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Choräle hoch vom Schlossturm

Alle Jahre wieder werden an Heiligabend in Höchst Choräle vom Schlossturm geblasen. Glühwein und Kinderpunsch gibt es gegen eine Spende für Leberecht.
Eine Höchster Tradition: Das Turmblasen an Heiligabend.	Foto: Reuß Eine Höchster Tradition: Das Turmblasen an Heiligabend. Foto: Reuß
Höchst. 

Wie jedes Jahr wird sich eine große Schar von festlich gestimmten Besuchern auf dem Höchster Schlossplatz versammeln und ab 19.30 Uhr den vom Posaunenchor der evangelischen Gemeinde dargebotenen Weihnachtsliedern lauschen. Das Turmblasen wird inzwischen vom Höchster Vereinsring organisiert, nachdem sie über mehr als 100 Jahre bei den Nachkommen der weit verzweigten Familie Schäfer angesiedelt war.

Für die Durchfrorenen wird Glühwein angeboten. Der Glühwein wird in diesem Jahr ausgeschenkt vom Gasthaus "Zum Bären" – für eine Spende an die Stiftung Leberecht unserer Zeitung. Diese Aufgabe teilen sich im Wechsel die Wirte der Gasthäuser "Zum Bären" und "Alte Zollwache", Frank Wellert und Michael Voss. Die Leberecht-Stiftung macht sich seit mehr als 60 Jahren für behinderte und benachteiligte Kinder und Jugendliche und ihre Eltern in der Region stark.

Das Höchster Turmblasen hat seiner Konkurrenzveranstaltung, dem großen Frankfurter Stadtgeläute an Heiligabend, einiges voraus: Es ist viel, viel älter.

Der Dank des Türmers

Spätestens seit dem Jahr 1587, als der Schlossturm fertiggestellt war und seine heutige Höhe von 50 Metern erreicht hatte, gab es auch das Turmblasen. Dort droben hauste nämlich der Turm- und Feuerwächter, der die Bürger mit seiner Tröte vor Feuer- und Feindesgefahr zu warnen hatte. Überbezahlt war der nicht, weshalb man ihm das Recht einräumte, bei Hochzeiten und weiteren Festivitäten den Höchster Bürgern gegen Honorar aufzuspielen. Das lief über die Jahrhunderte ganz gut, und an Weihnachten bedankte sich der Turmwächter, den über lange Zeit die Familie Bingemer stellte, für seine guten Honorare mit frommen Weisen vom Schlossturm.

Das könnte heute noch so sein, hätten nicht die sparsamen Preußen, als sie sich 1866 zusammen mit dem Herzogtum Nassau auch Höchst einverleibten, dem Turmwächter seinen Job gekündigt. "Lied aus" hieß nun das Kommando. Aber so springt man mit den Höchstern nicht um: Mit List und Tücke und der Etablierung einer frommen Legende verschaffte man sich nur wenige Jahre später wieder Zugang zum Schlossturm, und das fromme Werk fand seine Fortsetzung. Was war geschehen?

Die Legende der vier Brüder

Zum Krieg von 1870 / 71 wurden auch die vier Gebrüder der besagten Familie Schäfer zum Kriegsdienst eingezogen. Die Legende will nun wissen, dass diese ein feierliches Gelübde des Inhalts, dass, wenn sie heil heimkehrten, sie jede Weihnacht fromme Weisen vom Schlossturm erklingen lassen würden, abgelegt hätten. Der alte Satz des großen Michelangelo, "Si non e vero, e ben trovato" (wenn nicht wahr, so doch gut erfunden), fand in Höchst ein weiteres Mal seine Bestätigung. Und so geschah es. Die musikalischen Gebrüder Schäfer und ihre Nachkommen ließen von nun an tatsächlich ihre Lieder über der Stadt erklingen. Die Tradition fand eine Fortsetzung.

Überflüssig zu erwähnen, dass Legenden zwar hilfreich, aber keineswegs immer wahr sind. "Wenn mir haamkomme, mache mer weider" sollen sie nach gesicherter Überlieferung im Familienkreis gesagt haben. Mehr nicht. Offensichtlich war es ihnen schon vor 1870 auf undurchsichtige Weise gelungen, mit ihren Instrumenten den Schlossturm zu erklimmen. Aber die Legende tat ein Übriges. Welcher Preuße hätte es schon gewagt, vier leibhafte Kriegshelden mit einem frommen Gelübde im Rücken vom Schlossturm zu jagen? Und so blieb es beim Turmblasen, in guten wie in schlechten Zeiten. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann spielen sie an Heiligabend, im nächsten Jahr und in den folgenden Jahrhunderten wieder.hk

(hk)
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