewissen Zeit, wenn frische Lebensmittel aufgebraucht waren, gab es an Bord nur noch Konserven.

Als er nach seinen Tauchgängen erstmals wieder frische Luft atmete, litt er unter starkem Schwindel. Während Dolinskyys Ära als U-Boot-Fahrer starben etwa 100 Männer, unter anderem, weil sie kurz nach dem Auftauchen Sport betrieben.

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