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Adipositas: Martina Frömel hat 150 Kilo abgenommen

Dass die anderen in der Selbsthilfegruppe auch Mal Witze über Dicke machen, sei in Ordnung, sagt Martina Frömel. Aber bitte nicht, wenn sie dabei ist. „Dafür weiß sie zu viel über die Folgen.“ Vor zwei Jahren hat Martina Frömel die Adipositas Selbsthilfegruppe Hünfelden gegründet, um anderen Erkrankten zu helfen – mit ihrem Wissen und ihrer Lebenslust.
Martina Frömel hat es mit viel Ehrgeiz geschafft: Als die Therapie begann, wog sie noch mehr als 247 Kilogramm. Martina Frömel hat es mit viel Ehrgeiz geschafft: Als die Therapie begann, wog sie noch mehr als 247 Kilogramm.
Hünfelden. 

Es ist ja nicht so, dass sie nichts versucht hätte. Mindestens 20 Diäten hat Martina Frömel ausprobiert. „Alles, was so in den Zeitschriften stand.“ Mangelnde Willenskraft und Ausdauer kann man ihr also nicht vorwerfen. Sonst hätte sie es ja auch jetzt nicht geschafft – endlich. Nach 13 Operationen an Magen, Darm und Bauchdecke hat sie ihr Wunschgewicht: „Was Zweistelliges“, sagt Martina Frömel und lacht. Genauer: 99,2 Kilo. Jeden Tag überprüft sie ihr Gewicht. Obwohl das eigentlich viel zu oft ist. „Aber ich brauche die Kontrolle.“ Schließlich will sie nicht zurück zu den Zeiten, in denen sie mehr als das Doppelte wog.

Info: Operation als letzter Ausweg

Die Adipositas ist von der WHO seit 1997 als chronische Krankheit anerkannt und weltweit ein rasant wachsendes Gesundheitsrisiko. Gemäß der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird von einer Adipositas

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Heute ist Martina Frömel 51 „und die Waage ist mein Freund“. Erst seit 2010 steigt sie überhaupt regelmäßig auf die Waage. Übergewicht hat sie schon viel länger. Aber heute sehe sie wieder die Sonnenseite, sagt Martina Frömel. „Ich liebe das Leben. Ich genieße das Leben 2.0.“ Und genau den Lebenswillen und die Hoffnung auf ein leichteres Leben will sie den Mitgliedern ihrer Selbsthilfegruppe vermitteln. Vor zwei Jahren machte sie sich auf die Suche nach Männern und Frauen, die ebenfalls unter Adipositas leiden – inzwischen hat die Adipositas Selbsthilfegruppe Hünfelden rund zwei Dutzend Mitglieder, vor allem Frauen – im Alter von 16 bis 69 Jahren, in der Gewichtsklasse zwischen 90 und 170 Kilo. Nicht alle haben dasselbe Schicksal wie sie, aber vieles wiederholt sich, sagt Martina Frömel. Und Tipps und Informationen und die Geborgenheit der Gruppe können sie alle gebrauchen. Und jemanden, der ihnen zuhört.

Als Martina Frömel klein war, war sie „das schöne stämmige Kind“. Bei der Einschulungsuntersuchung sagte der Amtsarzt schon, dass sie abnehmen müsse, zu ihrer Kommunion musste sie ein abgeschnittenes Brautkleid tragen, in die Kinderkleider passte sie längst nicht mehr hinein. Ihre Mutter habe eigentlich immer auf die Ernährung geachtet. Aber die Oma habe ihr und ihrem Bruder immer wieder Süßigkeiten zugesteckt. „Sie wollte uns was Gutes tun.“ Und sie habe das Gegenteil erreicht. „Aber das konnte sie ja damals nicht ahnen.“

Die erste Diät hat sie mit 12 oder 13 gemacht; eine „Brigitte-Diät“; es gab vor allem Suppe. Daran kann Martina Frömel sich noch gut erinnern. Und auch daran, dass sie so stolz war damals, weil sie 20 Kilo abgenommen hatte und endlich in die tolle Hose passte, die sie immer haben wollte. Aber dann hörte sie auf, regelmäßig von Elz nach Hadamar zu laufen und kaufte sich Süßigkeiten von ihrem Taschengeld. „Heute weiß ich, dass ich damals meinen ganzen Frust in mich reingefressen habe“, sagt Martina Frömel. Und sie weiß, dass sie damals noch die Möglichkeit gehabt hätte, leicht ein neues Essverhalten zu lernen.

Sie blieb dick. Als sie 1983 ihre Lehre bei der Post begann, wog sie 105 Kilo. Und sie suchte sich wieder ein Hobby, bei dem sie sich nicht bewegen musste. Sie ging in Singekreis. Dort fand sie Freundinnen, mit denen sie gemeinsam Diäten machte. 1984 ging sie zum ersten Mal zur Kur, ihre Eltern hatten die Idee. Sie machte eine Pulver-Diät und sollte lernen, sich zu bewegen. Sie nahm ein paar Kilo ab und freute sich, dass sie hinterher die gleichen Klamotten tragen konnte wie die anderen jungen Frauen – nicht mehr nur dunkle Zelte in A-Form.

Im Dunkeln nach draußen

Aber als sie wieder nach Hause kam, war Schluss mit Sport. Überhaupt sei sie damals eigentlich nur im Dunkeln nach draußen gegangen, sagt Martina Frömel. Weil sie sich schämte, weil sie die Blicke satt hatte. Und irgendwann ging sie fast gar nicht mehr raus.

Zwei Jahre war sie krankgeschrieben, weil sie sich bei der Arbeit den Arm gebrochen hatte, immer wieder musste sie operiert werden. Aber sie lernte ihren Mann kennen. 120 Kilo wog sie damals, „und er hat mich so genommen, wie ich war“. Sie wurde schwanger, bekam erst einen Sohn, dann schnell einen zweiten. Dann begann der Stress – mit den beiden Kindern und ihren Eltern, „dann kam das große Frustfressen“ und dann die Krankheiten, die so oft mit der Adipositas einhergehen: Bluthochdruck und Diabetes Typ II. Dazu kamen noch diverse Ulcera (Hautgeschwüre) an den Beinen – eine Folge der Lymphödeme, unter denen Martina Frömel leidet, und des Übergewichts. „Die ganzen Kilo drücken ja noch mehr auf die Beine.“ Damals habe sie allerdings nicht glauben wollen, dass es einen Zusammenhang gibt. Überhaupt habe sie damals nur wenig Vertrauen zu den Medizinern gehabt, sagt Martina Frömel. Sie sei schon allein deshalb nur ungern zum Arzt gegangen, weil sie ja gar nicht auf die Stühle passte, und weil sie bemerkte, mit welchen Blick manche Ärzte sie damals bedachten. „Das ist entwürdigend.“ Dabei sei Adipositas doch längst als chronische Erkrankung anerkannt.

Irgendwann musste sie dann doch mal zum Arzt. Als sie eines Nachmittags entdeckte, dass die Beule, die sie an ihrem Bauch bemerkt hatte, vermutlich von einem Babyarm oder -bein stammt und das Grummeln kein Magen-Darm-Infekt war. Sechs Wochen später kam ihre Tochter auf die Welt – spontan und ohne Komplikationen, so wie die beiden Jungen zuvor auch.

Die Probleme begannen nach der Geburt: Wegen der offenen Beine konnte sie ihre Kinder nicht versorgen. Das übernahmen ihr Mann und ihre Schwiegermutter. Sie konnte nur im Wohnzimmer auf dem Sessel sitzen. „Liegen wollte ich nicht. Ich hatte Angst, dass ich keine Luft mehr kriege.“

Ins Krankenhaus wollte sie auf keinen Fall. Und irgendwann habe ihre Familie es auch aufgegeben, auf sie einzureden. Aber am 40. Geburtstag ihres Mannes ging gar nichts mehr, sie brach zusammen und wurde ins Krankenhaus eingeliefert.

Therapie brachte Erfolg

Und von da an ging es bergauf. Erst kam sie in eine Klinik, in der ihre Beine verheilen und die Ödeme behandelt werden konnten. Außerdem nahm sie 30 Kilo ab. Es folgten weitere Klinikaufenthalte – und irgendwann ging sie tatsächlich in ein Krankenhaus, das auf Adipositas spezialisiert ist. Als ihr der Chef des Adipositaszentrums Frankfurt sagte, dass sie sofort behandelt werden müsse, wenn sie noch länger als fünf Monate leben wolle, sei sie erst einmal geschockt gewesen, sagt Martina Frömel. Dann entschied sie sich für die Mehrschritt-Therapie: Erst Magenballon, dann Schlauchmagen, dann Biliopankreatische Diversion (dabei wird auch der Restmagen entfernt und der Darm gekürzt).

Sie hat jede Menge abgenommen: Als die Therapie begann, wog sie 247,8 Kilo, jetzt, sieben Jahre später, sind es 99,2 Kilo. Und sie ist froh, dass sie alles überlebt hat – alle geplanten und die Notoperationen. „Ich habe bei allem hier geschrien.“ Die Zeit der OPs ist nicht vorbei. „Bei der Adipositaschirurgie muss immer wieder nachjustiert werden“, sagt Martina Frömel und lacht.

Angst vor Operationen hat sie inzwischen nicht mehr, dafür waren es jetzt schon zu viele. Den Mitgliedern der Selbsthilfegruppe empfiehlt sie die Magen-Operation durchaus als Option. „Aber es muss nicht immer die Chirurgie sein.“ Wichtig sei, dass die Menschen an ihren psychischen Erkrankungen arbeiten. Dass sie erst einmal lernen, dass ihr Übergewicht nicht nur die Folge von zu viel Schokolade oder Cola ist. „Viele Mitglieder haben Missbrauchs- und Gewalterfahrungen.“ Heute wisse sie: „Erst muss die Seele frei sein, dann kann man an die inneren Organe gehen.“ Und noch etwas müssten alle Adipositas-Kranken wissen: dass sie Geduld und Ausdauer brauchen. „Wir sind von Kind auf an das falsche Essverhalten gewöhnt – das kommt immer wieder.“

Ein Treffen pro Monat

Die Adipositas-Selbsthilfegruppe Hünfelden trifft sich an jedem vierten Montag im Monat im Rathaus der Gemeinde Hünfelden, Le Thillay-Platz. Die Mitglieder können sich austauschen, Fachvorträge hören oder gemeinsam Kegeln gehen. Weitere Informationen gibt es bei Martina Frömel, Telefon:  01 57 - 34 95 52 64.

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