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Prozess in Langen: „Reichsbürger“ wollte Landrat erpressen

Von Die Waffenbehörde hatte beim Landrat Oliver Quilling verfügt, Gewehre und Pistolen des 61-Jährigen einzuziehen. Der Reichsbürger wollte dies nicht akzeptieren und versuchte, Geld zu erpressen.
Gestern stand ein Reichsbürger vor Gericht. Es galten verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. Gestern stand ein Reichsbürger vor Gericht. Es galten verschärfte Sicherheitsmaßnahmen.
Dreieich/Langen. 

Am gestrigen Dienstagmorgen gab es vor Verhandlungsbeginn verschärfte Kontrollen im Amtsgericht Langen in der Zimmerstraße. Wo sonst reges Treiben herrscht, blieb es menschenleer. Bei den Kontrollen an den Sicherheitsschleusen des Gerichtes wurden sogar Besucher aufgefordert, ihre Schuhe auszuziehen, weil diese genagelte Sohlen hatten. Taschen und Beutel mussten abgegeben werden, durften nicht mit in den Saal D des Amtsgerichts. Hier, wo sonst ganze Schulklassen bequem Platz finden, saßen nur sieben Besucher, aber fünf Polizeibeamte, die ein wachsames Auge auf die Gäste hatten.

Gestern wurde einem „Reichsbürger“ aus Dreieich der Prozess gemacht. Er muss für drei Monate ins Gefängnis. Der uneinsichtige Besitzer von 15 Schusswaffen hat laut Anklage versucht, Amtsgerichtdirektor Volker Horn und Landrat Oliver Quilling um jeweils 100 000 US-Dollar zu erleichtern. Vergeblich. Stattdessen fing der 61-Jährige sich das Verfahren wegen versuchter Nötigung vor dem Strafrichter ein. Weil ein Strafbefehl in dieser Sache keinen Eindruck auf den Angeklagten machte, muss er in Kürze die Haft antreten.

Der Mann aus Dreieich-Sprendlingen trat im hellen Hemd mit offenem Kragen vor den Richter. Er weigerte sich gleich zu Anfang, Angaben zu seiner Person zu machen. Auch ein Bußgeld von 150 Euro, ersatzweise drei Tage Haft, konnte ihn nicht beeindrucken. Ungerührt kramte er in seinen Papieren. „Wird das hier aufgezeichnet?“, fragte er immer wieder. Ansonsten reagierte er weder auf Fragen des Gerichts noch der Staatsanwältin.

Schließlich wurde die Anklage verlesen. Danach hat die Waffenbehörde beim Landrat die Einziehung der legal im Besitz des 61-Jährigen befindlichen Waffenscheine für acht Gewehre und sieben Pistolen oder Revolver verfügt. Danach kam es am 19. und 29. Mai dieses Jahres zu zwei Briefen des jetzt Verurteilten, in denen er den Landrat illegalen Handelns beschuldigte und mit Annahme seiner Schreiben ein verwirktes Buß- oder Schmerzensgeld von 100 000 Dollar forderte. Zunächst vom Landrat in seiner „illegalen Funktion“, dann von ihm als Privatperson.

Angeklagter schweigt

Es gab natürlich kein Geld. Aber eine Anzeige. Die zog einen Strafbefehl nach sich, unterschrieben vom Direktor des Amtsgerichts Langen, Volker Horn. Woraufhin der Waffennarr auch gegen ihn die Forderung von 100 000 Dollar erhob. Diese Vorgänge führten nun zu dem Verfahren. Die Besucher folgten dem Verfahren schweigend. Auch der Angeklagte starrte schweigend in seine Schriftsätze, deren Annahme Amtsrichter Sebastian Uebele verweigert hatte. Der Amtsrichter ging damit und in der weiteren Verhandlungsführung von einem Leitfaden aus, der in den Verwaltungen von Frankfurt und Langen verteilt worden ist. Danach sollen sich Amtsträger auf keine Diskussionen mit „Reichsbürgern“ einlassen und keine Schriftstücke annehmen. Denn diese nutzen die Gelegenheit, wenn Behörden von ihnen Schriftstücke annehmen, dies als Anerkennung ihrer verschrobenen Reichstheorien zu interpretieren. Langen hat mit Neonazis und Reichsbürgern traurige Erfahrungen. So planten, wie diese Zeitung berichtete, Neonazis im vergangenen Jahr zum Geburtstag Adolf Hitlers eine Gedenkfeier in Langen. Ebenso wie zum Geburtstag des in Langen beigesetzten Neonazis Michael Kühnen. Dessen Grab wurde von Unbekannten zerstört.

Wie am Rande der gestrigen Verhandlung bekannt wurde, sind die 15 Waffen noch im Besitz des zu drei Monaten Haft ohne Bewährung verurteilten „Reichsbürgers“. Sie werden vom Kreis demnächst abgeholt und sichergestellt werden. Dann sollen sie entweder verkauft oder versteigert werden.

Vorsicht geboten

Dabei ist, wie ein Kenner der Szene gegenüber dieser Zeitung äußerte, „besondere Vorsicht geboten“. Denn im Kreis Offenbach und im gesamten Rhein-Main-Gebiet haben sich gesicherten Erkenntnissen zufolge „Reichsbürger“ verdeckt Schießsportvereinen angeschlossen, um legal Waffen besitzen zu dürfen. In Langen wird die Zahl der Reichsbürger inzwischen auf zwischen 30 und 40 Frauen und Männer geschätzt. Mit steigender Tendenz.

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