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Vortrag in Kelsterbach: Psychologe erklärt: "Das Gehirn ist keine Festplatte"

Von Ins Gehirn passt umso mehr rein, desto mehr bereits drin ist, sagt der Psychologe und Mediziner Manfred Spitzer. Sein Vortrag im Fritz-Treutel-Haus bot eine Menge erstaunliche Erkenntnisse – und das humorvoll verpackt.
Kaum ein Stuhl blieb leer: Rund 400 Zuhörer waren zu einem Vortrag über die digitalen Medien ins Fritz-Treutel-Haus gekommen. Foto: Carmen Erlenbach Kaum ein Stuhl blieb leer: Rund 400 Zuhörer waren zu einem Vortrag über die digitalen Medien ins Fritz-Treutel-Haus gekommen.
Kelsterbach. 

Das menschliche Gehirn knüpft ständig neue Verbindungen und passt sich fortwährend an. Jedoch will es ähnlich einem Sportler trainiert sein. „Wer viel weiß, lernt viel hinzu – und umgekehrt“, sagte Manfred Spitzer, Leiter der psychiatrischen Uniklinik Ulm.

Rund 400 Zuhörer waren auf Einladung der Stadt Kelsterbach und der Vereinigten BBK zu seinem Vortrag „Von Cyberkrankheiten zur digitalen Demenz – Risiken und Nebenwirkungen digitaler Informationstechnik für Kinder und Jugendliche“ ins Fritz-Treutel-Haus gekommen. Selten war es anlässlich eines Referats so gut besucht.

Der Abend gestaltete sich nicht etwa trocken und langweilig. Spitzer spickte seine Informationen mit reichlich Humor und entlockte seinem Publikum zur Aufheiterung zwischen angestrengtem Zuhören oft schallendes Gelächter und auch Applaus für seine Pointen.

Der Mediziner und Psychologe, der hauptberuflich als Psychotherapeut fungiert, wies darauf hin, dass in heutiger Zeit jeder Mensch digitale Medien nutze, weil es ohne sie nicht mehr gehe. Als Arzt jedoch wisse er, dass sie Nebenwirkungen besäßen, über die niemand spreche. „Die Wirtschaft wird lernen müssen, darüber zu reden, weil sie speziell bei Kindern und Jugendlichen auftreten.“ Diese Nebenwirkungen seien für Senioren hingegen positiv, wenn sie via Internet beispielsweise Kontakt zu ihren Enkeln unterhielten. Anhand von Dias verdeutlichte Spitzer Phänomene wie eine bis zu 80 Prozent fehlende Gehirnmasse bei einem Franzosen, der jedoch völlig normal sei. Trete diese Störung im Kindesalter auf, werde das Gehirn damit fertig. Nicht jedoch bei einem Erwachsenen.

Immer und überall dabei

Jeder habe sein Gehirn immer und überall dabei und benutze es ohne Gebrauchsanweisung. „Gehirne gehen mit Würde kaputt“, verdeutlichte Spitzer. Im Computer befinde sich ein Chip, der rechne und speichere, im Hirn seien dafür Nervenzellen verantwortlich. Jeder Oberschüler lerne, wie sie funktionieren. Diese biochemischen Vorgänge im Kopf kosteten Energie. „Ohne Synapsen ginge das Denken schneller.“ Jeder Mensch besitze rund eine Billiarde davon. „Nur, damit sie langsam sind? Das kann nicht sein“, meinte der Fachmann.

Die wichtigste Erkenntnis der Hirnforschung der vergangenen 25 Jahre zeige, dass sich an einem kleinen Stück einer einzelnen Nervenzelle täglich mindestens eine Änderung vollziehe und noch mehr bei Lernfortschritten. Werde das Gehirn benutzt, verdichte es sich – im Gegensatz zu Muskeln, die durch körperliches Training wachsen. Kleine Kinder lernen laut Spitzer am besten, deshalb gewännen sie immer bei dem Spiel „Memory“. Anhand einer Studie verdeutlichte er, dass bei einem Euro, der in Bildung investiert würde, „das meiste im Kindergartenalter dabei herauskommt – nicht erst in der Schule oder später im Beruf“.

Bei der Einschulung wiesen Kinder aus der sozialen Unter- und Oberschicht einen Unterschied von 30 Millionen Wörtern in ihrem Sprachschatz auf. Deshalb sei es wichtig, viel mit dem Nachwuchs zu unternehmen und ständig alles zu besprechen. Vorlesen sei prima, jedoch sei es wichtig, dass Kinder dazwischen sprechen und Fragen stellen. „Wenn das Geld für Umschulungen in die Kindergärten gesteckt würde, wären die Probleme in Schulen und Berufen gelöst“, sagte Spitzer. Das Gehirn sei keine Festplatte, die irgendwann voll sei. Etwas nicht zu lernen, um Platz zu lassen für etwas, das später gelernt werden solle, „ist völliger Unsinn“. Ins Gehirn passe umso mehr rein, desto mehr schon drin sei. Alles, was in den Computer „ausgelagert“ werde, schade dem Hirnvermögen, weil es dann weder benutzt noch trainiert werde.

Am Leben teilnehmen

Manfred Spitzer riet, neben der Benutzung digitaler Medien aktiv am Leben teilzunehmen. Die wichtigsten Unterrichtsfächer für Kinder in Schulen seien Musik, Sport, Theaterspiel und Handarbeit. Viele Sechsjährige seien heutzutage aber schon in Facebook unterwegs. Das könne zu Störungen in der Sprach- und Aufmerksamkeitsentwicklung sowie somit zu Problemen in der Schule und zu geringerer Bildung führen. Auch falsche Ernährung, Übergewicht, spätere Arbeitslosigkeit, Krankheit, sozialer Abstieg, Vereinsamung, Depressionen oder sogar der Tod könnten die Folge sein. Ferner werde das Empfinden für die eigene Familie und Freunde geschwächt. Spitzer plädierte für die aktive Teilnahme am Gesellschaftsleben. Mit Kreuzworträtseln, Sudokus oder PC-Spielen sein Gehirn trainieren zu wollen, sei Quatsch, weil nur abgerufen werde, was sowieso schon vorhanden sei. „Gehirne machen keine Downloads“, betonte der Mediziner.

Darüber hinaus empfahl Spitzer, nach dem Abendessen auf die Benutzung digitaler Medien zu verzichten, weil von ihnen ausgestrahltes Blaulicht vom Gehirn direkt an die innere Uhr im Kopf geleitet werde und sie aus dem Takt bringe. Das führe zu Schlafstörungen und Erschöpfung am kommenden Tag und sorge im Laufe der Zeit für eine Bildungskatastrophe.

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