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Ein beglückender Konzertabend

Das HR-Sinfonieorchester gehört zu den Spitzenorchestern in Deutschland. Es tritt in allen großen Konzertsälen der Welt auf. Nichtsdestotrotz gibt es eine sympathische Gepflogen-heit, auch zu Konzerten in die „hessische Provinz“ zu reisen. Davon konnten diesmal die Limburger profitieren.
Limburg. 

Ein möglicherweise zufälliger Schwerpunkt des lezten Meisterkonzertes dieser Sasion lag auf dem Begriff „Jugend“. Das HR-Sinfonieorchester mit seiner mehr als 80-jährigen Tradition ist damit allerdings nicht gemeint. Wohl aber der blutjunge Dirigent Ilyich Rivas, der mit knapp 20 Jahren vor Orchestern steht, von denen mancher Musikstudent in diesem Alter nicht mal zu träumen wagt. Gleiches gilt für die niederländische Geigerin Simone Lamsma, die nur ein paar Jahre älter ist und bereits international Karriere macht. Aber auch zwei der aufgeführten Werke sind in den jüngeren Lebensjahren der jeweiligen Komponisten entstanden.

29 Jahre alt war der Komponist Peter Tschaikowsky, als er seine Ouverture-Fantaisie „Romeo und Julia“ schuf, die die tragische Liebesgeschichte des Shakespeare-Dramas in Musik widerspiegelt. Der erste Eindruck beim Hinhören und Hinschauen: Dieser junge Mann am Pult dirigiert zwar überhaupt nicht „fürs Publikum“ - seine Bewegungen wirken oft ruckartig, unharmonisch, ein bisschen verrückt - aber er ist unglaublich präzise, zeigt genau, was er will und lenkt selbstbewusst und effizient den riesigen Orchesterapparat. Ohne Partitur!

Wie ein Streichquartett

Das Orchester, zumeist gestandene Damen und Herren aus der ersten Garnitur deutscher Orchestermusiker, folgte sehr aufmerksam und nahm die Hinweise des jungen Maestros bereitwillig auf. Ein wunderbar harmonisches Miteinander war das Ergebnis, eine engagiert erzählte Geschichte in Musik, die Gänsehaut verursachte, hervorgerufen durch eine herausragende Spielkultur. Die ermöglichte beispielsweise, dass knapp 50 Streicher so transparent und kammermusikalisch klangen wie ein Streichquartett, ohne auch nur im mindesten an Substanz und Tiefe zu verlieren. Auch die glasklaren und perfekt dosierten Bläserklänge konnte man nur als edel bezeichnen. Man hatte den Eindruck, so und nicht anders müsse es klingen.

Gleiches galt für das folgende Violinkonzert D-Dur von Johannes Brahms. Auch wenn natürlich die Geige die Hauptrolle in dem Werk spielt, ist doch das Orchester oft gleichberechtigt und an der musikalisch-thematischen Entwicklung wesentlich beteiligt.

Simone Lamsma beherrscht einen großartigen, kraftvollen Geigenklang, das Instrument ist in allen Lagen gleich präsent. Damit setzte sie sich mühelos über das große Orchester. Sie spielte engagiert zupackend, mit viel Sinn für große Linien, immer im Kontakt mit Dirigent und den Musikern.

Nach dem groß angelegten und leidenschaftlich interpretierten ersten Satz mit einer brillanten Kadenz war das Publikum so begeistert, dass spontan applaudiert wurde. Wunderschön war dann im langsamen zweiten Satz die Zwiesprache zwischen der beginnenden Oboe und der Sologeige. Nach dem kompakten schnellen Schlusssatz wollten die Hörer gar nicht mehr aufhören zu klatschen, sodass Lamsma eine Zugabe brachte.

Genauso alt wie der Dirigent, nämlich knapp 20 Jahre, war Dmitrij Schostakowitsch, als er seine Symphonie Nr. 1 f-moll komponierte. Unglaublich, wie der Komponist hier mit tradierten Formen spielt, sie einerseits nutzt, um sie im nächsten Moment über den Haufen zu werfen. Der Beginn ist irgendwie zerfasert, einzelne Stimmen setzen ein, erst allmählich findet sich alles zusammen. Mal verspielt, mal lärmend geht es weiter, mal bricht alles weg, um sich dann wieder zu pompösen Klanggebilden aufzutürmen. Koboldhaft ist auch der zweite Satz, dem dann ein erstaunlich verträumtes Lento folgt. Im letzten Satz geht es nach einer ruhigen Einleitung schließlich turbulent zum Ende.

Enthusiastischer Beifall

Eine Meisterleistung lieferten hier die Musiker ab, die immer mal wieder aus der Rolle des Orchestermusikers in die eines Solisten oder Kammermusikers schlüpfen mussten und aus den vielen musikalischen Gedanken und komplex scheinenden Strukturen ein spannendes und mitreißendes Klanggebilde formten.

Der enthusiastische Beifall zeigte die ungeteilte Begeisterung und Freude des Publikums über einen beglückenden Konzertabend.

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