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Wirtschaftsförderungsgesellschaft Westerwald: Wilfried Noll: Ärmel hochkrempeln und solide arbeiten

Das wirtschaftliche Klima im Westerwald ist gesund: Die Region ist attraktiv, die Arbeitslosenquote gering. „Der Westerwälder ist fleißig und eher bescheiden“, sagt Wilfried Noll, langjähriger Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) Westerwald. Zum 31. Dezember verabschiedet sich der 63-Jährige nach genau 21 Jahren bei der WFG in den Ruhestand. Die Zukunft des Kreises sieht er optimistisch, die Vergangenheit betrachtet er ohne Verklärung. Mit NNP-Reporterin Anken Bohnhorst-Vollmer sprach Noll über Möglichkeiten und verpasste Chancen.
Dieses Luftbild entstand im Sommer 2016. Es zeigt den Pendler-Parkplatz am ICE-Bahnhof sowie die Umgebung des Bahnhofs. Foto: Thomas Frey Dieses Luftbild entstand im Sommer 2016. Es zeigt den Pendler-Parkplatz am ICE-Bahnhof sowie die Umgebung des Bahnhofs.
Montabaur. 

Mit Wirtschaftsförderung kamen Sie bereits Mitte der 1980er Jahre in Berührung. War die Förderung da noch eher Entwicklungshilfe?

WILFRIED NOLL: Auch vor 30 Jahren ging es der Region schon gut. Die Verbandsgemeinde Montabaur, in der ich ab 1986 für Wirtschaftsförderung und Fremdenverkehr zuständig war, galt bereits damals als aufstrebend. Montabaur hatte eine gut funktionierende Kaserne und war schon damals als Gewerbestandort eine gute Wahl. Die neu geschaffene Fußgängerzone war attraktiv, und wir haben die ersten Rad- und Wanderwege in der Verbandsgemeinde angelegt. Dass die Kurve der wirtschaftlichen Entwicklung nach oben zeigt, war zu der Zeit schon erkennbar.

Fußgängerzonen und Wanderwege sind aber keine Alleinstellungsmerkmale. Wo kam die Schubkraft her?

NOLL: Einen gewaltigen Schub bekam die Region durch das enorme Engagement von Ralph Dommermuth und die enge Zusammenarbeit mit ihm. In den 1980er Jahren war Dommermuth „nur“ Geschäftsführer von 1&1 und noch längst kein Global Player. Aber dass seine Kreativität und seine neu gegründete United Internet Holding Potenzial für die Stadt, die Verbandsgemeinde Montabaur und den gesamten Westerwaldkreis birgt, das erkannte der damalige Stadt- und VG-Bürgermeister Dr. Paul Possel-Dölken von der CDU sehr schnell. Eine eigens zur Erweiterung des Firmensitzes gegründete Stadtentwicklungsgesellschaft investierte in die neuen modernen Firmengebäude im Businesspark Montabaur. Die Stadtentwicklungsgesellschaft erstellte die neuen Gebäude in der Elgendorfer Straße in Montabaur mit einem zinslosen Darlehen des Landes, das 50 Prozent der Investitionssumme abdeckte. United Internet musste lediglich für mehrere Jahre bis zum Kauf der Gebäude die Zinsen für den gesamten Kapitalbedarf und die laufenden Kosten tragen. Damit hatte das Unternehmen einen enormen Liquiditätsvorsprung, der zu einem großen Teil in die Region investiert wurde und der für das Unternehmen natürlich eine riesige Starthilfe war. Diese umfänglichen Bauvorhaben abzuwickeln war eine Mammutaufgabe. Aber wir haben sie bewältigt – und das hat sich ausgezahlt.

Wie auch das Beharrungsvermögen des Bürgermeisters, als es um den ICE-Bahnhof ging.

NOLL: Zum ICE-Bahnhof hatte Possel-Dölken schon Ende der 1980er Jahre Visionen – und wurde von einigen Ratsmitgliedern belächelt. Es war ein Großprojekt, dessen Erfolg sich viele Verantwortliche und Bürger nicht vorstellen konnten. Für die Stadt, den Kreis und für die Region war und ist der ICE in unmittelbarer Nähe zur A3 ein herausragender Standortvorteil, um den uns Großstädte und Regionen in ganz Deutschland beneiden. Und das vor zwei Jahren eröffnete Fashion Outlet ist eine folgerichtige Entwicklung und gehört dazu.

Die Eröffnung des ICE-Bahnhofs im Jahr 2002 haben Sie dann schon als Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Westerwald auf Kreisebene erlebt.

NOLL: Ja, ich bin 1997 als Geschäftsführer der WFG zum Kreis gegangen. Zu jener Zeit begannen sich immer mehr Dienstleister in der Region anzusiedeln. Daneben ist die Region von einer Vielzahl metallverarbeitender Betriebe und international agierender Maschinenbauunternehmen geprägt. Das produzierende Gewerbe hat im Westerwaldkreis nach wie vor einen hohen Anteil in der Wertschöpfungskette. Einen Strukturwandel haben wir in der keramischen Wirtschaft erlebt. Heute ist das Kannenbäckerland rund um Höhr-Grenzhausen und Ransbach-Baumbach ein starker Standort, wenn es um die künstlerische Keramik und die Vermittlung von Wissen und die Forschung geht. Und dennoch wird auch heute dort noch produziert. Erst vor wenigen Monaten eröffnete in Ransbach-Baumbach ein Unternehmen, das eine der weltweit modernsten Fliesenproduktionsstätten hat.

Welche weiteren Impulse erhielt die Region?

NOLL: Eines unserer vorrangigen Themen ist die Breitbandversorgung, die wir seit mehr als zehn Jahren vorantreiben. Die Unternehmen, die sich hier niederlassen, verlangen eine gute Breitbandversorgung, private Haushalte ebenso. Um die zu erreichen, haben wir uns schon vor mehr als zehn Jahren für eine Kooperation des in Koblenz ansässigen Telekommunikationsanbieters Kevag-Telekom und Kabel Deutschland eingesetzt und einen Deal eingefädelt.

Danach erklärten sich beide in weiten Teilen des Westerwaldkreises vertretenen Anbieter kooperationsbereit, wenn wir mindestens 3000 Anschlusskunden bringen würden. Wir brachten 6000 – und verbesserten in den Jahren 2005/2006 mit dieser Initiative nachhaltig die damalige DSL-Versorgung in mehr als zwei Dritteln unserer Gemeinden und Städte. Diese und nachfolgende Anstrengungen haben sich ausgezahlt. Heute steht der Westerwaldkreis beim Breitbandausbau landesweit ganz vorne.

Und die noch unversorgten Gebiete?

NOLL: Dass es trotzdem noch einige wenige weiße Flecken auf der Breitband-Karte gibt, stimmt. Daran arbeiten wir, weil wir wissen, dass die flächendeckende Breitbandversorgung ein weiterer wesentlicher Sprung nach vorne und die Ausgangsbasis für die anstehende Gigabitgesellschaft mit einer fortschreitenden Digitalisierung ist. Jetzt gilt es, die wenigen noch unterversorgten Teilbereiche an die schnellen Netze zu bringen und den Blick auf eine flächendeckende Glasfaserversorgung für den gesamten Kreis zu richten. Diese Aufgabe steht an, dazu krempeln wir weiter die Ärmel hoch und arbeiten solide und zielorientiert, anstatt permanent die Werbetrommel zu rühren. Das ist nicht die Art der Westerwälder. Wir setzen darauf, dass sich Qualität und ein gutes Wirtschaftsklima rumsprechen.

Und wie steht es mit der Bildungsqualität im Westerwald?

NOLL: Auch da sind wir dabei. Denn wenn Sie etwas für die Jugend tun, können Sie nichts falsch machen. Deshalb haben wir beispielsweise eine Kooperation mit der Universität Siegen, eine „Zukunftswerkstatt“, ins Leben gerufen, in der Studenten in Unternehmen in der Region kommen und dort nicht wie klassische Unternehmensberater von oben auf die Firma schauen, sondern innen drin sind. Das schafft Transparenz und Vernetzung, und das ist vor allem eine pragmatische Herangehensweise an den Fachkräftemangel. Denn die jungen Leute lernen Unternehmen quasi vor ihrer Haustür kennen. Eine ähnliche Initiative haben wir auch mit Realschulen entwickelt. Hier fahren wir Schüler in Betriebe, um ihnen Arbeitsplätze und -umgebungen näher zu bringen. Gleiches gilt für das Projekt Touring, bei dem wir angehende Ingenieure der Hochschule Koblenz mit den Unternehmen und Arbeitgebern der Region frühzeitig vernetzen.

Bleibt bei der langen Liste von Erfolgsmeldungen die Frage, was nicht so gut gelaufen ist.

NOLL: Da muss man ganz klar den versäumten Ausbau der B 255 nennen. Hier hat sich auf Kreisebene leider keine deutliche Mehrheit für den weiteren mehrspurigen Ausbau gefunden, der wichtig gewesen wäre, um die Hauptachsen A 3 und A 45 zu verbinden. Dass diese Hauptschlagader nicht optimal pulsiert, das ist sicher eine vertane Chance für viele Jahre. Ebenso wie der Leerstand im ICE-Bahnhof. Es ist kein Umsteigebahnhof, weshalb sich dort keine wartenden Zugreisenden aufhalten, die Gewerbetreibenden die nötigen Umsätze garantieren. Trotzdem sollte hier in absehbarer Zeit für ein wenig mehr Leben gesorgt werden. Ich könnte mir hierzu auch gut einen Kreativwettbewerb mit neuen Ideen vorstellen. Das wäre ein weiteres Mosaiksteinchen im Erfolgsmodell Westerwald. Man muss Pläne haben, Ziele formulieren und fördern – und dann im ICE-Bahnhof vielleicht ein weiteres Novum schaffen.

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