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Anspruchsvoll: Warum sich die Ausbildung zum mathematisch-technischen Softwareentwickler lohnt

Von Wenn nur einer den Job lernen will: Im Kreis Groß-Gerau gibt es gleich mehrere Berufe mit nur einem Auszubildenden. Wir stellen sie ab jetzt in einer Serie vor.
Sven Weber (rechts) schaut Murat Bag bei der Arbeit über die Schulter. Sven Weber (rechts) schaut Murat Bag bei der Arbeit über die Schulter.
Kreis Groß-Gerau. 

Sie ist neu, noch unbekannt und deshalb selten. Gemeint ist die Ausbildung zum Mathematisch-technischen Softwareentwickler. Dieser entwickelt Softwaresysteme auf mathematischer Grundlage, zum Beispiel Modelle zur Auswertung von Datenbanken. Drei Jahre dauert die Ausbildung.

Der einzige, der den Beruf – aktuell im zweiten Jahr – im Kreis Groß-Gerau lernt, ist Murat Bag. Ein abgebrochenes Informatik-Studium hat der 24-jährige Wiesbadener bereits hinter sich. „Die Ausbildung ist für mich der bessere Weg, weil ich jetzt motivierter bin, als ich es während des Studiums war. Vielleicht liegt es daran, dass ich jetzt einen Plan habe, wann ich wo sein muss. Das gibt mir Struktur, die hat mir beim Studium gefehlt“, sagt er, als er aus dem Fenster des Büros im Gewerbegebiet Prime Parc schaut. Bags Ausbildungsbetrieb ist die Firma Weber Wirtschaftsinformatik aus Raunheim. Zur Berufschule fährt er drei bis viermal im Jahr nach Darmstadt. Probleme bereit Bag manchmal die anspruchsvolle Mathematik. Im ersten Jahr traf er sich oft mit seinem Chef, um den Stoff nachzubesprechen. Das war intensiv und kostete viel Zeit. Mathematik baut aufeinander auf. Wer einen unteren Baustein nicht kennt, kann den nächst höheren nicht mehr anwenden. Das kann schnell zum großen Problem werden. Denn die geforderten Mathe-Kenntnisse gehen über das, was zum Beispiel im Abitur gefordert wird, hinaus.

Infos von der IHK

Bei seinem Arbeitgeber hatte sich Bag eigentlich um einen Ausbildungsplatz als Fachinformatiker beworben. Dass es dann doch der „Matse“ wurde, wie der Mathematisch-technische Softwarentwickler in der Branche genannt wird, liegt daran, dass die Industrie- und Handelskammer den Geschäftführenden Inhaber Sven Weber auf die neue Ausbildung aufmerksam gemacht hat. „Ich habe mir das angeschaut und festgestellt, dass das Profil genau passt“, blickt Weber zurück, der etwas später zum Gespräch stößt und neben seinem Azubi Platz nimmt. Vier Mitarbeiter beschäftigt der Diplom-Wirtschaftsinformatiker aktuell. Gerne könnten es mehr sein.

Webers Firma hat sich auf das Erstellen von Java-Programmen mit Datenbanken spezialisiert. Weil die Auftragslage so gut ist, hat Weber allerdings kaum Zeit, neue Mitarbeiter einzuarbeiten. „Das ist ein Teufelskreis“, sagt er. Sobald mehr Zeit ist, will Weber weitere „Matse“-Azubis einstellen – nicht zuletzt wegen der guten Erfahrungen, die er momentan mit Murat Bag macht.

Die „Matse“-Ausbildung hält Weber für einen guten neuen Ansatz. Wer sie abgeschlossen hat, sei in der Lage, sich schnell einzuarbeiten. Zwar würde er das auch von Studenten erwarten, doch seien die meist älter, wenn sie mit dem Beruf starten – und teurer.

Verzicht auf Beweise

Was das Niveau angeht, schließe der „Matse“ die Lücke zwischen dem Ausbildungsberuf Fachinformatiker und dem studierten Informatiker mit Bachelor-Abschluss. Der Fachinformatiker sei sehr praxisorientiert und lerne wenig über theoretische Konstrukte wie Programm- oder Prozessplanung. „Der studierte Informatiker lernt das alles. Und er lernt auch die Mathematik, mit der man solche Modelle beschreiben und letztlich sogar beweisen kann“, erzählt Weber. Der Mathematisch-technische Softwareentwickler befinde sich dazwischen, die Mathematik werde nicht so vertieft, dass Beweise geführt werden müssen. Aber: „Die Anwendungen, mit denen er sich auseinandersetzt, sind mathematisch anspruchsvoll und beinhalten einen mathematischen Kern.“

Murat Bag arbeitet zum Beispiel gerade mit einer Software, mit der sich Farbtöne berechnen lassen. Das Programm berechnet, welche Menge eines Farbstoffs her muss, um einen bestimmten Ton zu erreichen. Für Modeunternehmen ist das wichtig, um etwa die Farbe eines Pullovers zu bestimmen. Mathematisch geht es dabei unter anderem um Matrizenrechnung. „Das ist eine typische Anwendung für einen Mathematisch-technischen Softwarentwickler. Da gibt anspruchsvolle Mathematik, die in ein Programm umgeformt werden muss“, erläutert Weber.

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist und sich für die Ausbildung interessiert, sollte den einen Nachteil im Kopf behalten, der von Weber genannt wird: Ein Informatik-Studium lohnt sich im Anschluss kaum noch. Der meiste Stoff aus dem Bachelor würde sich für die Azubis wiederholen. Deshalb rät Weber eher dazu, die Ausbildung mit einem Hybrid-Studiengang wie Informationsmanagement zu kombinieren – am besten berufsbegleitend. „Da hätte man das beste aus beiden Welten. Volles Gehalt plus Studium und Weiterentwicklungsmöglichkeiten“, gibt Weber zu bedenken.

Und was sagt sein Azubi? Murat Bag fühlt sich mit seiner Ausbildung im Moment „sehr wohl“. Dass er später doch noch mal an die Uni geht, will er aber nicht ausschließen.

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