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100 Jahre Erster Weltkrieg: "Esst Schwarzbrot, kein Weißbrot"

Von Für Volk und Kaiser, Krieg an zwei Fronten – nach der Mobilmachung gab es nur noch ein Thema: Der Krieg gegen Frankreich, Russland und England. Die Nachrichten von der Erfolgen des deutschen Heeres in Ost und West sowie der Marine auf dem Wasser füllten die Seiten. Doch der Krieg fand nicht nur fern der Heimat im Felde und auf See statt.
Schwestern, Rote-Kreuz-Helferinnen und Soldaten gemeinsam am Limburger Bahnhof. Die Frauen haben die Aufgabe, Soldaten auf dem Transport mit Getränken und Erfrischungen zu versorgen. 	Foto: Sammlung Heinz Müller Schwestern, Rote-Kreuz-Helferinnen und Soldaten gemeinsam am Limburger Bahnhof. Die Frauen haben die Aufgabe, Soldaten auf dem Transport mit Getränken und Erfrischungen zu versorgen. Foto: Sammlung Heinz Müller
Limburg. 

Der Krieg findet sich auf allen Seiten der Zeitung, die im August 1914 für die Bürger die Informations- und Nachrichtenquelle Nummer eins ist. Berichte von den Fronten künden von Siegen, Bekanntmachungen von Bürgermeistern und Landräten fordern von ihren Bürgern kriegsgerechtes Handeln.

„Die heute zu einer Besprechung mit dem Bürgermeister versammelten Vertreter der Handelskammer, des Detailistenvereins und des katholischen kaufmännischen Vereins erklären es für ihre patriotische Pflicht, in Rücksicht auf den Ernst der politischen Lage im nationalen und beruflichen Interesse mit allem Nachdruck auf ihre Berufsgenossen dahin einzuwirken, daß die Preisfeststellungen für die notwendigen Lebensmittel sich in angemssenen Grenzen halten.“ Ungerechtfertige Preissteigerungen sollen gemeldet werden, heißt es in der Bekanntmachung.

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Gleichzeitig werden die Verbraucher auch gebeten, „nicht durch übermäßige Einkäufe die vorhandenen Warenbestände vorzeitig zu erschöpfen, weil dadurch schon bei der Ergänzung der Vorräte Preissteigerungen hervorgerufen werden“. Und zur allgemeinen Beruhigung wird noch hinzugefügt: Mit Blick auf die ausstehende Ernte seien ausreichende Vorräte zu erwarten.

Limburg war ein zentraler Knotenpunkt der Bahn. Da die Soldaten vor allem über den Schienenweg transportiert wurden, gab es zahllose Truppentransporte.
Info: Der große Krieg

Der August als erster Kriegsmonat führt auch in der Heimat schnell zu Einschränkungen und Veränderungen. Darum geht es heute in unserem Rückblick aus Anlass des Kriegsausbruches vor 100 Jahren.

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Sehr gut besucht ist der erste Bittgottesdienst im Limburger Dom, der wie die anderen Bittgottesdienste in den Kirchen des Landes auf Wunsch des Kaisers abgehalten wird. Tausende waren gekommen, um den Worten des Trostes und Ermunterung durch Bischof Augustinus Kilian zuzuhören. Zur gleichen Zeit stellt der Turnverein Niederneisen 1000 Mark aus seinem Vereinsvermögen den in den Krieg ziehenden soldaten und ihren Angehörigen zur Verfügung.

Am 6. August 1914 werden die Limburger darüber informiert, dass es tagsüber keinen Strom mehr gibt, während der Abend- und Nachtstunden müsse die Versorgung aufs äußerte beschränkt werden. Begründet wird dies mit der Mobilmachung und der damit verbundenen Aufforderung, Strom vor allem für die Werkstätten der Eisenbahn und die Beleuchtung des Bahnhofs zur Verfügung zu stellen. Die Stadt als Versorger droht an, die Stromlieferung für Privatabnehmer komplett einzustellen, sollten die Aufforderungen nicht erfüllt werden.

Festes Vertrauen

In der gleichen Ausgabe des Nassauer Boten, der seine umfassende Kriegsberichterstattung mit Extrablättern ergänzt, versichert der Limburger Bürgermeister Haerten erneut, dass die Bevölkerung keinerlei Besorgnis haben müsse, dass es einen Mangel an notwendigen Lebensmitteln geben werde. Nach Beendigung der Truppentransporte und dem dann wieder eintretenden normalen Güterverkehr würden die bis dahin vorübergend auftretenden Mängel wieder beseitigt werden. „Auch in dieser Beziehung wird es der Stolz der Limburger Bürgerschaft sein, dasselbe feste Vertrauen zu zeigen, wie unsere so begeistert ins Feld ziehenden Krieger“, beendet der Bürgermeister überaus patriotisch seine Bekanntmachnung.

Verabschiedung auf dem Limburger Neumarkt: Eingekleidet und versehen mit Rucksäcken und Gepäck machen sich die Soldaten auf den Weg. Waffen haben sie zu diesem Zeitpunkt noch keine erhalten.	Fotos: Sammlung Heinz Müller
August 1914: Mobilmachung in Limburg, Jubelnd in den Untergang: Begeisterung für den Krieg

Wie erlebten die Menschen in der Limburger Gegend den Kriegsausbruch im Juli/August 1914? Die Archivbände des „Nassauer Boten“, einer Vorgängerzeitung der NNP, geben Aufschluss darüber.

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Auch das Rote Kreuz reagiert auf den Kriegsbeginn, bündelt seine verschiedenen Zweige und bildet fünf Abteilung, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Zum Beispiel die Errichtung von Erfrischungs- und Verbandsstationen, die Unterstützung von bedürftigen Familien oder auch die Annahme, Aufbewahrung und Absendung von Nahrungs- und Genussmittel, den sogenannten Liebesgaben. Die Vorstände der Vaterländischen Frauenvereine, immerhin in zwölf Orten des damaligen Landkreises Limburg vertreten, unterstützen das Rote Kreuz in seinen Bemühungen.

Sonntagsarbeit erlaubt

Am 7. August meldet der Nassauer Bote die Festnahme eines Spions bei Marienberg, der eine große Menge belastendes Material bei sich geführt habe. Bei seiner Verhaftung soll er geschossen haben. Er wurde in die Strafanstalt eingeliefert. Die Camberger Stadtverordneten beschließen in der ersten Kriegswoche, den Kriegsteilnehmern aus der Stadt die staatliche gewährte Familienunterstützung aus der Stadtkasse noch aufzubessern. Die Stadt veranschlagt die damit verbundenen Kosten zunächst auf 4000 Mark.

Das Bischöfliche Ordinariat erlässt Anordnungen für die Dauer der Kriegszeit. Unter anderem werden Angehörige von Familien, die Soldaten aufnehmen müssen bzw. einquartiert bekommen, von dem Fasten- und Abstinenzgebot befreit. Zudem werden die Pfarrer ermächtigt, den Angehörigen ihrer Pfarrei die knechtliche Arbeit an Sonn- und Feiertagen in der Landwirtschaft zu gestatten, damit die Ernte eingebracht werden kann.

Bürger aus Metz

Landrat Büchtling wendet sich mit einem Aufruf am 7. August an die Bevölkerung im Kreis Limburg. 3000 bis 4000 Personen aus Metz sollen aufgenommen werden. Frauen, Kinder und Greise seien dabei hauptsächlich zu erwarten, die Unterbringung der deutschen Volksgenossen geschehe auf Kosten der Stadt Metz. Am 21. August kommen die ersten 500 Bürger aus Metz in Limburg an und müssen aufgenommen werden, für den Tag wird noch ein weiterer Transport mit 1500 Personen erwartet.

Die Limburger Stadtverordnetenversammlung am 11. August ist natürlich auch geprägt durch den Kriegsbeginn. Es werden Kredite bewilligt und die Bildung von Kommissionen beschlossen: zur Beschaffung von Lebensmitteln und zur Versorgung der Bevölkerung; zur Unterstützung der Familien der Kriegsteilnehmer nimmt die Stadt einen Kredit in Höhe von 25 000 Mark auf. Das Rote Kreuz erhält zudem noch einen Zuschuss in Höhe von 5000 Mark.

Dass der Krieg auch andere Seiten außer Siegesmeldungen hat, wird in der zweiten Kriegswoche deutlich. Die ersten Verwundeten treffen in der Region ein. Für den 11. August vermerkt Lucie Meckel aus Diez in ihrem Kriegstagebuch: Um 4 Uhr hörte man, daß ausgeschellt wurde und es wurde bekannt gegeben, daß die Krankenträger sofort nach der Bahn kommen sollten, und um 6.20 kamen die ersten Kranken gefahren, getragen, u. der größte Teil legte den Weg durch die Straßen zu Fuß zurück. 4 recht schwer Verwundete waren dabei.“ In den nächsten Tagen kamen weitere Verwundetentrasnsporte an.

Mehlpreise steigen

Und allen Beschwichtigungen zum Trotz, muss der Limburger Bürgermeister am 19. August schon eine Erhöhung der Mehlpreise und damit auch eine Anhebung der Brotpreise verkünden. Es gibt nicht nur einen Preisaufschlag, sondern auch eine Reduzierung des Angebots: Es gibt nur noch Kornbrot und Rundbrot. Der Grund ist klar: Weizen muss eingeführt werden und steht kaum noch zur Verfügung, also muss Brot aus Roggenmehl bestehen. Der Slogan „Esset Schwarzbrot anstelle von Weißbrot“ wird ausgegeben und propagandistisch begleitet: Gesundheitlich ist das Roggenbrot zuträglicher, vor allem auch bei der Jugend. „Der stärkere Verbrauch von Roggenbrot statt Weißbrot ist im vaterländischen Interesse“, lässt das Bürgermeisteramt verkünden.

Während die offiziellen Stellen auf Roggenbrot einschwören, schießen in vielen Orten die „Väterländischen Frauenvereine“ aus dem Boden. Allein am 19. August meldet der Nassauer Bote Gründungen aus Mühlen (heute ein Teil von Eschhofen), Ohren, Oberweyer, Hintermeilingen, Hausen und Fussingen. Zugleich ruft das Rote Kreuz Frauen dazu auf, sich als Helferinnen ausbilden zu lassen. Und die Limburger Frauen erklären sich bereit, „die reiche Obsternte dieses Jahres für unsere Soldaten nutzbar zu machen“. Die Bevölkerung wird daher aufgerufen, möglichst viel Obst zu spenden, das sich verarbeiten lässt.

Betriebe arbeiten wieder

Zum Monatsende hin melden Betriebe und Einrichtungen die Wiederaufnahme der Produktion und des Handels. Zuvor waren Produktion und Handel im Rahmen der Mobilmachung teilweise zum Erliegen gekommen. Die Eisenwerke von Buderus melden die Wiederaufnahme der Produktion in der Carlshütte in Staffel, die Dom-Apotheke steht in vollem Umfange wieder zur Verfügung, die Steingutfabrik in Staffel ist am Monatsende wieder am arbeiten.

Und schließlich ist es so weit: Am 24. August 1914 erscheint, noch ohne das später übliche Eiserne Kreuz, die erste Todesanzeige für einen Soldaten. Regierungsrat Schiffler aus Limburg hat sie seinem Schwager Heinrich Reich aus Wiesbaden gewidmet. Als Oberleutnant der Reserve ist er im Alter von 35 Jahren gefallen. Viele ähnliche Anzeigen sollen folgen.

Doch der Krieg fordert auch Opfer in der Heimat. Am 27. August wird zwischen Staffel und Limburg ein 70 Jahre alter Mann von einem Militär-Lastwagen erfasst. Er ist auf der Stelle tot. Der 70-Jährige, Kriegsteilnehmer 1870/71 und Invalide, wie die Zeitung erwähnt, war in Begleitung eines von Kühen gezogenen Wagens unterwegs und wollte den Lenker des Gespanns, das gerade auf die Landstraße eingebogen war, auf das herannahende Fahrzeug aufmerksam machen. Dabei wurde der Mann aus Staffel von dem Lastwagen erfasst.

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