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Üben in der Schreibstube

Von Die Stadt- und Schulbibliothek hatte sich in eine mittelalterliche Schreibwerkstatt verwandelt. Mit einem Federkiel und Tinte aus Ruß konnten Kinder schreiben, wie vor einigen hundert Jahren.
Leon nahm in einer Mönchskutte an einem großen Pult im Scriptorium Platz.	Fotos: Carmen Erlenbach Bilder > Leon nahm in einer Mönchskutte an einem großen Pult im Scriptorium Platz. Fotos: Carmen Erlenbach
Kelsterbach. 

Mit Kulis und Füllern kann heute jeder schreiben. Wie schwierig sich diese Kunst jedoch mit einem angespitzten Gänsekiel gestaltet, merkten zwölf Teilnehmer zwischen 9 und 13 Jahren bei der mittelalterlichen Schreibwerkstatt. Zu ihr hatten die Stadt- und Schulbibliothek eingeladen, genauer die Kinder- und Jugendbibliothek. Einmal mehr bietet sie in diesen Herbstferien zwei Workshops unter dem Thema „Wieso, weshalb, ach so“ für Schulkinder an. Am Dienstag gab es bereits einen Fotoworkshop, dessen Teilnehmer von Freitag an bis Dezember ihre schönsten Bilder im Kinder- und Jugendteil der Bibliothek ausstellen.

Auch gestern ging es um Schönheit und Ästhetik. Lisa Weichselborn und Jürgen Rybka von der Institution „Museum im Koffer“ in Nürnberg brachten den jungen Teilnehmern den Reiz des mittelalterlichen Schreibens nahe. Die Mitarbeiter des Kindermuseums gastierten zum wiederholten Male in der Untermainstadt. Nachdem bereits die Themen Raumfahrt, kulturhistorische Geschichte, Indianer und Omas Küche abgearbeitet worden waren, fühlten sich die Kinder gestern als Mönche und Nonnen in das mit nachempfundenem Mobiliar und Inventar errichtete Scriptorium eines alten Klosters versetzt - also in seine Schreibstube. Heute würde sie wohl Büro genannt.

Diese Szenerie war kein Zufall. Denn tatsächlich waren Mönche und Nonnen im Mittelalter meist die einzigen, die schreiben und lesen konnten. Wie die Kinder erfuhren, hatte sogar der König Karl der Große sein Leben lang vergeblich versucht, diese Kunst zu erlernen.

 

Gummi Arabicum

 

Zum Auftakt erfuhren die Kinder etwas über die einst benötigten Materialien zum Schreiben. Neben der echten und angespitzten Gänsefeder und Tinte aus Ruß und Gummi Arabicum, das zum Aussparen auch in der Aquarellmalerei benutzt wird, waren natürlich Schreibpulte erforderlich, an die sich die Kinder im nachgebauten Scriptorium setzten. Auch Meike Kaiser, Leiterin der Kinder- und Jugendbibliothek, nahm Platz. Die Gruppe erfuhr, dass früher auf Pergament geschrieben wurde - also gegerbter Tierhaut - und die Kinder bekamen die Werkzeuge wie eine spezielle Schere zum Schneiden des Pergaments, einen Zirkel, der dafür auch erforderlich war, und einen speziellen Schaber zu sehen. Mit ihm wurden Fehler ausgemerzt. Er war so etwas der Tintenkiller seiner Zeit. Mit ihm wurde die Tinte auf der Tierhaut einfach weggekratzt und dann überschrieben.

Im Gepäck hatten die Mitarbeiter von Nürnberger „Museum im Koffer“ auch teure Pigmentfarben. Blau und Rot waren im Mittelalter die kostbarsten Farben. Denn das Blau wurde aus dem Edelstein Lapislazuli gewonnen, das Rot aus der Purpurschnecke, die im Laufe der Zeit jedoch ausgerottet wurde. Nachdem die Kinder erfahren hatten, dass sie jeweils nur eine erbsengroße Menge Farbe mit Gummi Arabicum in einer Muschel anrühren sollten, machten sie sich ans Werk.

Die Gruppe teilte sich in Schreiber und Maler auf. Rasch wurde bei der aufwendigen Handarbeit klar, weshalb handgeschriebene Bücher im Mittelalter teuerste Luxusgüter waren. Beim Schreiben mit den Kielen musste aufgepasst werden. Denn ein falscher Druck bewirkte, dass die Tinte über das dicke Papier spritze, auf das die nicht ganz einfach zu schreibenden Lettern in der klassischen Schriftform „Karolingische Minuskel“ gebracht wurden. Zur Vereinfachung bekamen die Teilnehmer Musterbögen, die mit Auf- und Abpfeilen für den besseren Schreibfluss gekennzeichnet waren.

 

Bunte Initialen

 

Auf bereits markierten Linien wurden die verschiedenen mittelalterliche Gedichte geschrieben - beispielsweise von Walther von der Vogelweide. In der Zwischenzeit rührten die Maler ihre Farben an und übten sich in der hohen Kunst großer, bunter Initialen, die als einzige Großbuchstaben den Texten vorangestellt wurden. So entstanden bei der mehrstündigen Gruppenarbeit verschieden gestaltete Buchseiten, welche die Kinder nach Hause mitnehmen durften.

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