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Jugend musiziert: 230 Musiker stellten sich dem Regionalwettbewerb: Musiker und Helden in Montabaur

Von Rund 230 junge Musiker trafen sich am vergangenen Wochenende am Landesmusikgymnasium, um sich im Wettbewerb „Jugend musiziert“ zu messen. Zu erleben waren musikalische Leckerbissen – und menschliche Großtaten.
Vom Vater ermuntert: Die zweite Chance nutzte Saxophonist Til Schaeferdieck für einen ersten Platz beim Regionalwettbewerb von „Jugend musiziert“. Foto: Bohnhorst-Vollmer Anken Vom Vater ermuntert: Die zweite Chance nutzte Saxophonist Til Schaeferdieck für einen ersten Platz beim Regionalwettbewerb von „Jugend musiziert“.
Montabaur. 

Saxophonist Luis Moshammer ist an diesem Tag der Retter in der Not. Er erscheint zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und er hat das geeignete Gerät dabei – sein Instrument. Weil der 15-jährige Musikgymnasiast sein Saxophon ohne zu zögern an einen noch jüngeren Musiker verleiht, rettet er nicht nur dessen Auftritt beim Regionalwettbewerb „Jugend musiziert“, sondern auch den der Duopartnerin des Jungen. Und weil Luis Moshammer diesen spontanen Instrumententausch mit äußerster Gelassenheit abwickelt, trägt er zudem zur Beruhigung aller Beteiligter bei. Er verleiht dem Wettbewerb, bei dem sich in diesem Jahr rund 230 junge Menschen zwischen acht und 20 Jahren musikalisch messen, eine empathische Note, die preiswürdig ist. Die Kinder schöpfen neuen Mut, die Eltern des Duos und die Organisatorin des Wettbewerbs atmen durch, und auch die Juroren lächeln entspannt.

Hauptsache Spaß! Den hat das Querflöten-Trio Greta Bruchhäuser, Charlotte Haacke und Katharina Stumpf (von links) in Montabaur. Bild-Zoom Foto: Bohnhorst-Vollmer Anken
Hauptsache Spaß! Den hat das Querflöten-Trio Greta Bruchhäuser, Charlotte Haacke und Katharina Stumpf (von links) in Montabaur.

Der Reihe nach: Annika Schaaf und Til Schaeferdieck, beide Saxophonisten, beide elf Jahre alt, treten zum ersten Mal als Duo beim Regionalentscheid von „Jugend musiziert“ in Montabaur an. Die Kinder sind gut vorbereitet, die Instrumente gestimmt. Die ersten Töne plätschern angenehm dahin, bis plötzlich Tils Saxophon verstummt. Kein Fiepen, kein Quietschen, kein einziger Ton kommt. Nichts als ratlose Stille. Auch einer der Juroren, selbst Saxophon- und Klarinettenlehrer, bewirkt nichts. Das Instrument streikt. Die Kinder müssen ihr Programm abbrechen und verlassen den Vortragssaal. Schlimmer kann ein Vorspiel nicht enden.

Auch für die Eltern und die Veranstalter. Jugend-musiziert-Organisatorin Sabine Melchiori berät sich mit den Mitgliedern der Jury und stellt den Kindern eine zweite Chance in Aussicht, sofern sich rasch ein Instrument findet. Da spaziert Luis Moshammer, der später an diesem Tag mit einem Saxophon-Quartett ebenfalls auftreten wird, vorbei. Er ist auf dem Weg zum Bäcker. Es ist frühmorgens für den jungen Mann. Dass sich hier ein Drama anzubahnen droht, weiß er nicht. Klar ist nur, ein Instrument fehlt, und er braucht seines erst in ein paar Stunden. Also handelt er, geht anstatt zum Bäcker zurück in sein Zimmer im Internat der Schule und verleiht sein Saxophon.

Eigenleben

Selbstverständlich sei das nicht, sagt ein Musiker, der den Zwischenfall miterlebt. Schon gar nicht, wenn das Instrument wenig später für ein eigenes kleines Konzert eingesetzt werden soll. Von der Seele und dem Eigenleben des Saxophons spricht der Mann. Das dürfe man nicht unterschätzen. Luis Moshammer denkt in diesem Augenblick jedoch an die Seele von Til Schaeferdieck und Annika Schaaf. Die Kinder dürfen noch einmal antreten – und spielen sich auf einen vorderen Platz.

Trotz Fieber auf die Bühne. Nastasja Chodykin. Bild-Zoom Foto: Bohnhorst-Vollmer Anken
Trotz Fieber auf die Bühne. Nastasja Chodykin.

Weniger dramatisch, aber ebenfalls spannend ist die Szene in einem der Einspielräume für die Pianisten: Die 17-jährige Nastasja Chodykin aus Diez glüht. Noch am Morgen habe ihre Tochter 39 Grad Fieber gehabt, berichtet die Mutter. Vorspielen wolle sie trotzdem, zur Not mit einem kühlenden Waschlappen im Nacken, der von den langen Haaren der Pianistin bedeckt wird. Ob das sinnvoll ist? Einige Zuhörer im Flur vor einem der Musiksäle schütteln den Kopf. „Das Leben hängt von diesem Wettbewerb nicht ab“, sagt Viola Bruchhäuser, eine Jugend-musiziert-erprobte Mutter aus Eppenrod. Ihre Tochter Greta spielt gemeinsam mit Charlotte Haacke und Katharina Stumpf. Die jungen Mädchen treten als Querflöten-Trio an. Die Instrumentallehrerin ist ebenfalls anwesend, nickt den Kindern aufmunternd zu und wünscht: „Viel Spaß!“ Die drei spielen ihr Programm glänzend. Ebenfalls zufrieden mit ihrer Leistung sind vier Violinistinnen. Die Stücke hätten gut geklappt, sagt eine von ihnen. Nur eine der Kolleginnen äußert Bedenken. Ein Takt hier habe nicht ganz sauber geklungen, eine Passage dort war vielleicht eine Spur verhudelt.

Die Ansprüche sind hoch. Das Niveau ist es auch, und wo der Druck das Höchstmaß übersteigt, fließen Tränen. Etwa in der Cafeteria der Schule, in der Oberstufenschüler die Teilnehmer und Gäste mit Kaffee und Kuchen versorgen.

An einem der Tische sitzt ein Junge und schluchzt. Alles vorbei, sagt er und wischt sich die Augen mit dem Ärmel seines Anzuges. Monatelanges Üben für nichts und wieder nichts. Der Vater schüttelt den Kopf. Aus seiner Sicht habe der Sohn sehr gut gespielt. Und wenn’s nicht für einen Spitzenplatz reichen sollte, dann „ist heute eben nicht dein Tag.“ Allerdings liegt das Ergebnis der Jury noch gar nicht vor.

Für Luis Moshammer ist jedenfalls auch der Rest des Tages gut gelaufen. Er hat sich seine Gelassenheit bewahrt, sein Instrument zurückerhalten und gemeinsam mit seinem Saxophon-Quartett nicht nur einen ersten Platz erzielt. Die vier Jungen haben sich zudem für die nächste Stufe von „Jugend musiziert“ qualifiziert. Sie werden in wenigen Wochen mit ihrem Programm auf Landesebene in Mainz antreten.

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