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Flughafen-Ausbau: Waldschützer protestieren in Bäumen gegen Terminal 3

Von Sie nennen sich bei ihren Waldnamen „Tatze“, „Lambda“ oder „Libelle“, übernachten bei Minustemperaturen auf Bäumen, ernähren sich von Tofu-Steaks, trinken Thermoskannen-Tee und kämpfen für einen gemeinsamen Traum: Eine sechs Hektar große Baumfläche vor den Äxten der Holzfäller und den Planierraupen der Bautrupps zu bewahren. Im Treburer Oberwald protestieren seit Samstag neun Naturschützer gegen die Terminal-3-Pläne der Fraport.
Schwindelfreier Protest: Die Aktivisten schlafen nachts auf kleinen Baum-Plateaus und Hängematten (grün im Bild) in etwa 15 Metern Höhe. Schwindelfreier Protest: Die Aktivisten schlafen nachts auf kleinen Baum-Plateaus und Hängematten (grün im Bild) in etwa 15 Metern Höhe.
Neu-Isenburg/Mörfelden-Walldorf. 

Seit Samstag halten Umweltaktivisten in einem Forstareal des Treburer Oberwaldes in einem kleinen Camp die Stellung, um die Bäume eines sechs Hektar großen Areals zu schützen. Es soll wohl schon in naher Zukunft den Bauarbeiten für einen Autobahnanschluss weichen, den der Flughafenbetreiber Fraport für sein Projekt Terminal 3 plant.

Lesen Sie dazu auch das Interview mit dem Umweltaktivisten von "Robin Wood"

Kalt pfeift der Wind zwischen kahlen Hain- und Rotbuchen, Birken und vereinzelten Nadelbäume hindurch. Die Umweltschützer, akustisch eingekeilt zwischen dem nahen Flughafen, der Autobahn A 5 und der Riedbahnstrecke, wärmen sich an einem improvisierten Lagerfeuer, über dem ein Tofu-Steak in einem Topf brutzelt. Eine Thermoskanne mit Tee macht die Runde.

Nächtliche Besucher

Die Protestcamper sind vermummt – „weil es uns um die Aktion geht, nicht um Einzelpersonen“ – und reden sich gegenseitig mit ihren Waldnamen an. „Letzte Nacht hatten wir Minusgrade hier“, berichtet ein junger Mann, der sich „Lambda“ nennt. Auf drei Bäumen hat die kleine Gruppe in etwa 15 Metern Höhe Plattformen errichtet. Hier und in einer an einem Seil zwischen zwei Stämmen eingeklinkten Hängematte übernachten die Aktivisten – stets nach Kletterer-Vorschrift mit Seilen gesichert, wie eine Frau namens „Tatze“ betont.

Sie berichtet von mysteriösen nächtlichen Besuchern: „Hier kommen dauernd unbekannte Leute reingelaufen, leuchten mit Taschenlampen das Gelände ab. Menschen, die sich hier auskennen, sagten uns, das sei ein typisches Fraport-Verhalten in solchen Situationen.“ Sie tippe auf „Einschüchterungsversuche, aber sicher weiß ich das natürlich nicht“. Umso sicherer ist sie sich aber, warum sie hier zwischen den Bäumen ausharrt: „Ich brauche den Wald – und der Wald braucht mich“, bringt sie ihr Anliegen auf den Punkt. Und „Lambda“ fügt hinzu: „Es geht hier um so viel, etwa um das Terminal 3 und das auf Billiglohnkräften und Scheinselbstständigkeit gebaute System von Ryanair, das dort starten und landen soll.“

Bis zum 28. Februar wollen „Tatze“, „Lambda“ und ihre Mitstreiter auf jeden Fall aushalten: Danach beginnt die Vegetationsperiode, in der keine Bäume gefällt werden dürfen. Zumindest in dieser Woche dürfte es indes noch keine Rodungen geben, wie Fraport-Sprecher Torben Beckmann dieser Zeitung auf Anfrage bestätigte. „Lediglich die vorlaufenden ökologischen Maßnahmen beginnen“.

Sorge vor Krötenklau

Doch schon dieser Begriff bereitet den Waldschützern Unbehagen,: „Dahinter“, glaubt „Lambda“, „verstecken sich Maßnahmen, die Tiere rauszuholen und den Wald zu entvölkern. Da werden Schutzzäune errichtet mit Eimern, in die die Kröten reinspringen sollen.“ So wolle Fraport nachweisen, dass es keine schützenswerten Arten mehr gebe und habe freie Hand, die Bäume zu fällen. Ähnlich, so ergänzt „Tatze“, sei es im Hambacher Forst gelaufen. Dort, im Rheinland, seien von einem 12 000 Jahre altem Urwald von ehemals 5000 Hektar nur noch 400 Hektar übrig – der Wald fiel hier dem Braunkohleabbau zum Opfer.

Auch wenn die Umweltschützer angeben, weder Mitglieder von „Robin Wood“, noch der Bürgerinitiativen der Region zu sein, würden sie doch von beiden Seiten unterstützt, von der Ausrüstung über den Proviant bis hin zur Moral. Auch sonst erfahre ihre Aktion viel Anerkennung.

Doch als „beste Motivation“ bezeichnet „Tatze“ den Zuspruch protesterprobter Startbahn-West-Veteranen, die am vergangenen Sonntag zu einer Demonstration in den Treburer Oberwald gekommen waren. „Es hat mich stark beeindruckt, wie leidenschaftlich diese Kämpfer der ersten Stunde immer noch mit dem Herzen dabei sind und uns unterstützen.“

Wenn die Holzfäller kommen

Eine junge Frau, die sich „Libelle“ nennt, wehrt sich gegen ein verbreitetes Vorurteil: Däumchendrehen im Waldlager? Fehlanzeige. „Wir haben hier den ganzen Tag viel zu tun, auch wenn man das von außen nicht sieht. Die Plattformen hochziehen, Verbindungen zwischen den Bäumen herstellen. Die Infrastruktur aufzubauen und aufrechtzuerhalten, das bedeutet jede Menge Arbeit.“

Und wenn die tägliche Camp-Routine bald durch Holzfäller-Trupps jäh beendet werden sollte – wie weit würden die Aktivisten mit ihrem Widerstand gehen? „Wir haben diese Bäume besetzt“, antwortet „Libelle“. „Solange ein Mensch in einem Baum ist, kann der Baum nicht gefällt werden.“

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