E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Neu-Isenburg 28°C Eine Angebot von Franfurter Neue Presse

Setzen auf Deeskalation: Rettungskräfte: "Beleidigungen sind alltäglich"

Rettungskräfte werden mitunter bei der Arbeit behindert oder sogar belehrt, Polizisten beleidigt. In der Untermainstadt hat es glücklicherweise keine Übergriffe gegeben. Teilweise gibt es spezielle Schulungen.
Symbolbild Foto: Silas Stein/Archiv Symbolbild
Kelsterbach. 

Die Hemmschwelle gegenüber Rettungskräften und Polizei ist in jüngster Zeit gesunken. Mehr als 1000 Übergriffe während Einsätzen wurden in den vergangenen fünf Jahren gezählt. Die Dunkelziffer sei weitaus höher, so die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung. Wie sieht es bei der Polizei, beim Ortsverein Raunheim/Kelsterbach des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), beim Hauptamtlichen Rettungsdienst MFS und der freiwilligen Feuerwehr aus?

Bernd Hochstädter, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Darmstadt für den Kreis Groß-Gerau Bild-Zoom Foto: selbst
Bernd Hochstädter, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Darmstadt für den Kreis Groß-Gerau

Laut Bernd Hochstädter, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Darmstadt für den Kreis Groß-Gerau, seien derartige Übergriffe, Beleidigungen und schwindender Respekt ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. In Kelsterbach sei es jüngst schon bei nichtigen Anlässen zu erheblichen Beleidigungen und Pöbeleien gekommen, erfreulicherweise zu keiner Eskalation – im Gegensatz zum Kreisgebiet. Heutzutage werde alles hinterfragt – beispielsweise, ob es richtig sei, was bei Einsätzen mit Opfern geschehe. „Es ist völlig in Ordnung, dass Menschen selbstbewusst mit Vertretern des Staates umgehen und unser Handeln als Polizei kritisch hinterfragen.“ Das jedoch sei eine Frage des Umgangs miteinander. Respekt voreinander beginne schon im Elternhaus, in der Schule, im Beruf.

Google-Phänomen

Angriffe auf Polizisten werden derzeit mit mindestens drei Monaten Freiheitsentzug geahndet. Der hessische Innenminister Peter Beuth halte es für erforderlich, sie auf sechs Monate anzuheben. Polizisten seien gegenüber Hilfskräften für den Fall von Übergriffen speziell geschult und beispielsweise mit Pfefferspray ausgestattet.

AlexanderHänel, Bereitschaftsleiter des Ortsvereins Raunheim/Kelsterbach Bild-Zoom Foto: Mara Paul
AlexanderHänel, Bereitschaftsleiter des Ortsvereins Raunheim/Kelsterbach

Auch Alexander Hänel, Bereitschaftsleiter des Ortsvereins Raunheim/Kelsterbach, zeigte sich erfreut, dass es auf die ehrenamtlichen Helfer in der Untermainstadt noch keine Übergriffe gegeben hat. Dafür tun die Rotkreuzler aber selbst etwas. In speziellen Schulungen haben sie erlernt, „sich nicht einfach auf ein Opfer zu stürzen, um zu helfen“. Das verwirre Umstehende. Hänel sagt, zunächst werde das Umfeld sondiert. Dabei könne es vorkommen, dass Umstehende den Rettungskräften vorschreiben wollen, wie sie ihren Job zu erledigen hätten.

Das sei das klassische Google-Phänomen. Deshalb werde mit diesen Personen ruhig kommuniziert und jeder Handgriff erklärt. Es sei wichtig, das Umfeld in die Rettungsmaßnahmen einzubinden. „Prävention und Schlagfertigkeit haben sich bei uns durchgesetzt.“

Laut Hänel habe das Empfinden, dass es in jüngster Zeit vermehrt zu Übergriffen auf Hilfskräfte gekommen sei, wegen der Kommunikation darüber in sozialen Medien stark zugenommen. Das Gegenteil sei der Fall. Laut Statistiken sei die Zahl der Anfeindungen sogar gesunken. „Mit Beleidigungen und auch mal Remplern haben wir ständig zu tun. Das gehört zu unserem Alltag.“ Das Zauberwort der DRK-Retter laute in jedem Fall „Deeskalation“.

HeikoHohenstein, Pressesprecher des  Rettungsdienstes Medizinische Fahrdienst- und Rettungsgesellschaft (MFS) Bild-Zoom Foto: Dennis Altenhofen
HeikoHohenstein, Pressesprecher des Rettungsdienstes Medizinische Fahrdienst- und Rettungsgesellschaft (MFS)

Das sieht auch Heiko Hohenstein, Pressesprecher des hauptamtlichen Rettungsdienstes Medizinische Fahrdienst- und Rettungsgesellschaft (MFS) in der Untermainstadt, so. Beleidigungen und Pöbeleien gegenüber rund 40 hauptamtlichen Hilfskräften auch im Zweigunternehmen in Büttelborn seien gestiegen.

Mit Menschenverstand

Eine wesentliche Rolle spiele dabei ein durch Informationen aus dem Internet gestiegener Anspruch und eine höhere Erwartungshaltung an Rettungskräfte. Ein Dankeschön für durchgeführte Aktionen gebe es hingegen seit Jahren nicht mehr. Als einziger Vorfall in Kelsterbach sei vor etwa drei Jahren eine Feuerwerksrakete auf einen Rettungswagen abgeschossen worden. Ängste vor Übergriffen hätten die Retter aber nicht, da sie mit Deeskalationstraining geschult würden.

Thomas Heller, Stadtbrandinspektor der Stadt Kelsterbach Bild-Zoom Foto: Mara Paul
Thomas Heller, Stadtbrandinspektor der Stadt Kelsterbach

Für die freiwillige Feuerwehr gibt es laut Stadtbrandinspektor Thomas Heller keine derartigen Schulungen: „Wir gehen kritische Situationen mit Menschenverstand und vernünftigen Dialogen an.“ Die Einmischung in Handgemenge sei nicht Aufgabe der Wehr – aber eine Atmosphäre zu schaffen, die keine Basis für Eskalationen biete. Bei Einsätzen sei meistens die Polizei mit dabei, was Sicherheit für Kameraden bedeute.

Heller begrüßt, dass der Gesetzgeber eine Möglichkeit zur Bestrafungen von „Pöblern“ bei Einsätzen geschaffen hat, vermisst aber eine geradlinige Rechtssprechung. Konsequenzen würden oft „weggestreichelt“. Die Wehr sei darauf aus, bei Konflikten nicht „hinzulangen“, sondern freundlich und verbindlich mit Partnern vom Rettungsdienst und der Polizei ihren Dienst zu versehen.

Zur Startseite Mehr aus Kreise Offenbach/Groß Gerau

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen