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Erster Weltkrieg: Der Beginn der Katastrophe

Am 1. August 1914 erklärte Deutschland Russland den Krieg. In den folgenden vier Jahren starben 17 Millionen Menschen. Unser Mitarbeiter Manfred Becht hat die Berichterstattung rund um den Kriegsausbruch vor 100 Jahren im Kreisblatt ausgewertet.
Links der „Aufruf betreffend Sammlung von Liebesgaben“ von Landrat Dr. Klauser, in dem die Bevölkerung aufgefordert wird, doch bitte für „unser braves Heer“ Lebensmittel und Kleider zu spenden. Bilder > Links der „Aufruf betreffend Sammlung von Liebesgaben“ von Landrat Dr. Klauser, in dem die Bevölkerung aufgefordert wird, doch bitte für „unser braves Heer“ Lebensmittel und Kleider zu spenden.
Main-Taunus. 

Viele Leute beginnen mit der Zeitungslektüre ganz am Schluss, und wer das am 29. Juni 1914 mit dem Höchster Kreisblatt so handhabte, der interessierte sich sicher vor allem für eine Meldung aus Neuenhain, nach der am Vortag Teile der Traditionsgaststätte Batzenhaus niedergebrannt waren. Außerdem wurde über eine gelungene Beleuchtungsprobe im neuen Höchster Bahnhof berichtet.

Auf der Titelseite der gleichen Ausgabe aber spiegelte sich die Weltpolitik wider. Die ganze Seite wurde von Berichten über die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo eingenommen. Dass serbische Nationalisten dahinter steckten, das stand für die Redakteure fest; dass die Tat einen Monat später zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges führen würde, zeichnete sich noch nicht ab. Zwar beherrschte das Thema die Berichterstattung in den folgenden Tagen. Aber als am 7. Juli gemeldet wurde, der deutsche Kaiser breche zu seiner jährlich üblichen Nordlandreise auf, deutetet dies nicht auf eine Eskalation der Dinge hin.

 

Sänger-Beschwerde

 

Zwischen Main und Taunus gingen die Dinge ohnehin ihren gewohnten Gang. In Eppstein beschwerten sich die Gesangsvereine, sie seien in der Berichterstattung über einen Chorwettbewerb nicht erwähnt worden, in Hofheim gab es Klagen über ein übertrieben scharfes Vorgehen der örtlichen Polizeibeamten. Gemeldet wurde auch eine zufriedenstellende Heuernte, und in Kelkheim beschloss der Turnverein, sein Gelände nicht mehr für politische Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen.

Welche Herrscher und welche Staaten durch ihr Fehlverhalten in diesen Tagen dafür sorgten, dass aus der Krise auf dem Balkan ein Weltkrieg wurde, ist seit Jahrzehnten Gegenstand von Kontroversen der Historiker. Aber auch dem flüchtigen Zeitungsleser musste auffallen, dass sich gegen Ende Juli der Tonfall zwischen Serbien und Österreich verschärfte. Am 27. Juli wurde der Kriegsausbruch zwischen den beiden Ländern gemeldet.

Und von da an fand der Krieg auch im Lokalteil statt. „Der serbisch-österreichische Konflikt hat auch in unserer Stadt die Gemüter gewaltig erregt“, meldete das Kreisblatt aus Höchst. Als es zeitweise nach einem Nachgeben Serbiens aussah, registrierten die Journalisten „eine gewisse Enttäuschung“. Den ganzen Tag über hielten sich Menschen vor der Redaktion auf, um die neuesten Nachrichten zu erfahren. „Als gar der Redakteur den arbeitsreichen Tag mit einem Hoch auf die im Dreibund vereinigten Fürsten schloß, da stimmte alles jubelnd mit ein.“

Am Tag darauf wurde gemeldet, dass der deutschen Hochseeflotte die Rückkehr in die Heimathäfen befohlen wurde – ein Zeichen dafür, dass der Krieg nicht auf Serbien und Österreich begrenzt bleiben musste. Gleichzeitig wurde eine erste, wenn auch kleinere Einschränkung gemeldet – der Versand von Briefen und Paketen nach Serbien war nicht mehr möglich. Am 29. Juli – gerade lehnte Deutschland britische Vermittlungsbemühungen ab – wurde wieder von großer öffentlicher Erregung berichtet.

Allerdings war auch von besorgten Gesichtern die Rede, und es gab Meldungen, die den verbreiteten Hurra-Patriotismus doch etwas eindämmten. Die Aktien der Farbwerke Höchst fielen an diesem Tag krisenbedingt, aus Bad Soden wurde jetzt die Abreise russischer Kurgäste aus dem gleichen Grund gemeldet. Den Sparern schrieb das Kreisblatt ins Stammbuch, es gäbe keinen Grund, Gelder abzuheben. Und wenn in der gleichen Ausgabe über für den Kriegsfall vorgesehene Unterstützung für die Angehörigen der Soldaten berichtet wurde, konnte das besonnenere Köpfe auch nicht wirklich beruhigen.

„Hochkritische Lage“ lautete die Titelzeile am 31. Juli. Es gab Truppenbewegungen und Mobilisierungen, und die Bevölkerung wurde auf einen Krieg vorbereitet. Sollte irgendwo ein Flugapparat niedergehen, sei dem Bürgermeister auf schnellstem Wege Mitteilung zu machen, hieß es an diesem Tag. „Es bedarf wohl kaum der weiteren Erklärung, welch wichtige Interessen hier unter Umständen auf dem Spiel stehen.“

 

Fahrpläne umgestellt

 

An diesem Tage wurde dann auch, wie am nächsten Tag zu lesen war, der Kriegszustand erklärt. „Begeisterte Stimmung in Berlin“, meldete der Kreisblatt-Korrespondent. Im Regionalteil wurde das Neuenhainer Kirchweihfest angekündigt. „Die Zeiten sind allerdings nichts danach angetan“, hieß es aber auch. Und so begeistert die Stimmung in Berlin auch gewesen sein mag, man stellte sich auch auf Notzeiten ein. So sah sich der Bürgermeister von Unterliederbach genötigt, die Geschäftsleute zu mahnen, von übertriebenen Preiserhöhungen Abstand zu nehmen.

Überhaupt wirkte sich der Krieg schnell auf das Alltagsleben aus. Die Eisenbahnfahrpläne beispielsweise wurden ganz schnell auf Kriegsbetrieb umgestellt, außerdem gab es Sonderzüge zur Mobilmachung. In Höchst rief der Direktor des Gymnasiums die Schüler auf, sich für Erntearbeiten zur Verfügung zu stellen. „Die Begeisterung im Reiche“ lautete zwar am 3. August, nach der allgemeinen Mobilmachung, eine Überschrift auf der Titelseite. Aber nach Unterhaltung war den Menschen offenbar nicht – die Hostato-Lichtspiele in Höchst wurden „anlässlich der kritischen Lage“ bis auf weiteres geschlossen.

Viel über die Stimmungslage sagt auch eine Meldung über Gerüchte über „Vergiftungen der Wasserversorgung durch feindliche Spione“ aus. „Es ist geradezu unfassbar, dass solche blödsinnigen Geschichten entstehen, verbreitet und geglaubt werden“, kommentierte die Redaktion. In der gleichen Ausgabe bat das Kreisblatt seine Abonnenten um Verständnis für Schwierigkeiten bei der Zeitungszustellung.

Dass die Einschränkungen im Alltagsleben in den kommenden vier Jahren noch ganz andere Dimensionen annehmen würden, dürften zu dem Zeitpunkt nur die wenigsten geahnt haben.

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