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Michaelisdorf: Psychoanalytikerin berichtet über ihre Arbeit in Erstaufnahmestelle für Geflüchtete

Am schwierigsten sei es, jenen zu helfen, die verstummt sind, sagte Marianne Leuzinger-Bohleber. Die Professorin und Psychoanalytikerin arbeitet im Michaelisdorf in der Erstaufnahme für Geflüchtete in Darmstadt und berichtete von ihren Erfahrungen.
Prof. Marianne Leuzinger-Bohleber (rechts) berichtete im Mörfelder Heimatmuseum über ihre Arbeit im Michaelisdorf in Darmstadt. Prof. Marianne Leuzinger-Bohleber (rechts) berichtete im Mörfelder Heimatmuseum über ihre Arbeit im Michaelisdorf in Darmstadt.
Mörfelden-Walldorf. 

Weltweit sind laut UN mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Viele fliehen hierbei vor Kriegen, andere vor Hunger, Wassermangel oder dem Klimawandel. Nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge lebt in Europa. Häufig sind es gerade arme Länder in Asien oder Afrika, die Geflüchtete in großer Zahl aufnehmen. Doch auch bei den Geflüchteten, die im relativ sicheren Europa leben, ist damit noch längst nicht alles gut. Gerade jene, die aus Kriegsgebieten fliehen mussten, haben oft Schreckliches erlebt. Nicht wenige haben mit schweren Traumata zu kämpfen.

Das Michaelisdorf in der Erstaufnahmestelle für Geflüchtete in Darmstadt leistete hier in einem bundesweit einmaligen Pilotprojekt einen wichtigen Beitrag, traumatisierten Menschen aus Kriegsgebieten zu helfen. Das Projekt unter dem Titel „Step by Step“ lief offiziell im April 2017 aus, viele Ehrenamtliche engagieren sich aber weiterhin. Die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber referierte am Sonntagabend unter dem Titel „Wie kann man das Trauma der Flucht bewältigen?“ über ihre Arbeit im Michaelisdorf vor rund 30 Zuhörern im Heimatmuseum Mörfelden. Sie hat das Darmstädter Michaelisdorf an führender Stelle mit aufgebaut und 2016/17 geleitet. Außerdem war Leuzinger-Bohleber 15 Jahre lang die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts für Psychoanalyse in Frankfurt gewesen.

Opfer von Verbrechen

Im Publikum saßen viele ehrenamtliche Helfer aus der Doppelstadt, die Geflüchtete unterstützen. Auch Bürgermeister Heinz-Peter Becker (SPD) war gekommen. Nach einer kurzen Begrüßung durch die Museumsleiterin und Gastgeberin Cornelia Rühlig übernahm die Journalistin Ulrike Holler die Moderation der etwa anderthalbstündigen Veranstaltung mit der Professorin.

In ihrem Vortrag ging Leuzinger-Bohleber ausführlich und offen auf ihre Erfahrungen ein. „Die Arbeit hat mich an meine Grenzen gebracht“, sagte sie. Trotz ihrer umfangreichen Erfahrung machte sie deutlich, dass die schrecklichen Erlebnisse der Geflüchteten auch sie betroffen machen. Viele seien Opfer oder Zeugen sadistischer Verbrechen oder furchtbarer Kriegshandlungen geworden. Die Erinnerungen holten die Betroffenen immer wieder ein. Sie wies die ehrenamtlichen Helfer darauf hin, dass ihre Arbeit bewundernswert sei, aber nicht jeder mit diesen Erlebnissen umgehen könne. Niemand solle sich selbst überfordern. Dennoch tun ehrenamtliche Helfer genau das Richtige, indem sie tätig werden, so die Professorin: „Zu viele Menschen sehen einfach weg und wollen das Elend um sie herum nicht wahrnehmen.“

Mit dem Trauma leben

Über Traumata nach schrecklichen Erlebnissen führte Leuzinger-Bohleber aus: „Man ist nicht mehr die gleiche Person wie zuvor. Das kann man auch nicht mehr werden. Aber man kann lernen, mit dem Trauma zu leben.“ Diesen Ansatz verfolgte auch das Darmstädter Michaelisdorf. Auch wenn Leuzinger-Bohleber hierbei der Politik dankte, ohne deren Unterstützung es kein Michaelisdorf gegeben hätte, so machte sie doch deutlich, dass natürlich noch mehr getan werden müsse. Das Michaelisdorf gleiche sonst „einem Tropfen auf dem heißen Stein“.

Leuzinger-Bohleber lobte aber, dass nun neue psychosoziale Beratungsstellen, unter anderem auch in Darmstadt, entstehen sollen, die auch dringend notwendig seien. „Die Beratungsstellen können nur erste Schritte ermöglichen, um mit den Traumata klarzukommen. Aber diese Schritte sind sehr wichtig“, so die Professorin. Die Bewältigung eines Traumas kann sehr unterschiedlich erfolgen, denn alle Schicksale der Geflüchteten sind individuell verschieden.

„Am schwierigsten ist es meistens, jenen zu helfen, die verstummt sind“, so die Professorin. Nicht selten besteht in diesen Fällen eine erhöhte Suizidgefahr.

Viele ehrenamtliche Helfer aus Mörfelden-Walldorf – in der Doppelstadt leben derzeit etwa 600 Geflüchtete – berichteten im Anschluss an den Vortrag über ihre Erfahrungen. Auch sie haben Traumata bei manchen Geflüchteten aus Kriegsgebieten erlebt.

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