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Stadtarchiv: Redner forderten zum kritischen Umgang mit aufbewahrtem Schriftgut auf

Im Stadtarchiv der Doppelstadt werden Schriften und Dokumente der einst selbstständigen Kommunen Mörfelden und Walldorf aufbewahrt. Die ältesten stammen aus dem Jahr 1606.
Der Berliner Student Alexander Valerius zog die Besucher mit einem erfrischenden Vortrag über ein „trockenes Thema“ in seinen Bann. Der Berliner Student Alexander Valerius zog die Besucher mit einem erfrischenden Vortrag über ein „trockenes Thema“ in seinen Bann.
Mörfelden-Walldorf. 

Der bundesweit veranstaltete „Tag des Archivs“ stand unter dem Motto „Demokratie und Bürgerrechte“. Die Stadt Mörfelden-Walldorf nahm dies zum Anlass, drei Referenten Gelegenheit zu geben, ihre Sicht zu diesem Thema im Rathaus Walldorf darzulegen.

Die Stadtarchivarin Carmen Rebecca Hecht machte nach einer Ansprache von Bürgermeister Heinz-Peter Becker (SPD) den Anfang. „Manches im Archiv von Mörfelden-Walldorf ist mehr als 300 Jahre alt“, führte sie aus. In dieser immensen Fülle an Niedergeschriebenem ließe sich zwar lesen, es käme jedoch auch darauf an, es in den zeitlichen Kontext zu stellen.

Aus dem „Protokollbuch“ von 1699, das im Heimatmuseum aufbewahrt wird, sei etwas über die Geschichte der Waldenser zu erfahren. „Es zeigt die unterschiedlichen Verfasstheiten von Walldorf und Mörfelden. Während die Waldenser damals mit Bürgerrechten privilegiert worden sind, waren die Mörfelder noch bis 1820 Leibeigene“, schilderte Hecht. Das im Jahre 2009 eingerichtete Stadtarchiv bewahre unter anderem schriftliche Überlieferungen seit 1606 auf, die aus Mörfelden stammten. „Das ist regelrecht ein Schatz für uns“, gab sie zu bedenken, wies aber zugleich auch darauf hin, dass darüber nachgedacht werden müsse, wie in Zukunft archiviert werden könne, denn „die Datenmengen sind geradezu gigantisch“.

Erinnerungskultur

Die über den Nachmittag verteilten rund 40 Besucher erhielten Gelegenheit, in den uralten Skripten zu blättern, wie beispielsweise im Regierungsblatt von 1871. Weiße Stoffhandschuhe waren dazu obligatorisch. Interessiert lauschten sie auch dem Vortrag von Klaus Müller vom Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, der sich mit dem Begriff der Demokratie befasste. Sie sei „keine Selbstverständlichkeit, keineswegs statisch, sondern ein fortdauernder Prozess, und dabei immer wieder neu gefährdet“, sagte er. Schutz der Minderheit, Freiheit der Bildung von Gewerkschaften und Verbänden aller Art seien demokratischen Prozessen zu verdanken, wobei für Müller das Frauenwahlrecht die „größte Errungenschaft“ ist.

Das „Hambacher Manifest“ bezeichnete er als „Symbol des Freiheitswillen“ des 19. Jahrhunderts. Die Zivilcourage beim Widerstand gegen den Bau der Startbahn West müsse fester Bestandteil der städtischen Erinnerungskultur bleiben und solle dementsprechend gewürdigt werden, so Müller.

Begehrlicher Fundus

Aus Berlin stammt Alexander Valerius. Während seines fünfwöchigen Praktikums im Stadtarchiv von Mörfelden-Walldorf hatte er bereits einen tiefen Einblick in die Historie der Doppelstadt gewonnen. Valerius steht kurz vor dem Abschluss seines Geschichtsstudiums, und insbesondere die „Sammlung Startbahn West“ habe ihn hierher getrieben. Er gab in seinem Vortrag einen Abriss über die Entstehung von Archiven. „Anfangs war es das Schriftgut von Herrschenden für Herrschende“, sagte er. Einem „Paukenschlag“ gleich sei mit der Französischen Revolution die Wende gekommen.

Für Historiker böten Archive zwar einen begehrlichen Fundus, so Valerius, allerdings dürfe nie vergessen werden, dass der Staat Einfluss darauf nehme, was archiviert wurde und wird. Die daraus resultierende Schieflage dürfe nicht ausgeblendet werden. Er appellierte, die Archive aktiv zu nutzen, aber kritisch zu betrachten.

Stadtarchivarin Carmen Rebecca Hecht betonte daraufhin, dass die Archivstruktur in Hessen die schlechteste in Deutschland sei, weil nur sehr wenige Archive städtisch geführt würden, so wie es in Mörfelden-Walldorf vorbildlich geschehe.

Die Stadt hatte außerdem im Eingang des Rathauses einen langen Tisch mit Fairtrade-Produkten aufgebaut, an dem die Besucher Speisen und Getränke probieren und sich über Fairtrade informieren konnten.

(vaw)

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