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Das Grafenhuhn für Diez

Von Steuern zahlen ist keine Erfindung der Neuzeit. Schon frühere Generationen ächzten unter dem Geldbedarf der Herrschenden.
Steuern zahlen war schon vor Jahrhunderten Pflicht. Die Lohrheimer mussten ihren Obolus an die Diezer Grafen entrichten.	Karikatur: Kahl Steuern zahlen war schon vor Jahrhunderten Pflicht. Die Lohrheimer mussten ihren Obolus an die Diezer Grafen entrichten. Karikatur: Kahl
Lohrheim. 

Sechs Dörfer an der Aar, darunter auch Lohrheim, feiern in diesem Jahr ihre 1225-jährige Ersterwähnung (diese Zeitung berichtete ausführlich). Der Anlass regt an, einen Blick in die Chronik der Gemeinde zu werfen.

In einer Zeit, in der von zu hohen Steuerbelastungen, von einem unfairen System – manch einer spricht gar von einer „Staatsmafia, die die Steuersklaven mit immer neuen Abgaben und Gebühren belegt“ – und fast täglich nach Steuerentlastungen gerufen wird, springt einem in der Chronik neben besagter Ersterwähnung eine weitere Passage ins Auge. Aus dem Verzeichnis der Abgabepflicht der Gemeinde Lohrheim an die Grafschaft Diez geht folgendes hervor: Lohrheim hat das Herbergsgeld, Dienstgeld, Banngeld, Fleischgeld, den Dorfweizen, den Amtshafer, das Jägerbrot und das Grafenhuhn nach Diez abzuliefern.

Man stellt sich also die Frage: Gab es denn früher auch schon Steuern – und wieviele? Und ob! Steuern gibt es schon seit über 5000 Jahren, seitdem Menschen in Gemeinschaften lebten, in denen sie die notwendigen Arbeiten teilten. Und welche kreative Ideen die Vertreter der Staatsmacht entwickelten, wenn sie das Volk „schröpfen“ wollten, war teilweise einzigartig. Wachsender Finanzbedarf, aus welchen Gründen auch immer, beflügelte offenbar die Kreativität. „Steuern zu erheben heißt, die Gans so zu rupfen, dass man möglichst viele Federn mit möglichst wenig Gezische bekommt“, lautet ein Spruch von Jean Colbert, dem Finanzminister des Sonnenkönigs Ludwig XIV..

Geld stinkt nicht

Steuern dienten schon damals vor allem dazu, die Bedürfnisse der Könige und Herrscher zu befriedigen. Sie brauchten Geld für Befestigungen, Soldaten und Prunkbauten. Aber auch Straßen, Brücken und Kanalisation, die allen zur Verfügung standen, wurden aus Steuern finanziert. Im Altertum existierte – sozusagen als Urform der Steuer – der Frondienst. Und seit dem 6. Jahrhundert forderte auch die Kirche den sogenannten Zehnten: Die Bauern mussten den zehnten Teil ihrer Ernte an die kirchlichen Herrscher abgeben, die Handwerker den zehnten Teil ihrer Erzeugnisse. Wer nichts abgeben konnte, musste stattdessen Frondienste leisten. Daneben gab es Kopfsteuern. Das heißt, alle Einwohner eines Gebietes mussten ein und dieselbe Steuer zahlen. Desweiteren gab es eine Reihe anderer Lasten: Wegegelder, Brückengeld, Vogtgeld, Herrenfuhren, Hand- und Spanndienste zu den verschiedensten Gelegenheiten, Jagddienste, Mühlengelder, Marktgelder, Schlachtgelder und vieles mehr.

Eine besonders schwere Last waren die kriegsbedingten Abgaben und Leistungen, Kosten der Einquartierung und Reparationen (Kriegsentschädigungen). Wenn es um die Erschließung neuer Einkommensquellen ging, war die Obrigkeit erfindungsreich. Geradezu kurios mutet die Jungfernsteuer an: Wer nicht unter die Haube kam, musste blechen. Johann Kasimir Kolbe von Wartenburg, von 1699 bis 1711 Premierminister von Preußen, erhob die Steuer für unverheiratete Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Zwei Groschen hatten sie zu entrichten. Oder die Perückensteuer. Sie wurde von König Friedrich I. in Preußen (1657–1713) eingeführt. Perücken waren in jener Zeit sehr in Mode, doch wer eine tragen wollte, musste sie sich auch leisten können. Drei Taler kostete jede in der Öffentlichkeit getragene Perücke. Schmunzeln lässt die Urinsteuer. Der römische Kaiser Vespasian (Regierungszeit 69–79 n.Chr.) führte sie ein. Jeder, der eine öffentliche Toilette benutzte, musste zahlen. Sein Sohn Titus war gegen diese Steuer und versuchte, seinen Vater von der Unrechtmäßigkeit der Abgabe zu überzeugen. Aus dem Streit stammt die berühmt gewordene Redewendung: Pecunia non olet – Geld stinkt nicht.

Unerfreuliche Pflicht

Schon im Altertum errichteten und finanzierten Babylonier, Assyrer, Ägypter, Griechen und Römer ihre großen Staatsgebilde neben Beuten aus Eroberungskriegen durch Steuern, Abgaben und Dienstleistungen. Alle Herrscher benötigten zum Ausbau und Erhalt ihrer Macht Geld, viel Geld. Heute ist es nicht anders. In der Folge wuchs und wucherte nur die Komplexität der Umverteilungsmechanismen. Was früher wenige Steuereintreiber, Rentmeister oder sogenannte Scheffen erledigten, beschäftigt heute ganze Völkerscharen in Finanzverwaltung und Steuerberatung. Zwar muss der Steuerpflichtige seine Abgaben heute nicht mehr persönlich beim Landesherrn abliefern, aber das Ausfüllen der Steuererklärung kann ähnlich unerfreulich sein. Und welches Finanzamt würde sich mit zwei Hühnern und einem Malter Roggen zufrieden geben?

Im historischen Vergleich wurde das gemeine Volk früher ganz gehörig zur Ader gelassen. Trotzdem wird immer wieder behauptet, dass wir heutzutage stärker belastet seien. Was dabei häufig nicht beachtet wird: Real haben die Deutschen zuletzt nicht mehr Steuern gezahlt. Das Gegenteil ist der Fall. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Last – gemessen an den wirklichen Preisen – sogar deutlich gesunken. Zwar scheint das Gefühl, man zahle immer mehr, weit verbreitet. Es deckt sich aber nicht mit der Realität. Wenn dem also so ist, sollte man sich auch mal was Gutes gönnen: ein Gaststättenbesuch mit Freunden – zumal die Hockersteuer, die im Mittelalter zechende Kneipengäste traf, zum Glück gefallen ist.

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