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Hessen im Ersten Weltkrieg: Der Militarismus der kleinen Leute

In unserer Serie über den Ersten Weltkrieg wagt der Limburger Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker in der heutigen Ausgabe einen Blick auf die Jahre vor dem Krieg und widmet sich einem der in Limburg aktiven Veteranenvereine. Ihre Existenz ist ein Ansatz, um die Kriegsbegeisterung zu erklären. Das evangelische Dekanat Runkel hat den Kriegsausbruch vor 100 Jahren zum Anlass für ein Forum genommen und dabei den Blick von der Vergangenheit bis in die Zukunft gespannt. Auch das will die NNP in ihrer Serie berücksichtigen.
1899 feierten die Kriegervereine »Teutonia« und »Germania« gemeinsam. Dabei standen die Vereinsfahnen im Mittelpunkt. Fotos: Stadtarchiv Limburg 1899 feierten die Kriegervereine »Teutonia« und »Germania« gemeinsam. Dabei standen die Vereinsfahnen im Mittelpunkt. Fotos: Stadtarchiv Limburg

Zeitweise zählten vor 1914 die Kriegervereine mehr als drei Millionen Mitglieder und waren damit die größten Massenorganisationen des Kaiserreiches, noch vor den Gewerkschaften und der SPD.

Das Militär, hoch angesehen im Kaiserreich. Als der Krieg nach der Julikrise begann, Begeisterung vielerorts. Und wenn nicht von Beginn an, dann doch mit den Erfolgen in den ersten Kriegstagen. Mit dazu beigetragen zur militärischen Durchdringung der Gesellschaft haben auch die Kriegervereine, die nach dem erfolgreichen Krieg 1870/71 entstanden.

Am 18. Oktober 1874 gründeten in Limburg 36 Teilnehmer an den Feldzügen von 1864, 1866 und 1870/71 den Kriegerverein „Teutonia“. Zum ersten Vorsitzenden wurde der Hotelier und Gastwirt Anton Zimmermann gewählt. Ziel des Vereins war es, das Andenken an die im Krieg gegen Frankreich gefallenen Kameraden wachzuhalten, aber auch das gesellige Miteinander zu pflegen und die militärische Tradition hochzuhalten.

 

„Hamm se jedient?“

 

Die Limburger Ex-Soldaten folgten damit dem Beispiel, das schon in vielen Orten vorgegeben wurde. Alles Militärische wurde in Preußen hochgeachtet, die so gerne persiflierte Frage „Hamm se jedient?“ war durchaus real, die Antwort konnte über das berufliche Fortkommen entscheiden. Der Dienstgrad eines Leutnants der Reserve galt weiten Teilen des Bürgertums als „Ersatznobilitierung“.

Weitere Bilder und Hintergrundartikel zum Ersten Weltkrieg finden Sie in unserem großen Special

Ein besonderes Merkmal und zugleich fortschrittliches Element der Kriegervereine war, dass ihnen Männer aus allen gesellschaftlichen Schichten angehörten, verbunden durch das gemeinsame Kriegserlebnis oder die Militärzeit. Die Vereine waren also keine elitären Honoratiorenclubs. Auch die „Teutonia“ zählte Vertreter unterschiedlicher sozialer Herkunft zu ihren Mitglieder: vom Bürgermeister, Lehrer, Juristen, Unternehmer und Apotheker über Handwerker und Kaufleute bis zu Arbeitern. Auch das religiöse Bekenntnis spielte keine Rolle. Katholiken, Protestanten und Juden gehörten gleichberechtigt zum Verein.

Bei Feierlichkeiten, gerade wenn es um patriotische Anlässe ging, wurden die Kriegsveteranen besonders geehrt. Beispielsweise am 2. September 1895, dem Sedanstag, wandte der Festredner sich an die Ex-Soldaten: „Ich bin glücklich, Euch hier versammelte Krieger Limburgs aus dem Jahre 1870 diesen Dank im Namen der anwesenden Versammlung, im Namen Eurer Familien aussprechen zu dürfen. Freudig eiltet Ihr zu den Waffen, als der König Euch rief. Treu folgtet Ihr den Fahnen, die Euch von Sieg zu Sieg, von Weißenburg nach Wörth und Sedan führten. Mutig botet Ihr Euere Brust dem Feinde und verhindertet durch Eure Tapferkeit, dass er den vaterländischen Boden betrat.“

„Nie wieder Krieg?!“ – der Frage und Herausforderung stellten sich in der evangelischen Kirche in Limburg (von links) Michael Borschel, Pfarrer Joachim Naurath, Oberstarzt Dr. Astrid Matschulat und Militärpfarrer Claus Jörg Richter. Es fehlt auf dem Foto Gudrun Schreiber.	Foto: Laubach
Das Ziel ist der gerechte Frieden

„Nie wieder Krieg?!“: In der evangelischen Kirche in Limburg wurden Antworten gesucht und die Möglichkeit zur Umsetzung der Aufforderung gesucht. 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, der 17 Millionen Tote und noch mehr Verletzte und Verstümmelte forderte und zugleich Wegbereiter eines noch größeren Sterbens und Schlachtens war, war das Motto der Veranstaltung Frage und Aufforderung zugleich.

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Die Erinnerungen an die Kriegserlebnisse wurden gepflegt, auch verklärt. Damit erwachte in den nachwachsenden Generationen der Wunsch, es den ehemaligen Kämpfern gleichzutun – eine Wurzel des Militarismus am Vorabend des Ersten Weltkrieges.

Zum Wirken des Vereins zählten auch soziale Aktivitäten. Beim schon erwähnten Sedansfest 1895 wurden 135 Mark Überschuss erzielt. Davon erhielt der Verein 100 Mark, um sie an bedürftige Mitglieder zu verteilen, der Rest wurde anderweitig für soziale Zwecke verwandt. Auch fanden immer wieder kulturelle und bildende Veranstaltungen statt. Dafür waren normalerweise die Mitglieder mit höherer Bildung verantwortlich.

Einen ganz besonderen Stellenwert hatte das ehrenvolle Begräbnis eines „zur großen Armee abgerufenen“ Vereinsmitglieds. Zu den festen Ritualen gehörte es ab den 1890er-Jahren, in der Lokalpresse eine schmucklose Todesanzeige für das verstorbene Mitglied aufzugeben, die mit dem Hinweis schloss, dass Orden und Ehrenzeichen zu diesem Anlass anzulegen seien.

 

Rituale bei Beerdigungen

 

Die Rituale waren dabei immer gleich. Beispielhaft ist dies zu verdeutlichen an der Beerdigung des Gründungsvorsitzenden Anton Zimmermann, Gastwirt und langjähriger Kommunalpolitiker. Er starb am 10. November 1905 im Alter von 59 Jahren. Die Beisetzung erfolgte vier Tage später. Eine Viertelstunde vor Beginn der Trauerfeierlichkeiten trafen sich die Mitglieder der „Teutonia“ im vollen Ordensschmuck am Kriegerdenkmal.

Der Trauerzug auf dem Friedhof wurde von der Feuerwehr, deren Ehrenkommandant Zimmermann war, mit einem Musikkorps angeführt, daran schlossen sich die Kameraden des Kriegervereins an mit trauerumflorter Fahne. Nach ihnen reihten sich Abordnungen auswärtiger Kriegervereine ein. Es folgten der Leichenwagen mit den Kranzträgern, die Angehörigen, Vertreter der städtischen Körperschaften und die übrigen Trauergäste.

Nachdem der Sarg in die Erde gesenkt worden war, wurde zu Ehren des ehemaligen Kriegsteilnehmers eine Salve über dem offenen Grab abgefeuert. Nach dem Ende der Trauerfeier formierten die Angehörigen der Kriegervereine sich und marschierten mit flotter Marschmusik vom Friedhof und zur Stadt zurück.

 

„Germania“-Gründung

 

Auch anderen Personen erwies der Verein mit einer Begräbnisabordnung die Ehre, so beispielsweise der im Oktober 1897 verstorbenen Fanny Mahlinger, die sich durch die Pflege Verwundeter im Krieg
1870/71 große Anerkennung erworben hatte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in Limburg weitere militärische Vereine. „Teutonia“ war seiner Linie treu geblieben, nur ehemalige Kriegsteilnehmer als Mitglieder zu akzeptieren. Mit dem Tod des Letzten sollte der Verein aufgelöst werden. Da aber ehemalige Soldaten ohne Kriegserfahrung sich ebenfalls organisieren wollten, entstand 1897 der Verein „Germania“. In der Folgezeit gründeten sich auch ein Artillerieverein und ein Kavallerieverein. 1912 entstand der Marineverein.

 

Der letzte Veteran

 

Das Durchschnittsalter der Vereinsmitglieder stieg permanent an. 1903 wurde „Teutonia“ in „Krieger-Veteranen-Verein“ umbenannt. Das Ende einer selbstständigen Vereinsarbeit kam 1925. Die Betreuung der noch lebenden Veteranen wurde von „Germania“ übernommen.

Letztmals im Licht der Öffentlichkeit standen die noch lebenden Vereinsmitglieder anlässlich einer Ehrung im November 1935. 1938 starb mit Franz Loos der letzte Limburger Veteran des Krieges von 1870/71.

Wichtigstes Symbol des Vereins war die Fahne: „Teutonia“ nutzte die „Waterloo-Fahne“, die 1813 von der Stadt angeschafft worden war. 1899 verlieh der Kaiser dem Verein das Fahnenband für Kriegervereine, die älter als 25 Jahre waren. Die Fahne wurde zunächst vom Kriegerverein „Germania“ übernommen, dann vom Kyffhäuserbund, ehe sie 1983 dem Bundeswehr-Nachschub-Bataillon in Diez übergeben wurde.

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